Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 38 „bis # W*lt" Seite 5 Zur Gegenwartsarbeit. Gross und grell ist die Not der Juden — insbesondere im Osten — und zahlreich siud die Versuche zur Beseitigung oder nur Linderung dieser Not. Nicht minder gross, wenn auch minder grell — weil nicht jedem Auge sichtbar — ist jedoch auch die Not des Judentums — insbesondere im Westen, und gar wenig geschah bisher zur Beseitigung oder auch nur Linderung dieser Not, die darin besteht, dass den Juden das Judentum fremd wird, dass die Juden entfremdet werden dem Judentum, das sie oft nur aus antisemitischen Schriften kennen lernen, so dass sie nicht selten selbst Antisemiten sind und selbst ihr Judentum geringschätzen, ja verachten. Wohl wurde in **ier letzten Zeit durch die national-zionistische Bewegung in den Herzen tausender die Liebe zum Judentum wieder entfacht, indes ohne dass die Kenntnis des Judentums bedeutende Fortschritte gemacht hätte. Ist schon das so unerwartete Erwachen dieser Liebe fast ein Wunder zu nennen, so wäre es ein unerhörtes Wunder, wenn auch die Kenntnis des Judentums so plötzlich gekommen wäre oder zugenommen hätte. Die Sünden von Jahrzehnten lassen sich nicht in wenigen Jahren, lassen sich überhaupt nicht mehr völlig gutmachen. Für die bereits im Leben stehende, für die gegenwärtige Generation müssen wir uns damit begnügen, was die nationalen und Geschichtsvereine sowie die nationalen Zeitschriften bieten. Anders ist es mit der kommenden Generation — mit unserer Jugend. Dürfen wir uns da darauf verlassen, dass das Leben, das feindliche Leben, das so viele von uns mit starker Hand zum Judentum zurückgeführt hat, diese erzieherische Mission auch künftighin betätigen wird, dass unter dem Einflüsse dieses Lebens auch in den Herzen unserer Nachfolger der Trotz und Stolz erwachen werden? Darauf uns zu verlassen, wäre vielleicht gestattet — obwohl der Talmud es uns verbietet, uns auf Wunder zu verlassen — und wäre gewiss bequem, wenn wir es nicht wüssten, es nicht täglich sehen würden, dass dasselbe feindliche Leben gar viele aus unseren Reihen reisst, gar viele zum Abfall bringt. Man tröste sich nicht mit der schlechten Ausrede, dass es nur die faulen Früchte sind, die abfallen. Dass es nicht die Unfähigsten sind, die wir verlieren, das beweisen die hohen Stellungen, die sie oft nach ihrem Abfalle sich erobern. Und wenn sie auch — da sie abgefallen sind — im Innern angefault sein mussten — warum waren, warum sind sie es? Konnte dies nicht verhütet werden, konnten sie nicht so gepflegt, so erzogen werden, dass sie gesund, dass sie gegen Versuchungen widerstandsfähig werden und bleiben? Nicht ihre Schuld ist es, dass sie das Judentum zu wenig kennen, um es zu lieben, „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen", um bereit zu sein, auch Opfer — und schwere Opfer — dafür zu bringen. Wer hätte ihnen die Kenntnis vermitteln, diese Liebe einpflanzen sollen? Etwa das Haus, das sich gar oft oder zumeist indifferent — oder die Schule, die sich fast immer feindlich verhält zum Judentum? Jede Schule steht naturgemäss entsprechend der nationalen Richtung unserer Zeit im Dienste der Nation, die sie erhält. Von nationalem, christlich-deutschem oder slawischem Geiste ist der Unterricht, insbesondere der Geschichtsunterricht, geleitet und der fremd nationale Gesichtspunkt ist bei der Abfassung oder Auswahl der meisten Lesestücke entscheidend. Zur Bewunderung und Liebe für die Geschichte, die Helden und Heroen fremder Nationen wird die jüdische Jugend an geeifert und dadurch für ein Wirken im Dienste nur anderer Nationen erzogen. Wie gering muss einem Judenjungen, dem die Geschichte und Leistungen der Nation, deren Schule er besucht, im glänzendsten Lichte dargestellt werden, sein Judentum erscheinen, das er bloss aus dem notwendigerweise knapp gehaltenen Lehrbuche der jüdischen Geschichte oder aus einigen mit grosser Mühe übersetzten Bibelversen kennt, während er von der jüdischen und hebräischen Literatur mit Abschluss der Bibel bis zum heutigen Tag im besten Falle das weiss, dass sie existiert! Können wir nun gegen dieses Uebel, diese Not nichts unternehmen, dürfen wir die Erziehung „der Judenjungen zu jungen Juden" ganz dem Antisemitismus überlassen und sollen wir selbst nichts dazutun? Diese Frage wurde bereits an vielen Orten — auch auf unseren Kongressen — behandelt und in hebräischen Blättern insbesondere wurde bereits die Gründung einer — jüdischen Hochschule vorgeschlagen. Sollten wir nun nicht lieber mit der Gründung einer jüdischen Mittelschule beginnen? In der Mittelschule wird die Geistes- und Gefühlsrichtung des heranwachsenden Geschlechtes am stärksten und am dauerndsten beeinüusst, in der Mittelschule wird aus dem Knaben ein Jüngling. Hier wird nicht zum ersten Male die Notwendigkeit der jüdischen Mittelschulen, vorläufig einer jüdischen Mittelschule erörtert. Viel wurde darüber geschwärmt, gesprochen und geschrieben. Ja die Tat ist schon geschehen, der Versuch schon gemacht. Eine jüdische Mittelschule, wenn auch vorläufig nur eine private, besteht bereits, dank der Opferfreudigkeit, dem Idealismus und der Tatkraft eines Mannes, des Rabbiners der jüdischen Gemeinde U n g. - B r o d (Mähren) Dr. M. Jung. Zwei Jahresberichte dieser Anstalt liegen uns bereits vor. Keineswegs wird dort etwa eine „rituell zugeschnittene" Wissenschaft gelehrt. Die Norm für die staatlichen Gymnasien ist natürlicherweise auch für diese Schule massgebend, und 20 Prozent ihrer Schüler haben an einer staatlichen Schule die Prüfung m i t V o r z u g bestanden. Jüdisch ist diese Anstalt, weil dort die Schüler das Judentum theoretisch und praktisch kennen lernen. Ausser jüdischer Geschichte wird die Bibel, hebräischer Bibelkommentar, hebräische Grammatik, Mischna und Gamarah gelehrt, und die Vorschriften, Sitten und Bräuche des Judentums bilden keinen Lehrgegenstand, sondern werden durch praktische Ausübung eingeprägt. Keine Schule für Heranbildung von Rabbinern soll es sein, wohl aber eine Schule zur Heranbildung von Sendboten, von Sendboten der Liebe zum Judentum, Der Anfang ist nun getan, das Gebäude ist errichtet, und nun heisst es, dieses Gebäude zu befestigen, seinen Bestand für die Zukunft zu sichern. Es hat sich — mit dem Sitze in Ung.-Brod — ein Verein zur Erhaltung dieser jüdischen Mittelschule gebildet und allen, die für die Gründung einer jüdischen Mittelschule in Wort und Schrift eingetreten sind, allen, deren Ideal die nationale Erziehung unserer Jugend ist, allen, die für eine jüdische Kultur schwärmen, ihnen allen ist nun Gelegenheit geboten, ihnen allen obliegt es nun, durch ihren Beitritt zu dem obgenannten Vereine das, wofür sie eingetreten sind, das, wovon sie geschwärmt, das, was sie für gut und nützlich gefunden haben, auch zu betätigen. Den Freunden der hebräischen Literatur, die den Mangel eines verständnisvollen hebräischen Lesepublikums so schwer empfinden und so bitter beklagen, ist hier Gelegenheit geboten, an der Heranbildung eines solchen Publikums mitzuwirken. Wohl wird — was manchem vielleicht als Mangel erscheinen dürfte — vorderhand nur die althebräische Literatur berücksichtigt. Keiner dürfte es jedoch bestreiten, dass die Kenntnis der althebräischen Literatur die Voraussetzung ist für das Verständnis der modernen. Wird doch die Kenntnis der fremdnationalen alten — lateinischen und griechischen — Kulturen von den Angehörigen aller europäischen Nationen als die Voraussetzung für das Verständnis der-modernen eigennationalen anerkannt.