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Die Welt · 1904-09-09 · 37 (9.9.1904) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 37 „bis # Welt" Seite 7 Berliner Brief. Es soll mit Gemeindebeamten zuweilen ähnlich sein, wie mit den jungen Mädchen. Im allgemeinen gelten die Beamten für die besten und einwandfreiesten, von denen am wenigsten gesprochen wird. Das stille Schaffen und Wirken ist ihnen genug. Zuweilen treten aber doch solche stille Arbeiter heraus aas ihrer stillen Klause, und man ist erstaunt, wie die Einsiedler sich in der bösen Welt zurechtfinden. Der Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde war ein solcher Mann, von dem man annahm, dass er still und unverdrossen seine Pflicht täte, weil man nichts von ihm bemerkte und sah. Da mit einem Male tritt er in den Vordergrund der öffentlichen Diskussion der Gemeinde. Als der sattsam bekannte Artikel des Dr. Elias Jacob in der „Zukunft" erschien und den Juden den wohlgemeinten Rat gab, im Taufbecken unterzutauchen, erfuhr man erstaunt, dass Dr. F romer, der Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde, der Verfasser sei. Noch mehr, es wird in einer sonst sehr zuverlässig unterrichteten Berliner jüdischen Zeitung unumwunden ausgesprochen, dass dieser Elias Jacob Fromer, noch ehe er von der jüdischen Gemeinde als Beamter angestellt wurde, persönlich die Untertauchung an der von ihm empfohlenen Stelle hat besorgen lassen. Die jüdische Gemeinde ist also getäuscht worden. Man kann ihr keinen Vorwurf daraus machen, wenn sie hintergangen wird. Gegen Täuschung ist niemand gefeit. Aber man muss auch voraussetzen, dass sie es an der genügenden Vorsicht nicht hat fehlen lassen. Dem ist aber nicht so. Vielmehr ist die Anstellung erfolgt, lediglich weil Herr Dr. Fromer, der ein auf merkwürdigem Wege naturalisierter russischer Jude ist, von Prof. Delitzsch empfohlen wurde, und weil die „liberalen" Vertreter in der entscheidenden Kommission dutchaus nicht urteilen wollten nach der fachlichen Tüchtigkeit, sondern nach dem Parteistandpunkfce innerhalb des Judentums. So wurden Gelehrte zurückgewiesen, Fachleute übergangen und ein Unbekannter, Dr. Fromer, angestellt, der dann im Laufe einer mehr als vierjährigen Tätigkeit bewies, dass er mindestens vom Bibliothekswesen keine Ahnung hätte. Jetzt sieht sich die Gemeinde genötigt, den Mann zu entlassen, der bei dem herrschenden protektionistischen System allen denen vorgezogen wurde, die vielleicht Erspriessliches hätten leisten können. Aber es darf jetzt nicht bei der blossen Erledigung der Personenfrage bleiben. Vielmehr ist der geeignete Moment gekommen, wo man die Bibliothek einer gründlichen Systemänderung unterziehen sollte. In Berlin existieren zwei Rabbinerschulen, eine gesetzestreue und eine andere, die wenigstens dem Namen nach eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums ist. Beide Anstalten haben seit ihrer Entstehung wissenschaftliche jüdische Bibliotheken. Sie genügen dem Bedürfnisse vollkommen. Eine jüdische Gemeindebibliothek hat keine Existenzberechtigung, wenn sie diesen vorhandenen und berechtigten Bibliotheken Konkurrenz machen will. Und das mues sie, wenn sie die Pflege der Wissenschaft des Judentums zu ihrem Spezialgebiet ebenfalls ausersieht. Aber hat es denn wirklich einen Zweck, dass man dieselben Kodizes und alten Folianten, die man in den beiden anderen Bibliotheken erhält, auch in der Gemeindebibliothek vorfindet? Hier muss eine Abgrenzung der Gebiete stattfinden. Dagegen gibt es bisher keine einzige Stelle, wo man die politisch-jüdische Literatur zusammen findet. Wir verstehen diese im weitesten Sinne des Wortes. Berlin, das ein ganzes Jahrhundert lang im Vordergrunde der Emanzipationsbewegung stand, von wo die Reformbewegung ausging, und wo die bürgerlichen Rechte nicht in den Schoss fielen, sondern erkämpft werden mussten, hat keine Sammlung der so unendlich zahlreichen Literatur, die der Kampf um die Menschen- und Bürgerrechte hervorgerufen hat. Berlin, das den Antisemitismus geschaffen und seine Abwehr geboren hat, und das eine unerschöpfliche Literatur noch dauernd auf diesem Gebiete täglich hervorbringt, hat keine Stelle, wo man auch nur das Wichtigste dieses für die spatere jüdische Geschichtsschreibung so unendlich wichtigen Materials vorfinden kann. Hier sollte nun die Gemaindebibliothek einsetzen und ein Nobile officium darin erblicken, diese Bausteine einer späteren jüdischen Geschichte zusammenzutragen, die weder in der Bibliothek des Rabbinerseminars, noch in der Bücherei der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums einen passenden Platz haben. Das hängt auch mit der Person des neuen Bibliothekars zusammen. Man möge sich nicht bemühen, einen Mann zu finden, der den Talmud möglichst auswendig kann oder gar Persisch uud Arabisch getrieben hat; denn diese Kenntnisse kommen für die jüdische Gemeindebibliothek, wie sie sein soll, herzlich wenig in Betracht, sondern man soll auf praktisches Geschick und vor allem darauf sehen, dass der künftige Mann einen möglichst weiten und weitherzigen Ueberblick über die politische Lage und das historische Werden der heutigen Judenheit hat. Er muss mehr Historiker und weniger Philologe sein. Aber wir dürfen wohl mit Recht erwarten, dass die Leute, die vor vier und einem halben Jahre den Doktor Fromer wirklichen Gelehrten vorzogen, weil er nicht von Juden, sondern von Prof. Delitzsch empfohlen war, auch jetzt wieder nicht die richtigen Leute an die richtige Stelle setzen werden. Dazu ist ein Systemwechsel in der ganzen jüdischen Gemeinde vonnöten. Und ein solcher hat noch lange keine Aussicht auf Durchführung. Denn das Regiment der Liberalen und der nicht minder „liberalen" Konservativen ist noch auf Jahre hinaus gesichert. In diesem Herbste stehen zwar die Wahlen zur Repräsentantenkammer bevor, zu der alle drei Jahre je eine Hälfte der Vertreter neu gewählt wird, aber wir dürfen wohl kaum auf irgend einen nennenswerten Erfolg der Zionisten schon diesmal rechnen. Sollten sie, was zu erwarten ist, wirklich einen oder gar mehrere Repräsentanten bei der Wahl von ihrer Seite durchsetzen, so ist das doch für einen endgiitigen Erfolg noch nicht von durchschlagender Bedeutung. Dennoch dürfen sie die Bedeutung der Gemeindewahlen nicht für gering ansehen und nicht etwa irgendwelche Winkelpolitiker aus den Synagogenvereinen als ihre Kandidaten aufstellen, sondern müssen schon diesesmal, wo sie zum erstenmale mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg Kandidaturen aufstellen, ihre besten Kräfte in den Vordergrund des Kampfes stellen. Sie möchten sonst aus einem siegreichen Wahlkampfe in eine mehrjährige Blamage geraten. Aber wir sind auf der Hut. Wir haben durch die famosen Angriffe, die man gegen die hebräische Gebetssprache gerichtet hat, durch die Ausschaltung eines konservativen Vertreters, der deshalb ausscheiden musste, weil er sich der Wahrheit zu warm annahm und jetzt durch die famose Bibliothekargeschichte ein zu vorzügliches Material erhalten, um es durch eigene Fehler in einen Misserfolg zu verwandeln. Wir gehen mit Zuversicht und Vertrauen in den bald bevorstehenden Wahlkampf. Dr. Heinrich Sachse.

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