Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 „bis # W^lt" Seite 9 das die Herren Resolutionäre vorstellten — siehe! einerseits ein mitleidsvolles Lächeln für die Antizionisten, andererseits lebhafte Sympathiekundgebungen für uns Zionisten : allseits jedoch das regste Interesse für den Zionismus! Im .Dorn', welcher von Dr. Ante Radiö bestens redigiert wird, erschien ein Artikel, „Zionistische Juden" betitelt, der dem Volke die modernjüdische Bewegung plausibel machen und so die Kroaten von einer grundlosen Feindseligkeit gegen die Zionisten fernhalten sollte. Wer Radiö's Schreibweise kennt, der weiss auch, wie populär er den Artikel geschrieben hat. Interessant sind noch die serbischen Blätter „Novi Srbobran" (Zagreb) und ,,Z a s t a v aK (Neusatz) in betreff ihrer Stellungnahme zur Judenfrage. Das erstere, welches anfangs aus Unkenntnis und Verkennung des Zionismus gegen denselben schrieb, änderte seine Schreibweise und verfolgt nun mit Sympathie die immer grösser werdende und an Umfang zunehmende zionistische Bewegung; auf Grund des heurigen Rechenschaftsberichtes der Vereinigung „Bar Giora" schrieb das genannte Blatt einen Artikel über die „Organisation und die Institutionen der zionistischen Bewegung" und hielt dieselbe den Serben als Beispiel vor. Die „Zastava" dagegen kann noch immer keinen Unterschied zwischen kroatischen Zionisten und Kroaten mosaischer Konfession machen — und deshalb kann man in der „Zastava" öfter den grössten Mischmasch lesen. Sie machen unter den Juden keinen Unterschied — immer bleiben sie ihrer Devise treu: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Von den anderen kroatischen Blättern, die ganz ohne Kommentar Notizen über den Zionismus bringen, wollen wir gar nicht reden. Es erübrigt uns noch, der in deutscher Sprache erscheinenden Zeitungen Kroatiens Erwähnung zu tun, welche zum Zionismus Stellung nahmen. In erster Linie ist da die in Osijek erscheinende „S1 av. Presse" zu erwähnen, die bereits vor neun Monaten ihre Feuilletonspalten zur Erörterung und Klärung der Judenfrage bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat. Zu den bedeutendsten in der „Slav. Presse" veröffentlichten Artikeln über die Judenfrage sind unstreitig die soeben beendeten vier Artikel von Jochanan T h a u zu zählen. Es ist das eine Antwort, eine Replik auf Fröhlichs Artikel im Karlovacer „Svjetlo*. Thau führt die Argumente Fröhlichs ad absurdum — „wir Zionisten lieben es, ganze Arbeit zu tun, und darum eile ich, die Spottgeburt des mosaischen Kroatentums endgültig abzuthun", sagt er an einer Stelle. Auch in der Agitation für den jüdischen Abiturientenkongress ging die „Slav. Presse" der Vereinigung „Bar Giora" sehr an die Hand. Die „Agramer Zeitung8, das Regierungsblatt, brachte anlässlich des Kongresses einen echt assimilatorischen Leitartikel . . . Die in Osijek erscheinende „D r a u", das Organ der sogenannten kroatischen Nationalpartei — deren Redakteure und Mitarbeiter sämtlich Juden sind — begnügte sich nicht mit einer objektiven Kritik des Zionismus, sondern schrieb in der infamsten Weise gegen die Zionisten, deren sich der Herr erbarmen möge, denn sie wüssten nicht, was sie tun . . wie die „Drau" zu schreiben geruhte. Mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, durch Verhöhnung und Spöttelei, durch Versendung falscher Berichte über den Kongress u. s. w. suchte sie unserer Bewegung zu schaden, Bie zu diskreditieren. Anfangs wollte sie die ganze Bewegung totschweigen — brachte sie doch über Herzls Tod bloss 4, sage vier Zeilen! — als sie aber einsah, dass dies nicht mehr gehe, begann sie mit ihrer Taktik der kritiklosen Angriffe und Anfälle. Jedoch die grösste, weil lebendige Propaganda war der jüdische Abiturientenkon gress in Osijek. Die mit blauweissen Bändern geschmückten Studenten erregten Aufsehen in der Stadt--und noch lange Zeit nach dem Kongresse waren die enthusiasmierten Jünglinge das Tagesgespräch. Was Wunder, wenn nun unter den Zionisten Kroatiens der Wunsch nach einem eigenen Organ auftaucht, wenn sie alle ihre Kräfte zentralisieren wollen, dieselben in einem Brennpunkte vereinigen wollen?! Man soll uns nicht vorwerfen, dass wir Zionisten andere Blätter zu unserer Agitation verwenden — so dankbar wir ihnen sind und immer sein werden — dass wir die Leser dieser Blätter mit unseren spezifisch jüdischen Angelegenheiten beiästigen u. s. w. u. s. w. Darum müssen wir ein Blatt, sei es eine Wochen- oder Halbmonatsschrift, gründen! Wie oft kommt uns so mancher in kroatischer Sprache verfasste Artikel gar nicht zu Gesicht, weil er in einem Blatte erschienen, das wir entweder überhaupt oder zufällig diesmal nicht gelesen haben. Wenn wir aber unser Blatt haben, dann wird es nie geschehen, dass wir dies oder jenes über den Zionismus in Kroatien nicht erfahren — weil es uns Zionisten zum Bedürfnis werden wird, gleich nach Erscheinen des Blattes danach zu greifen, um uns über den Fortschritt und die Verbreitung des Zionismus bei uns zu Hause zu vergewissern. Solange wir in Kroatien nicht unser Organ haben, werden wir uns an die „Welt* stets mit der Bitte wenden müssen, Artikel aus Kroatien zu bringen, die schliesslich für die nichtkroatischen Zionisten nicht von solch grossem Interesse sein können wie für uns selbst.*) Es wäre deshalb wohl zu erwägen, ob wir nicht, und sei es auch anfangs mit finanziellen Opfern, ein zionistisches Organ in Kroatien so rasch als möglich herausgeben sollen Das ist nicht nur eine Sache der kroatischen Zionisten sondern der zionistischen Gesamtorganieation. Aus Russland. Petersburg. Der „Regierungsbote44 publiziert einen Erlass des Zaren über die Aenderung der Bestimmungen über die Aufenthaltsrechte der Juden in Russland. Der Erlass gewährt Juden gewisser Kategorien Erleichterungen auf dem Gebiete des Wohnrechtes im Reiche, die jüdischen Volksmassen dagegen bleiben wie zuvor von der Wohltat des Gesetzes ausgeschlossen. Der Erlass schreibt folgende Aenderung der Bestimmungen vor: Das Verbot, innerhalb der Ansässigkeitszone sich ausserhalb der Städte und Flecken anzusiedeln, findet keine Anwendung auf Juden mit höherer Bildung nebst ihren Frauen und Kindern, auf Kaufleute der ersten Qilde und deren Familien, auf Kaufleute, die 15 Jahre lang zur ersten Gilde zahlten, auf Handwerker, so lange sie ihr Handwerk treiben, und auf verabschiedete Uutermilitärs. Allen diesen Juden wird gestattet, ausserhalb der Städte und Flecken Immobilien zu mieten, sowohl zum Wohnen als auch zum Betreiben von Handel und Gewerbe. Juden, die höhere Bildung erhalten haben und unbescholten sind, dürfen überall Handel und Gewerbe treiben und können, ohne vorher fünf Jahre hindurch innerhalb der Ansässigkeitszone zur ersten Gilde gezählt zu haben, ausserhalb dieser Zone der Kaufmannschaft beitreten. Jüdische Kaufleute erster Gilde, die nicht volle zehn Jahre als solche gezahlt haben, dürfen ihr in den inneren Gouvernements wieder beitreten, ohne abermals fünf Jahre lang in der Ansässigkeitszone für die erste Gilde gezahlt zu haben. Juden, die, wenn auch mit Unterbrechung, zehn Jahre ausserhalb der Ansässigkeitszone als erste Gilde besteuert gewesen sind, 'erwerben das Recht, in den inneren Gouvernements den Stadtgemeinden beizutreten und samt ihren Familien im ganzen Reiche zu leben. Juden mit dem Titel Kommerzienrat oder Manufakturrat dürfen mit ihren Familien im ganzen Reiche, auch die Dörfer der Ansässigkeitszone nicht ausgeschlossen, leben. Juden, welche an dem Kriege im fernen Osten teilgenommen, Auszeichnungen erhalten und sich im aktiven Dienste tadellos *) Die „Welt" steht selbstverständlich allen Landes¬ und Distriktsorganisationen zur Veröffentlichung ihrer offiziellen Mitteilungen immer zur Verfügung, Die Redaktion.