Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bis & weit Nr. 88 den Herrn Minister Baron Buriän abzusenden. Hierauf hielt Herr Rafaei I s r a e 1 im Namen des vorbereitenden Komitees dem verstorbenen Führer der zionistischen Partei Dr. Theodor Herzl einen warmen Nachruf, der von den Anwesenden zum Zeichen der Trauer stehend angehört wurde.. Nachdem Herr Israel auch über die bisherige Tätigkeit des vorbereitenden Komitees referiert und die Statuten vorgelesen hatte, sprachen die Herren S. C ap p o n und Abr. D. Levi in formvollendeter Rede, letzterer in der Landessprache, über den Zweck des Vereines — der bekanntlich im Zusammenwirken mit hunderten ähnlicher Vereine in der ganzen Welt die Hebung des jüdischen Nationalbewußtseins und die Errichtung einer öffeotlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für die verfolgten Juden anstrebt — und konstatierte zur grossen Befriedigung aller, dass es endlich gelungen sei, die hiesigen Juden beider Parteien in dieser Idee zu vereinigen. In der darauf vorgenommenen Wahl wurden einstimmig gewählt: zum Präsidenten H. Bernardo Pinto; zu Ausschussmitgliedern die Herren J. Fleischmann, Dr. J. Israel, Dr. L. Löffler, Abr. D. Lewi, Dr. A. Friedmann, cand. ing. J. Sumbul, Ch. Waitzner, Ing. E. He um er und R. Israel; zu Ersatzmännern die Herron Abr. M. Altarass und Dr. M. Sattler und zu Revisoren die Herren Benzion Pinto und Provisor M. Teich." All diese Namen sind den Lesern der „Welt" aus den Spendenlisten für den Nationalfonds gewiss bekannt und bieten Gewähr dafür, dass die Bewegung in Bosnien sich von nun an in grossen Zügen entwickeln und für unsere Idee vonnutzen sein wird. Es ist sogar die Hoffnung nicht unberechtigt, dass es in Bosnien bald keinen Juden geben wird, der nicht Zionist wäre. Brief aus Ungarn. Endlich auch einmal etwas Erfreuliches aus dem so arg verschrienen Lande des Csardas und der Himmelspächter („Geisteshelden" im Mainzer Jargon). Im dunklen Blätterwäldchen hat es sich geregt, von dort her kam ein Rauschen. Und, bei Gott, es war kein „ehrwürdiger" Kontrabass, der sich uns so ankündigte. Fürchterlicher Ernst ist es unseren gesalbten „Orthodoxisten" mit ihrer Arbeit. Die Berufsgegner haben für Neujahr die Dunkelkammer verlassen, um das gespannt horchende Israel mit ihrem Projekt zu überraschen. Und wahrlich, das Bild sieht ihnen ähnlich . . . Für diesmal begnügte sich „die Säule der Gesetzestreue", auf deren Schultern die Revenuen der autonom-orthodox-israelitischen Kultusgemeinde von Waitzen samt den „G'liios" schwer lasten, mit dem vorläufigen Gründen wollen eines ungarischorthodoxen Kolonialbänkchens ... Im Teltalpios wird für dieses Werkl warm gedrehorgelt: „Und da es nicht so leicht in die Höhe ragt und in die Weite geht (nicht sucht), solle man wenigstens etwas anfangen, wie es K'hillokodesch Waitzen schon seit über fünf Jahren tut. Man müsse einige Groschen zusammenstoppeln, um nach einiger Zeit Versorgungshäuser in Palästina bauen zu können." Selbstverständlich solche für verkrüppelte Geisteshelden und degenerierte Goluskrücklinge, die, dort vom Schweisse unseres Angesichtes lebend, in Behaglichkeit über die Grösse der Leuchten des Exils und die Verwerflichkeit der Zionsstreber nachdenken sollten. „Das Werk ist nicht zu leicht; geht nicht von heute auf morgen: wir müssen alle Kräfte zusammenspannen und guter Rat ist teuer." Dieses wohllöbliche Projekt ist, auf gut deutsch übersetzt, nichts weniger als die Neuauflage des bankrotten Koielwerkes. Wir Zionisten haben keinen Grund, uns über diese Fehlgeburt aufzuregen. Diese arme Kreatur, wenn sie auch lebensfähig wäre, müsste an „der so oft bewährten Freigebigkeit" der Orthodoxie Ungarns zugrunde gehen. Denn, wenn auch bei unserer geistigen Hungersnot „Weizen" horrende Preise erzielt, ist der Weg vom bigotten Augenverdrehen bis zur geöffneten Geldtasche noch ein so weiter, dass so mancher Orthodoxe manch interessantes Abenteuer über diese Strecke erzählen kann. Hat ja, und das ist noch gar nicht so lange her, die orthodoxe Gemeinde Grosswardein, als sie für eine jüdisch-orthodoxe Lehrerpräparandie, die doch für die vitalsten Interessen unserer Judenheit ein unentbehrliches Institut ist, sammelte, vom ganzen Reiche der heiligen Stephanskrone sage und rede eine Krone erhalten. Und damals winkte ausser der fetten Gan-Eden-Pfründe auch noch reicher Segen, Orden und Titel — da es doch auch ein patriotisches Werk war — von unten. Wie gesagt, wir Zionisten haben von den rot-weiss-grünen Orthodoxen nichts zu fürchten; neugierig sind wir nur, was die Gesalbten des Herrn, die am Maine thronen, zu dem Exkurs unseres Thorafürsten von Waitzens Gnaden ins Kolonialbänkelsängerische wohl sagen? Wird es ihnen, die nach siebenjährigem Gegendenstromschwimmen sich nur durch . das Ergreifen eines Strohhalmes, des apokryphen Briefes von S. R. Hirsch, vom Untergange retten wollen, nicht ungeheuerlich in dieser Situation? Oder haben sie noch immer kein Gefühl für die ägyptische Finsternis, die man bei ihnen schon tappen kann? Unsere Wilden sind doch bessere Juden. In ihrer kurzsichtigen Beschränktheit konnten sie ohne Verkleinerungsglas nicht sehen. Aber so weit hat die Frankfurter Brille ihr Auge noch nicht verdorben, dass sie den Abgrund nicht schauen sollten, zu dem jene Selbstverstümmelung führen muss. Die Sprache „von Jischub Erez Israel als nicht geringe Sünde und vom Gaon aus Kaiisch als lächerlichem Dümmling" haben sie jenen überlassen, deren ganzes geistiges Leben das bastardische Punkt der Kreuzung von zwei extremen Kulturen ist. Unser heiliges Gesetz hat tausendmal recht, wenn es die Mischehe, selbst mit dem Revers, dass die Kinder Juden bleiben, verwirft . . . Bei uns in Ungarn sind solche Ausgeburten nicht möglich; unsere „Geisteshelden" werden nicht mit diesem germanischen Kulturdünger gezüchtet. Z i o n i. Aus Russland. Petersburg, Der Ukas des Zaren über die Aenderung der Bestimmungen betreffs des Wohnrechtes d*r Juden in Russland wird fast von allen russischen Blattein besprochen. Die „Nowoje Wremja", welche ihre Unzufriedenheit darüber, dass man überhaupt den Status quo der jüdischen Ausnahm ^gesetz^ehutig ändern will, nicht verbergen kann, bemerkt in perfider Weise, dass die Juden die ihnen erwiesenen Gnaden hoffentlich nicht missbrauchen würden, denn nur in diesem Falle würden die Russen den Juden Liebe entgegenbringen. Die „Nowosti" erwarten, dass der Ukas nur den Anfang zur Besserung der Lage der Juden im Reiche gemacht habt?, und weisen auf viele Beschränkungen der Rechte der Juden hin, welche aufgehoben werden müssten, wollte man di» Lage der Juden besser gestalten. Offener besprechen die Provinzblätter den kaiserlichen Ukas. Der „Kiewljanin" sagt: „Der Ukas hat bloss einige Fragen privater Natur geregelt, / icht den Grundsatz der geltenden Gesetzgebung über die Juden, Die Idee der Gleichheit vor dem Gesetze in Bezug auf die Wahl des Wohnortes und der Gewerbefreiheit ist so unzweifelhaft, dass sie sich Bahn brechen muss. Der Ukas muss daher nur den Beginn einer neuen Aera in B^zug auf das Wohnrecht der Juden bedeuten," Die „O lesskija Nowosti*' schreiben : „D^r Ukas ändert die allgemeine Lage der jüdischen Massen nicht. Diese Aenderung bleibt noch immer der Zukunft vorbehalten." Petersburg, Zum Minister des Innern wurde der bisherige Generalgouvemeur von Wiina Fürst Swiatopolk- Mirsky ernannt. Man rühmt dem neuen Minister nach, dass er von humanen Anschauungen beseelt sei. In einer Unterredung welche der n^ue Minister einem französischen Journalisten gewährt**, soll Fürst Swiatopolk-Mirsky in bezug auf die Gestallung der künftigen Lage der Juden in Russland wörtlich gesagt haben : Jen bin keineswegs ein Feind der Juden, aber wenn wir ihnen alle Freiheiten geben würden wie den Orthodoxen, würden sie sich zu rasch entwickeln und zu grosse Bedeutung gewinnen. Ich bin entschlossen, die Juden mit dem grössten Wohlwollen zu behandeln und das Los der im Elend schmachtenden Klassen der Israeliten zu verbessern. Mit Güte erzielt man glückliche Resultate."