Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—I/SI2 Uhr. Preise der Anzeigen: laut Äuilidgondem. T«o*if. Der Inseratenteil wird Dienstag dheads geschlossen Einzelne Nummern SO Heller. Rß7llf1Cnraeooa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: DC^Uyopl BlOts. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R, 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 38. Wien, 16. September 1904. — 7. Tischri 5665, 8. Jahrgang. Unser Krieg. „ Wir haben tapfer gekämpft, aber der Feind war in der Uebermacht. Wir mussten uns zurückziehen." Das klingt wie ein Bericht vom jüngsten Kampfe, der seit Monaten im fernen Osten tobt, schon hunderttausend blühende Menschenleben vernichtet hat, und dessen Ende noch immer nicht abzusehen ist. Es ist aber „nur" ein Bericht, den wir Juden schon seit Jahrhunderten kennen. Es ist das Schlachtenbulletin, das dem jüdischen Volke immer wieder kundgetan wird, selbst wenn es die festesten Positionen, „uneinnehmbare" Stellungen im Besitze zu haben glaubt. Man führt Krieg mit uns seit Urväterzeiten, und der Krieg verliert nichts von seinem Schrecken, wenn ihn auch ein trügerischer Waffenstillstand von Zeit zu Zeit unterbricht. Höchstens dass er die leichtgläubigen Führer über die Absichten des Feindes täuscht und die Armee völlig unvorbereitet trifft, wenn ein überraschender Angriff erfolgt. Sonst wird im Namen <|es Völkerrechtes protestiert, eine grosse Aktion eingeleitet, der Rat der Völker zum Zeugen aufgerufen, wenn es einem Gegner einfällt, ohne Kriegserklärung über den anderen herzufallen. Uns gegenüber weiss man sich von dieser Rücksicht frei. Der Telegraph meldet einfach am nächsten Tage: „Judenexzesse in Rowno, Judenmassakre in Smiela, Judenkrawalle in Sosnowice, u. s. w." Wir wollen auch darüber nicht klagen. Es gibt freilich noch Naive unter uns, die bei jeder Schreckensnachricht wie betäubt dastehen, die nicht begreifen können, wie solche Scheusslichkeiten noch immer möglich sein sollen. Das sind diejenigen, denen man mit den Phrasen von der fortschreitenden Kultur, von .der bevorstehenden Menschenverbrüderung, von der Liebe des modernen Menschen zu seinem Nebenmenschen den Verstand umnebelt hat. Das sind diejenigen, denen man den Reichtum oder den sozialen R.ang einzelner unter uns , mit rastloser Beflissenheit vorhält, denen man einen Augenblick der Ruhe als den beginnenden Gottesfrieden anpreist, die man lehrt, dass die materielle Wohlfahrt eines Volksteiles, und sei er im Verhältnis zum Volksganzen auch verschwindend klein, Zeugnis ablege für die unaufhaltsame Anerkennung auch unserer Menschenrechte. Das sind diejenigen, die man darauf gedrillt hat, sich jeder Eigenart zu begeben, indem man ihnen vortäuschte, dass sie durch sklavische Nachahmung ihrer Umgebung, durch knechtische Anschmiegung an ihren Nachbar Ruhe und Frieden und Vergessen des Elends ihrer Blutsverwandten finden würden, diejenigen, denen man schliesslich ungescheut den nationalen Selbstmord als ehrenhaftes, ja notwendiges Mittel zum Leben zu predigen sich erkühnte. Wir anderen aber, wir Juden, die wir an unserem Volke festhalten, wir werden durch Nachrichten von neuen Gewalttaten gegen unsere Brüder nicht mehr überrascht. Wohl schmerzt es uns tief, dass wir machtlos sind, ihr Unglück zu verhüten, wohl empfinden wir mit ihnen, wie erniedrigend es für sie und uns ist, den wilden Instinkten unserer Umgebung jederzeit schutzlos preisgegeben zu sein, aber wir werden durch solches Unheil nicht betäubt und nicht irre an unserem Lebenswerke. Wir wissen es, dass gegen unser Volk ein tückischer, immer vom neuen geschürter Kampf im Gange ist, gegen den alle Staatsweisheit erleuchteter Regierungen nichts auszurichten vermag, weil sie die Wurzeln seines Bestehens, die Roheit und Rückständigkeit der Volksmassen aller Länder, den finsteren, absichtlich gelehrten und genährten Glaubens- und Rassenhass nicht ausrotten kann. Den Volksinstinkten, die tatsächliche Verschiedenheiten wohl zu empfinden, aber nicht zu deuten, noch weniger sich über sie zu erheben verstehen, wird von Politikern, Priestern, Lehrern und Dichtern geschmeichelt, man schärft sie, lobt sie, verherrlicht sie und erfüllt die denkunfähigen Massen mit scheinwissenschaftlichen Theorien, die einen lächerlichen, aber in seinen Folgen geradezu kulturvernichtenden Dünkel grossziehen. Dass zur Illustration und scheinbaren Rechtfertigung solcher Theorien einer da sein muss, auf den sie mit ihrem ganzen Stolze herabzusehen versuchen, den sie mit Füssen treten, als Heloten behandeln möchten, ist nicht zu verwundern. Und da es auch für manche Regierungen bisweilen nicht unangenehm