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Die Welt · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „bi* * Welt" Nr. 38 ist, den Unzufriedenen einen Prügelknaben überlassen zu können, ohne dass andere sich darüber besonders aufregen, so haben wir äussere Hilfe nicht zu erwarten* Wo sie uns ehrlich geboten wird, wollen wir sie dankbar annehmen. Sie wird uns aber in unserer Wachsamkeit, in unseren Vorbereitungen zur Abwehr und zur inneren Kräftigung nimmer als ausschlaggebender Faktor gelten. Denn unseren Kampf müssen wir selbst auskämpfen. Unsere Feinde haben dafür gesorgt, dass nur die kräftigsten unserer Voreltern sich erhalten konnten. Unsere Gegner, unsere ewigen Verfolger waren es, die uns zu dem widerstandsfähigsten, gegen Schicksalsschläge fast unempfindlichen, immer tätigen und wachsamen Volke herangezüchtet haben. Wohl ist uns auch viel Edles und Feines vernichtet und manches Harte, Trübe anerzogen worden, aber ein kraftvolles, ernstes, arbeitsfreudiges und arbeitstüchtiges Volk sind wir geblieben oder, wenn man lieber will, geworden. Deshalb werden wir den Kampf bestehen, wenn wir unsere Kräfte sammeln, unsere Arbeit organisieren und den Lebenswillen unseres Volkes erhöhen« Als achtunggebietendes Ganzes werden wir durch unsere geeinte Kraft allein die ärgsten Schimpflichkeiten des uns aufgedrungenen Kampfes von vornherein unmöglich machen und, haben wir erst unser eigenes Heim, auch bei unvermeidlichem Unglück dauernde Hilfe bieten können. Als Gleichwertige wollen wir in die grosse Völkerfamilie eintreten, die sich in später Zeit einst bilden wird, wie unsere Frommen glauben nach den Prophezeiungen unserer Propheten, wie die Edlen aller Völker hoffen, die in der Menschheit nicht eine wirre, dumpfe Horde ohne Zweck und Ziel sehen. Unsere Arbeit ist gross und schwer, aber sie allein ist imstande, uns zu den höchsten Anstrengungen zu begeistern. Der Zionismus hat uns diese Arbeit als unseren Lebensinhalt gegeben. Der Zionismus verlangt von uns. dass wir ihn unserem ganzen Volke geben. Dann erst werden wir den grossen Versöhnungstag feiern, nach dem unser Volk sich seit Jahrtausenden sehnt, den Versöhnungstag der Menschheit, das Ende unseres, das Ende aller Kriege. W. Brief aus England. Leschono Towo! Glückliches Neujahr wünsche ich euch, Brüder und Leser auf dem Kontinente, die ich im Laufe des verflossenen Jahres nach Kräften über die Vorgänge bei uns auf dem Laufenden hielt. Es ist ja eigentümlich, dass man jetzt von einem Neujahr spricht. Geht man in der Stadt herum, in der City, in den meisten Vororten, im ganzen ungeheuren London, so merkt man nichts. Dieselbe Hast und rastlose Arbeit. Und die Schlote qualmen und die Räder der Fabriksmaschinen drehen sich, Menschen schwitzen, bluten, brechen zusammen unter der Bürde des Lebens, anderen Platz machend, die hungrigen Auges ungeduldig auf das Getriebe blicken und eingreifen möchten. Busy London und Rosch-Haschana! Die Riesenstadt und der friedliche, stille Tag der Jahreswende. Ja, wenn es ihr Neujahr ist! Dann ruht alles, Menschen und Räder, Maschinen und Dampf — Ruhe, Frieden auf Erden. Aber bei uns? Wer kümmert sich darum, ob unsere einzige Stunde des tiefen, gemütvollen Seelenlebens gestört, getrübt wird? „Und wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande vertrieben, von unserer Erde entfernt worden..." Und wir gehen hinein, in die dumpfen Strassen von Whitechapel. Dort ist scheinbar Ruhe. Aber ist dort wirkliche, jüdische Stimmung? Proletarisches Bewusstsein Klassengeist, Pauperismus, das niederdrückende Elend, die ermüdende Arbeit treiben den Geist des Judentums aus, den alten, ehrwürdigen. Es gibt keine Ruhe; die alten Götter sind zerstört, die heuen .....? Wann kommen sie? Und es summt und surrt mir im Kopfe die alte Weise herum: „Und wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande vertrieben worden . . . u Und wie ich an diese Worte denke, steht vor meinen Augen die Geschichte der letzten Jahre des jüdischen Lebens auf, die Jahre der Verzweiflung und der Geburt der neuen Hoffnung. Und ich brauche ja nicht weit auszugreifen. Ich will bloss das Leben der englischen Juden im letzten Jahre mir vergegenwärtigen. Haben wir während des Jahres etwas besonders Unangenehmes erlebt? Bewahre, wir sind doch freie Citizens of Old England. Aber Limerick, aber die Judenhetzen in Wales, aber die Anti-Alien-, oder richtiger antijüdische Agitation, aber der wachsende Widerwillen des eingebornen Engländers gegen den „ Fremden", gegen den polnischen oder russischen Juden? Schritt für Schritt verfolgten wir im Laufe des Jahres die Ereignisse des Tages, und wir brauchen nicht die Geschichte wieder zu rekapitulieren. Es würde zu traurig werden. Und Trauer haben wir genug. Israel ist in eine unendliche Trauer eingehüllt. Wohin ich blicke, sehe ich unbefriedigte Wünsche, gebrochene Herzen und Sehnsucht, ungestillte Sehnsucht. Und als ich die Schofartöne hörte, die einst vor den Toren Jerichos, der grünen Olivenstadt, schallten und die Festung zum Falle brachten, da presste sich meine Kehle zusammen. Auch die Töne weinten, denn „wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande vertrieben worden". Es ist wahrlich keine Feiertagsstimmung, die meinen Worten jetzt zugrunde liegt. Aber ist denn nicht das ganze jüdische Leben so? Weiss auf schwarzem Grunde? Ein Streiten von Licht in einer sternlosen, bodenlosen Finsternis. Ich werde eine Tatsache aus den letzten Tagen berichten, die zum Kähmen, des Bildes ( als Illustration dient. Es gibt in allen grossen Städten ein Heer von Journalisten, die — unbegabt und ungebildet, wie sie sind — gewöhnlich auch nichts Gutes zu tun haben. Sie schnüffeln, suchen, schaufeln in allen Misthaufen, wittern gleich mit ihrer Spürhundsnase, wo was zu finden wäre, und kribbeln darin, wühlen dort zum Gaudium des Publikums. Mögen dann Pestfliegen kommen, mögen dann die Folgen ihrer Wühlerei die schlimmsten sein, was kümmert es sie? His work is done, ^jfo kam ein Londoner Journalist, Mr. Harald Begbie vom „D a il y M ail", die das Feuer der Anti-Alien-Bewegung schürte, und veröffentlichte in dieser Zeitung eine Beschreibung des East End. Und dann meinte er: „Londons Kinder sind Zeugen des schändlichen Handels ihrer Mutter für ihren besoffenen Vater/ Nun gut, es ist ja tief bedauerlich, dass solche Tatsachen vorkommen, es ist ja einer der wundesten Punkte der englischen wie auch der kontinentalen Gesellschaft, aber was hat es mit den Juden zu schaffen. Mr. Begbie stellt den Zusammenhang gar bald her. Er sagt: „Diese Leute sind gar keine Engländer, es Bind beinahe sämtlich polnische oder russische Juden." Und so wirft man eine Beschuldigung einem ganzen Volke ins Gesicht. Die Juden, heisst es dann, sind unsittlich, sittenverderbend. Wie leichtgläubig die Welt ist, wenn es sich um Juden handelt! Was beweist das Leben einer Nation in der Vergangenheit und in der Gegenwart, der sittlich-strenge, keusche Lebenswandel? Was nützt der Ruhm von zahllosen Generationen? Ein Hohlkopf, ein oberflächlicher oder feindseliger Skribent kann alles auf den Kopf stellen. Bei einem anderen Volke würde man es gar nicht für nötig halten, derartigen Behauptungen entgegenzutreten

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