Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316111--46104-3340942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8t „bi* & Weit11 Seite 3 der Tat, die Geschichte kennt nur wenig Fälle seit der Diaspora, wo sich das jüdische Volk um einen Heros aus seiner eigenen Mitte oder um einen Fremden gesammelt hätte* Zweitausend Jahre lang kannte dieses Volk nicht die Frühlingsglut, die von Zeit zu Zeit mit dem Kampfe für eine patriotische Idee hervorbricht. Sie haben nie die Anwandlung kriegerischer Begeisterung freier Männer, die periodische Eeinigung des Volkscharakters, durch die ein Volk sogar Schaden erleiden mag, unter deren Eldüuss es aber frische Kraft undßegeisterurg findet, gefühlt. Diese Interessen waren den Jaden fremd geblieben. Und hier sehen wir auf einmal, wie ein Mann aus dem Judenvolke stirbt, ein Vertreter jüdischer Hoffnungen, und er erweckt in der ganzen Welt Sympathien und Trauer, die in zahllosen Todesfeiern, telegraphischen Meldungen und Kondolenzen aus jedem Lande der Welt zum Ausdruck gebracht wurden. Es ist ferner interessant, dass, während die Juden seit 22 Jahrhunderten, als sie ihre Kinder nach Alexander dem Grossen benannten, ihren KindeÄi keine unbiblischen Namen beilegten, jetzt viele von ihnen ihre Kinder nach Dr; Herzl benannten. Endlich erzählt man uns von zehntausend schwarzgekleideten, traurigen Männern, die sich vereinigt haben, um in den lieblichen, waldigen Bergen vor Wien den zu begraben, den sie geliebt haben. Und als man seine Worte: „Möge meine Rechte verdorren, wenn ich dein vergesse, o Jerusalem" wiederholte, da konnten die Versammelten ihre Gefühle nicht mehr meistern, und die meisten brachen in Tränen aus. Eine jüdische Versammlung weint nicht so bald, und menschliche Tränen, wie Faust und nach ihm Bismarck vom menschlichen Blute sagte, sind ein gar eigentümlicher Saft. Gewöhnlich bekommen Ideen neues Leben mit dem Tode ihres Urhebers .... Wenn dem so ist, wird Doktor Herzl nicht umsonst gelebt haben. Denn seine energische Tätigkeit hat Instinkte wachgerufen, die, einmal erwacht,nie einschlummern können. Es gibt Hoffnungen, die wir erfüllen können, wenn wir alles, was uns im Leben teuer ist, aufopfern, aber es sind Hoffnungen, die in den Herzen von anderen fortleben. Eine Hoffnung, die wie der Dichter sagt, durch die Spalten in den Brettern des Sarges hindurchleuchtet. Sehnsucht nach einem würdigeren nationalen und individuellen Leben erweckte Dr. Herzl in den Herzen von hunderttausenden der Aermsten seine« Volkes. Und wenn es auch nur ein Traum wäre, jetzt, wo er — der Erwecker — hingegangen ist, werden sie die Hoffnung nicht aufgeben. Er zollte England grosse Bewunderung, am meisten wegen des Edelmutes, den das englische Volk in den persönlichen Beziehungen von Mann zu Mann, trotz aller insularen Vorurteile entfaltet. Selbst ein edler Aristokrat,unfähig eines gemeinen Gedankens und noch weniger einer gemeinen Handlung, schätzte er Edelmut an anderen. Deshalb fürchtete er, dass der Erfolg der englischen Juden in finanzieller Beziehung früher oder später gegen sie den Geist des Neides erwecken werde, der eine so grosse Rolle in der antisemitischen Bewegung aller Länder spielt. Vor einigen Jahren wurde Herzl in Whitechapel in einer Versammlung, der ungefähr 7000 Juden beiwohnten, gefeiert. Auch Father Ignatius hielt damals eine leidenschaftliche Ansprache, in der er seinen Glauben an die Renaissance Jerusalems und der Juden unter Führung eines modernen Joschua Ausdruck gab. Und das erweckte frenetischen Jubel. Die Versammlung drängte sich um Dr. Herzl, folgte ihm bis Miie End Road und küsste seine Hände, ja seine Kleider. Wer diese Gefühlsdemonstration gesehen hat, wird sie nie vergessen. Jetzt, nachdem Herzl tot ist, schweben die Erinnerungen des Freundes über so erhabenen Bildern. Ob die Idee Herzls in Wirklichkeit umgesetzt werden wird oder ein Traum bleibt, sie trägt immerhin das Gepräge einer eminent idealistischen Natur an sich. Zur Organisationsfrage. Nach dem Beschlüsse der Jahreskonferenz sollen alle wichtigeren Entwürfe zur Aenderung der Organisation in der „Welt" veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden. Wir bringen daher den Entwurf Dr. Isidor W. Marmoreks (Wien) samt dem Motivenberichte zum Abdrucke. ORGANISATIONSENTWURF. Von Dr. Isidor W. M a r m o r e k. Motivenbericht Seit dem Tode Herzls ist die Ueberzeugung ziemlich allgemein geworden, dass das bisherige Organisationsstatut der zionistischen Bewegung, das der alles überragenden Persönlichkeit des Gründers der zionistischen Organisation angepasst war, einer Aenderung bedürfe. Mit dem Abschlüsse der ersten Periode des Zionismus, der Periode, in der die Autorität Herzls zugleich die schöpferische Kraft für dessen Entwicklung war, muss auch das Organisationsstatut dieser Periode ein Ende nehmen. Die zweite Periode der zionistischen Bewegung, die jetzt beginnt, ist eine Periode der Sammlung aller Kräfte des Zionismus, der Konservierung dessen, was bisher in der Bewegung gut war, und der Verbesserung desjenigen, was sich noch bei Lebzeiten Herzls, aber insbesondere seit seinem Tode, als änderungsbedürftig herausstellte. Der bisherige Organisationsentwuri ruhte auf dem Grundgedanken, dass Herzl die führende Kraft im Zionismus sei, und dass daher seine Mitarbeiter sich, sowohl was Wohnsitz als auch was Arbeitskraft und Arbeitswollen betrifft, ihm anpassen mussten, so dass manche Anwärter auf eine A.-C.-Stelle wegen äusserer Umstände (Wohnsitz etc.) nicht gewählt werden konnten. Jetzt, da es gilt, dem Zionismus eine neue Führung zu geben, kann für die Wahl der leitenden Persönlichkeiten noch mehr als früher deren Fähigkeit zur Geschäftsführung, sowie auch ihre Autorität für eine grosse Bewegung massgebend sein. Kleinere Rücksichten, wie Wohnsitz, Anciennität und Aehnliches, kommen jetzt — soll an einen Ersatz Herzls gedacht werden können — nicht mehr in Betracht. Zugleich ist an eine Konsolidierung des Kongresses, an eine straffere Organisierung des bisherigen Aktionskomitees zu denken, so dass die ganze Bewegung einen intensiveren demokratischen Charakter erhalten solle. An der Spitze der zionistischen Bewegung bleibe der Kongress. Eine Aenderung der Geschäftsordnung des Kongresses ist vielfach inopportun, weil 1. die bisherige Geschäftsordnung sich im wesentlichen bewährt hat, und 2. weil es nicht angeht, alle Fundamente des Zionismus zu gleicher Zeit zu lockern. Der hauptsächlichste Uebelstand, der sich auf dem Kongresse herausstellte, war die Ueberhäufung mit Arbeit, die er nicht bewältigen konnte, die allzu grosse Anzahl der Wahlen und der zu Wählenden, was zur Folge hatte, dass der Kongress ein Urteil über die Eignung der von ihm Erwählten — in seiner Mehrheit wenigstens — sich oft nicht bilden konnte, und zum Schlüsse eine Ueberanstrengung und Zersplitterung der arbeitenden Elemente des Kongresses, die sich in die Ausschüsse nicht genug verteilen konnten. Dem Uebelstande soll in dem folgenden Organisationsstatute dadurch entgegengearbeitet werden, dass formale Geschäfte des Kongresses von dem auch nach Beendigung des Kongresses weiter funktionierenden Präsidialbureau geführt werden sollen; ferner soll zu gleicher Zeit mit der inneren Kräftigung des alten „grossen A.-C." — grosser Rat im neuen Statut genannt — die Zahl der im Kongresse vorzunehmenden Wahlen beschränkt werden. Endlich soll durch Auflassung