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Die Welt · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. *8 „bi* & Welt" Seite 7 Aber eben da liegt die unlösbare Crux Wenn nun endlich wirklich diese Verwandlung gelungen — und erst recht, wenn sie genial gelungen — was ist dann geschehen? Dann ist eben das Neue die Bibel nicht mehr! Wir haben ein völlig anderes, fremdes Produkt erhalten, das alles eher als angetan ist, uns das Eigentümliche der Bibel zu reproduzieren. Das Schöne hat das Charakteristische tot gemacht! Und wiederum ohne dieses Schöne war dieses Charakteristische in moderner Sprache für uns ungeniessbar. Um dieses Dilemma kommt niemand herum, und so ist es kein Wunder, dass bis auf die Tage M. A. Klausners kein Mensch in irgend einer Sprache der Welt das Kunststück vollbracht hat, die Bibel geniessbar nachzudichten, doch einer verstand es und das war — Luther; später auch einige von den vielen, die seine Wege nachgingen. Und eben Luthers Beispiel ist ein klassisches Zeugnis dafür, wie und in welchem ganz beschränkten Masse doch der Poesie der Bibel mit den Mitteln der Moderne beizukommen wäre. Als Luther die Bibel übertrug, tat er das wohlweislich in Prosa, und als er Verse machte, war es nicht mehr eine Uebertragung. Luther, der Dichter in seinem naivpoetischen Instinkt, nahm die althebräische Kunst als das, was sie war: nur als Inspiration, und durch das Medium seines modernen Könnens hindurch ging diese Inspiration in die zweite Form ein, in die Abspiegelung zum Kunstwerk. Und das kann ein jeder Dichter tun, kein anderes ist möglich — sich vom Geiste der Bibel inspirieren lassen, um dann aber völlig frei von ihr neue Gebilde aus diesem Inspirationskeim heraus zu gestalten. Was dabei geschieht, ist jener geheimnisvolle Prozess, dessen Wesen vielleicht keiner wie Otto Ludwig enthüllt hat. „Der Künstler", sagt er, „verfährt nach den Gesetzen der Erinnerung." Was er dabei meint, ist dies, dass der Künstler nicht den unmittelbaren Eindruck aus seiner Seele niederschlägt, sondern nnr jene Züge des inspirierenden Dinges, die die Erinnerung ganz besonders festhält, unter Auslassung alles Nebenwerkes, das nichts zum tiefsten Charakter des Dinges beiträgt, und unter Entfernung alles Eingreifens der übrigen Welt, so dass ein markantes, durch scharf herausgearbeitete Hauptlinien plastisch beleuchtetes, in sich abgeschlossenes Ganzes in der Seele bleibt. So sind einmal Abkürzen, Epitomieren und dann wiederum Vertiefen, Auslebenlassen die beiden Kunstmittel zur Umwandlung des Unmittelbaren, der Inspiration, in das Schöne, das Kunstwerk. So tat Luther mit den Psalmen. Er nahm nur einen Vers oder besser das innere Leitmotiv eines David'schen Sanges, benützte auch hie und da seine schönsten Klänge; aber nur dieses Wenige liess er dichterisch ausleben, alles andere blieb als Kunstschlacke zurück. Und so entstanden seine Lieder. Jetzt war auch die moderne Strophenform am Platze, denn nicht mehr der ganze, übervoll quellende, der ungesiebten inspirativen Phantasie zugehörige, enthusiastische Inhalt drohte mehr die Fassung zu zersprengen. Also wer die Bibel in die Moderne pflanzen will, der inspirieie sich an ihr — wenn er ein Dichter ist! Alle Kunstgattungen werden reichsten Segen erfahren. Merkwürdigerweise und zu unserer Beschämung haben nur christliche Dichter das bisher verstanden, Luther für das Lied, Goethe für seinen „Faust*, Hebbel und Otto Ludwig für das Drama, Friedich Nietzsche für die prophetische Rhetorik und Heinrich Hart für sein prächtiges Epos „Mose" in seinem „Liede der Menschheit". Unsere jungjüdischen Dichter haben, soweit mir bekannt ist, bisher nur in der Lyrik, aber da oft mit schönem Erfolge, solche Versuche begonnen. Die ewigsten Schätze für das Drama und das Epos der Bibel zu heben, das steht noch vor ihnen. Aber beileibe niemals übertragen! Diese Sisyphusarbeit kann keinem gelingen. Auch M. A. Klausner gelang sie nicht. Seine „ehrfürchtige Scheu" bei Beginn des Versuches war nur zu wohlbegründet und gerade „die Liebe zum heiligen Original", aus der einzig er die Berechtigung schöpfen zu dürfen glaubte, hätte seine vermessene Hand zum Stillstand bringen müssen. Das wäre nicht nur für die Bibel, sondern auch für die Poesie besser gewesen. Denn Klausner, der das Poetische der Bibel so fühlbar machen möchte, dass womöglich die Uebertragung den lebendigen Eindruck schaffe, dass dichterische Kraft und Kunst seit Jahrtausenden keinen Fortschritt gemacht haben, ist nicht die Spur von einem Dichter. Das sollen seine Werke demonstrieren. (Fortsetzung folgt.) Der Zionismus in Bosnien. Gleich nach Beginn der zionistischen Bewegung zeigten sich in Bosnien die ersten Zionisten. Eigentlich hatte es der Zionismus verhältnismässig leicht, hier Fuss zu fassen, da die hiesige jüdische Bevölkerung zumgrössten Teile aus den schon seit über 300 Jahren hier ansässigen Sephardim besteht, die nie in der anderen Bevölkerung untertauchten und nie einen Anlauf zur Assimilation nahmen, sondern sich ttets als separater Volkskörper fühlten. Nach der Okkupation begann der Zuzug von aschkenasischen Juden, die teils als Kaufleute, teils als Beamte der neuen Verwaltung ins Land kamen. Diese brachten schon eine angenommene fremde Nationalität mit, die sie hier auch weiterbehielten und sie, ihre eigenen Kultusgemeir.den gründend, traten mit den eingeborenen Sephardim auch nicht in religiösen Kontakt. Erst die jüngere Generation dieser Einwanderer, meistens Akademiker, die an den Hochschulen schon der Bewegung nahestanden, wusste uoter den aschkenasischen Juden Interesse am Zionismus zu erwecken. Erst dadurch wurde ein Zusammengehen alier bosnischen Juden ermöglicht, und hat auch hier der Zionismus seine Macht als einigender Faktor gezeigt. Zerstreut im Lande bildeten sich kleine Gruppen von Zionisten, die den Schekel zahlten, Bankaktien kauften und für den Nationaifonds spendeten. Vereine bildeten sich bis jetzt keine. Erst heuer gelang es der Tätigkeit einiger rühriger, speziell Sarajevoer Zionisten von der Landesregierung die Bestätigung der Statuten für einen zionistischen Zentralverein tür Bosnien unter dem Namen „Bene Zion" zu erlangen. Der Verein hat als Basis das Baseler Programm und als Zweck die Propagierung cHr zionistischen Idee, die Hebung des jüdischen Natio? albewusstseins und die Sammlung von Geldern für den jüdischen Nationalfonds. Der Sitz des Vereines ist in Sarajevo; sein Wirkungskreis erstreckt sich aber auf das ga^ze Gebiet von Bosnien und der Heizegowina, und es werden in Städten mit grösserer jüdischer Bevölkerung Filialen errichtet werden. Der Verein erwartet von allen Zionisten Bosniens, dass sie ihm beitreten und sich in allen zionistischen Angelegenheiten an ihn wenden werden. (Adresse: Bernardo L, Pinto für „Bene Zion", Sarajevo.) Am 30. v. M. hielt der Verein seine konstituierende Generalversammlung ab und schreibt darüber die „Bosnische Post* vom ä. d. M. folgendes: „Generalversammlung des Vereines „Bene Zion". Am 30. v. M. hielt der Verein „Bene Zion", dessen Statuten unlängst von der Landesregierung bestätigt wurden, seine konstituierende Generalversammlung ab. Anwesend waren über 100 Mitglieder, darunter auch der Rabbiner der österreichisch-ungarischen Kultusgemeinde Se. Ehrwürden Herr Dr. Wessel. Gleich zu Beginn wurde beschlossen, ein Huldigungstelegramm an Seine Majestät den Kaiser und ein Dankestelegramm an Se. Exzellenz

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