Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bi* # Welt" Nr. 38 Unsere zahlreichen Wohltäter, die nirgends fehlen, wo, es gilt Hunger zu stillen, sollten hier helfen, den Wissenshunger so vieler zu befriedigen. Denn sie melden sich immer zahlreicher, die Väter, die ihrem Kinde die moderne Bildung nicht entziehen möchten, sich aber bisher nicht entschliessen konnten, ihr Kind einer Anstalt anzuvertrauen, an der es ihrem Volke entfremdet werden könnte. So mancher Vater, so manches Kind — vielleicht das befähigteste — muss zurückgewiesen werden, wegen Mangel an Mitteln, die an einer Privatanstalt naturgemäss etwas höher sind, und die nicht jeder aufbringen kann. Für uns alle aber wäre die Erhaltung, die Sicherung einer solchen Anstalt ein schönes Stück Gegenwartsarbeit und zugleich — im schönsten Sinne des Wortes --Zukunft sarbeit.*) Dr. Simon Friedmann. Die Modernisierung der Bibel. Eine ästhetische Untersuchung von Dr. Israel Auerbach. Niemals war es für unsere Dichter und Literaten leichter als heutigentags, zu ihrer Geltung zu kommen. Der jüdische Volksgeist ist erwacht und lauscht verwundert und freudig erregt auf seine eigenen Offenbarungen. Jedes neue Hälmchen, das aufschiesst, /jedes farbenschimmernde Knöspchen, das seine Lider öffnet, wird mit Spannung und mit Jubel begrüsst und jeder brausende oder zitternde Klang, der in die Lüfte steigt, lässt die Herzen schlagen wie die Verkündigung einer Auferstehung an leuchtendem Frühlingsmorgen, Aus keinem Zeichen scheint das Wunder der Neugeburt unseres Volkes so sicher und zukunftstrunken zu sprechen als aus dem Aufspriessen einer neuen Kunst und jedes neue Werk aus jungjüdischer üand scheint ein neues Zeugnis. In solchen Tagen hat wie nie die Kritik die Pflicht, auf der Warte zu stehen, dass der Enthusiasmus nicht zum Verhängnis wird. Die neue Kunst, die da werden soll, muss eine hohe werden, gross und rein wie das Schicksal unseres Volkes, das wir Jungen rüsten. Da darf keine lächelnde Rücksicht und kein verzeihendes Wohlwollen die Wagschale beschweren. Ein kaltes, scharfes Schwert muss entschlossen scheiden zwischen Wort und Unwert, zwischen Ruten und Lorbeer. Und vielleicht haben wir heute schon manches gutzumachen, was gerade unser zionistischer Uebereifer an der jungjüdischen Kunst gesündigt. Das Vorwort zur zweiten Auflage der Klausnerschen „Gedichte der Bibel" kann selbstbewusst von einer einhellig freundlichen Aufnahme berichten. Und in der Tat sind keine anderen als zustimmende Aeusserungen laut geworden. Was die jüdische Kunstkritik vor allem zu loben fand, war die Grösse der Aufgabe wie der Ernst bei ihrer Lösung, eine energische Erfassung und Durchdringung des biblischen Geistes wie Kongenialität (!) seiner Wiedergabe, Fluss und Kraft der Sprache und endlich innere Uebereinstimmung, Harmonie der jeweiligen Form mit dem Inhalt. Eben dieses merkwürdig einhellige Urteil bedarf der Revidierung in jedem Stücke. Die Grösse der Aufgabe ist anzuerkennen. Aber schon die Frage nach ihrem Wesen und ihrer daraus resultierenden Berechtigung und Wertung will erst geprüft sein, Bloss die Bekanntschaft des biblischen In- *) Es handelt sich uns bei der Publikation dieses Artikels natürlich nicht um eine — wenn auch hier wohl berechtigte — Reklame für eine bestimmte Anstalt, sondern um das Prinzipielle der Sache, das wir vollständig billigen müssen. Die Redaktion. haltes den des Hebräischen Unkundigen zu vermitteln, also eine Eselsbrücke für Jüdisch-Impotente zu bilden, ist sicher nicht ihr Ehrgeiz. Dazu brauchte es auch wahrlich keiner Verse. Aber um die Fühlbarmachung der alttestamentarischen Poesie eben handelt es sich. Die Uebertragung sollte, wie das Vorwort sagt, den lebendigen Eindruck schaffen, dass dichterische Kraf und Kunst seit Jahrtausenden keinen Fortschritt ge macht haben. Aliein diese Feststellung ist überflüssig Auch die homerischen Gesänge haben das Alter de Bibel, und kein Mensch war jemals der vermessene Meinung, dass die nachfolgenden Jahrtausende poetisc ü^r sie hinausgeschritten seien. Und seit Herder is auch der Kunstthron der Bibel genug fest gegründet Was nötig war, ist das Näherrücken einer antiken Gefühlswelt an unser modernes Empfinden, das Herausholen poetischen Inhalts von ewiggrünem Wert der poetischen Formen, die unser anders geschultes Geniessen hilflos umkreist, ohne die rechte Beleuchtung für ihre Farben, die rechte Stellung zu ihren Schönheitslinien zu finden. Mit anderen Worten, hebräische Poesie soll in deutsche Poesie verwandelt werden. Das ist nun nicht so leicht als eine Verdeutschung der Griechen. Die antiken Formen der hellenischen Kunst sind durch eine nie unterbrochene Tradition ins Moderne und Deutsche hinübergewandert und führen zum Teil, wie der Hexameter, hier ein frisches Leben. Nicht so die Kunstform der Bibel, der die arischen Sprachen sich nicht fügen wollen. Hat auch durch Nietzsche der Hymnus mit parallelistischem Satz den Klang des Alttestamentarischen ins Deutsche hineingetragen, so ist doch damit nur ein Gebiet gewonnen, das Prophetisch-Visionäre und Mystisch-Weisheitstiefe; das eigentliche Lied der Bibel und der kurze Spruch sind weiter aussen geblieben. Wie also soll die Poesie der Bibel zur Moderne gelangen? Und dann noch eins! Es nützt nichts, darüber hinwegzutäuschen: die Poesie der Bibel war niemals reine Kunst. Der Atem des Pathos, die Gewalt der Idee, der reissende Strom der Empfindung haben immer und überall die schöne Form durchbrochen. Unsere alten reckenhaften Hebräer haben niemals das schöne Gleichmass des Griechen und das bildhauerische Gefühl für Epitomierung und Abrundung eines Ganzen besessen, das die Träumerei des Schöpfers erst zur Wirklichkeit umwandelt. Der Unterschied altsemitischen und altarischen Kunstschaffens ist am prägnantesten so vielleicht gestempelt: Der Hebräer gab die Inspiration, wie sie war, der Grieche ihren gereinigten Spiegel, das vollendete Kunstwerk. Der Jude ist unmittelbarer, der Grieche schöner. Um also unsere Bibel in die Moderne einzuführen, wäre zweierlei nötig: einmal die Entdeckung einer oder mehrerer neuer Formen, die die goldene Mitte halten zwischen den unserer Sprache widerstrebenden biblischen und solchen modernen Formen, die von jenen wieder allzufern sind; zweitens, da wir als Geniesser der Kunst Schüler der Hellenen darstellen: Umgiessen einer Poesie des rein Unmittelbaren in eine Poesie des rein Schönen. Beide Forderungen hängen aufs tiefste zusammen. Denn eben das Wesen des rein Schönen ist die Symmetrie, ist die geschlossene reine Form; wie das Wesen des Unmittelbaren ein nur bedingtes, vom jeweiligen Inhalt momentweise abhängiges Gleichmass der Glieder. So bleibt also als einzige Aufgabe des modernen Bibelnachdichters bestehen: das Unmittelbare ins Schöne zu verwandeln.