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Die Welt · 1904-09-09 · 37 (9.9.1904) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „bie * weit" Nr. 37 Darum wollen wir, wenn wir ein neues Jahr beginnen, seiner rastlosen Tätigkeit, seiner unerschütterlichen Zuversicht, seiner Treue gedenken, die er seinem Volke bis zum letzten Atemzuge bewahrte. Seine Hoffnung muss unsere und unserer Kinder Hoffnung werden. Mit ihm müssen wir es geloben, dass eher unsere Rechte verdorren möge, ehe wir Jerusalems vergässen. Gleich ihm wollen wir. alles hingeben, wenn das Schicksal es fordert. Schwer war dies Jahr, das nun geendet. Viel Böses hat es unserem Volke gebracht, und, ach, manche waren nicht „zum Leben eingeschrieben", deren Leben uns teurer war als das unsrige; aber wie seit Jahrhunderten, wird unser Volk auch heuer wieder in seinen Gotteshäusern stehen und voll Vertrauen und Glauben um ein neues, glückliches Jahr flehen. Wieder werden die Bitten um Abwehr bösen Geschickes und schweren Verhängnisses ertönen, um Vergeben aller Schuld. „Schreibe uns ein in das Buch des fröhlichen Lebens, des Glückes, des Heiles und der Erlösung!" Und in der Haftarah wird ihm geantwortet: „Es kommt eine Zeit, da ich dich aufrichte, und du bleibst aufgerichtet, jungfräuliche Tochter Israel ♦ . / „Du wirst noch Weinberge pflanzen auf dem Gebirge von Samaria; und was die Winzer pflanzen werden, das sollen sie auch lesen/ „Es kommt der Tag, da rufen werden die Wächter auf dem Berge Ephraim: „Auf, lasset uns ziehen nach Zion zu dem Herrn, unserem Gott!" . , ." „Sie werden kommen und jauchzen auf der Höhe Zions und jubeln über die Fülle vom Herrn . .. sie werden dem bewässerten Garten gleichen und nicht mehr dahinschmachten." „Dann freut sich die Jungfrau im Reigentanz, Jünglinge und Alte allzumal Ich wandle ihre Trauer in Wonne und tröste und erfreue sie nach ihrem Kummer/ Es sind trostreiche Verheissungen. Tausend und tausend Jahre ertönen sie immer wieder, Haben wir gefehlt, dass wir den Anfang der Erfüllung gekommen glaubten? Nein! Ein Volk, das, wie das unsere, nicht nur zu hoffen, sondern auch zu arbeiten versteht, ein Volk, das die Liebe aller anderen Völker bisher ertragen konnte, ohne an ihr geistig, sittlich und körperlich zugrunde zu gehen, ein Volk, das Gestalten wie die II e r z 1 s hervorbringen kann, ein Volk, das den Zionismus zu einer lebendigen Bewegung machen konnte, darf hoffen. Mag auch noch manches Trauerjahr kommen gleich dem verflossenen, auch Neujahr muss wieder kommen mit seinem milden Tröste, und endlich auch das Jahr, in dem sich unserem Volke erfüllt, wonach es in bitterem Leide gerungen. W. Theodor Herzl. Von Sidney Whitman. (Aus dem Septemberhefte der »Contemporary Review".) Das XIX. Jahrhundert, welches an der Wiege so vieler junger Nationalitäten stand, ist nicht abgelaufen, ohne die Entstehung einer Bewegung für die Wie derauf rieh tun g einer der ältesten Gemeinschaften zu erleben — es war nicht weniger als die Agitation zur Schöpfung eines Judenstaates in Palästina. Die Bewegung, die jetzt in der ganzen Welt unter dem Namen des Zionismus bekannt ist, hat ihren Anfang in Russland im Jahre 1870, unter russischen Juden genommen» Aber ein Wiener Journalist war es, der ihr durch die im Jahre 1896 erschienene Broschüre. „Der Judenstaat* eine Weltbedeutung verliehen hat. Was immer man über den Zionismus denken mag, jetzt, nachdem sein führender Geist entschwunden ist, unterliegt es jedoch keinem Zweifel* dass er eine mächtige Wirkung auf das Gemüt des jüdischen Proletariats in der ganzen Welt hatte. Nach kaum sieben Jahren, seit dem Tage, an dem Herzl ohne finanzielle Ressourcen und gegen den Rat seiner intimsten Freunde an die Propaganda des Zionismus herangetreten war, zählt die Bewegung bereits mehr als eine Million Anhänger, die in den verschiedensten Weltteilen verstreut sind. Herzl entwickelte eine ausserordentliche Tätigkeit in seiner Förderung des Projektes und es gelang ihm, auch andere dazu anzueifern. So bereiste ein englischer Zionist, der Herzls Begeisterung teilte, eine Strecke von mehr als 27.000 Meilen in einem Jahre für die zionistische Sache. Dr. Herzl wurde zu verschiedenen Malen vom türkischen Sultan, vom deutschen Kaiser, vom Papst, vom italienischen König, von Ministern und anderen hochgestellten Persönlichkeiten, darunter auch von Mr. Cha ruber la in und Lord Landsdowne in Spezialaudienz empfangen, er ist speziell nach England eingeladen worden, um vor der Royal Commission on Aliens seine Ansichten über diese Frage darzulegen, und alle, die seine Aussagen hörten, gaben zu, dass sie die gescheitesten und politischesten Aussagen über die Judeneinwanderung waren. Er berief Kongresse, die von^Zeit zu Zeit in Basel abgehalten wurden, und auf denen 320.000 Zionisten aus allen Ländern vertreten waren. Diese individuelle agitatorische Tätigkeit, die ihresgleichen sucht, beweist durch Ziffern und Tatsachen, dass der Zionismus den geheimsten Trieben des jüdischen Volkes entsprochen hat. .... Die eigentlichen Beweggründe zur Veröffentlichung des „Judenstaat* waren die Erfahrungen, die Herzl in Paris während des Panamaskandals gemacht hat, der Ekel einer stolzen, empfindlichen Natur vor dem Wrachstum des Antisemitismus in einem Lande, das früher nebst England hauptsächlich das Land war, wo Juden eine ehrenhafte Stellung einnahmen. Dies zusammen mit einer tiefen Sympathie für seine leidenden Brüder in Russland und Rumänien liess ihm keine Ruhe. Er sagte sich, dass, ob sein Projekt Erfolg haben werde oder nicht, es jedenfalls zur Schöpfung eines idealistischen Sammelpunktes für das Judentum und für die einzelnen Juden in allen Ländern dienen wird, weil niemand wie H e r.zl die grausame Ungerechtigkeit des Vorwurfes des selbstischen Materialismus, den man dem jüdischen Volke ins Gesicht schleudert, empfinden konnte. Seine Absicht, diesen Zweck zu erreichen, ist klar im dritten Paragraphen des Programmes, welches die Ziele des Zionismus zum Ausdruck bringt, wie es am Baseler Kongress im Jahre 1897 angenommen wurde, auseinandergesetzt. Es ist betitelt: »Die Hebung der jüdischen persönlichen Würde und des nationalen Selbstbewusstseins." Und in Verbindung damit ist es sicherlich bedeutsam, dass in verschiedenen Zentren auf dem Festlande, auch in denjenigen, die sich vom Zionismus fernhielten, während der letzten Jahre eine gewisse Renaissance des idealistischen jüdischen Gefühls zu bemerken isi Dr. Herzl wiederholte es unzähligemal, dass der Antisemitismus und das von ihm vorgeschlagene Gegenmittel nichts mit dem Dogma und sehr wenig mit der Religion zu schaffen habe. Er behauptete, dass die Judenfrage vor allem eine politische „Weltfrage0 sei (Siehe „Judenstaat" § 4). Die Juden selbst sollen vorwiegend dem Zionismus nicht gewogen sein. Manche behaupten, dass, wenn sogar ein Erfolg zu erzielen wäre, er nicht erwünscht wäre. Nun, es ist untunlich, sich in solchen Fragen auf die Meinung der Majorität zu stützen; wir wissen ja, dass neue Ideen immer eine Feindseligkeit hervorgerufen haben, die im direkten Verhältnis zu der Grösse ihrer endgiltigen Triumphe stand. Die Juden sind ein starkes Volk und ergeben sich nicht leicht einer gefühlsduseligen Heldenverehrung, In

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