Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion , und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—Uhr. Preise dar Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. *R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs.' 17.— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4,25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 37. Wien, 9. September 1904. — 29. Elul 5664. 8, Jahrgang. lwnirj na awao *m! roitt n&m .-dtdi /ö^ptwi ra-ipö Neujahr. Eine Spanne Zeit ist vorüber. Aus dem Unendlichen ist ein Endliches an uns vorübergezogen. Nicht allzuviel im Vergleich mit einem vollen Menschenleben, ein kaum merkbarer Teil im Leben der Völker, im Sein der Menschheit. Aber es waren Tage, deren wir denken werden, auch wenn uns das Alter unserer Erzväter beschieden sein sollte, Tage, die auch denen, welche nach uns kommen, genug des Besonderen weisen werden. Die Ereignisse von Kischenew und Hornel standen frisch in unserer Erinnerung, als wir das Jahr begannen. Die Schrecken längst überwunden geglaubter Verfolgungen erwachten aufs neue, und selbst die Zufluchtsstätte, die England uns bot, konnte uns darüber nicht trösten. Weit weg war sie von dem Lande, das unserer Sehnsucht Ziel seit Jahrtausenden ist, und wir konnten der gut gemeinten Hilfe nicht froh werden. Wohl war es das erste Mal seit dem Untergang unseres Reiches, dass dem jüdischen Volke als solchem Land geboten wurde, in dem es sich einer bescheidenen Selbständigkeit erfreuen sollte; aber es war nicht unser Land, nicht das Land. Da konnten Misstrauen, und blinde Leidenschaft rasch emporwachsen in unserenReihen. Unser alter Fluch, innere Zwietracht und Auflehnung gegen unsere Führer, drohte auch unsere festgefügte Organisation zu zertrümmern. Es kam die Tat des Wahnsinnigen, der bei einem nationalen Feste mit dem Revolver seine Anschauungen vertrat, und wir sahen alle mit Schrecken, wohin solche Zwistigkeiten die Schwachen und Fanatisierten unter uns führen mussten. Der Wunsch nach Frieden wurde allgemein. Da war es unser Führer, der durch seine weise Mässigung und sein freundliches Entgegenkommen auch seine Gegner gewann, und wir konnten dank ihm nach schweren Erschütterungen wieder Ruhe und Frieden in unser Lager einziehen sehen. Schon dachten wir, dass es uns beschieden sei, was so traurig begonnen, froh enden zu sehen. Da kam das Schwerste, was uns treffen konnte. Unser Führer, unser Stolz und unsere Hoffnung, wurde uns entrissen, er, der mit der unendlichen Liebe eines zärtlichen Vaters um uns gesorgt hatte, uns für immer genommen. Mögen andere die kleinen Fehler dieses Edelmenschen beschnüffeln, mögen sie, was allzumenschlich war an ihm, zum Tröste für ihre eigene Winzigkeit mit heissem Bemühen hervorsuchen. Mögen sie auf andere Lob häufen, da es ihnen so schwer wird, ihn selbst zu verkleinern, wir wissen, was unser Volk an ihm verloren,. wir wissen, wie viel grosse, stolze, berechtigte Hoffnungen auf dem kleinen Döblinger Friedhofe zu Grabe getragen wurden. Noch ist unsere Trauer zu jung, als dass sie allem Volke tief ins Herz griffe, aber sie wird nichtschwinden, so lange die leben, die mit ihm gearbeitet haben. Mögen wir davor bewahrt bleiben, dass sie mit den Jahren immer heftiger werde, denn dass sie auch Fernstehenden fühlbar werden wird, ist uns nur allzugewiss. Nicht ein Zeichen von Schwäche oder Mutlosigkeit ist es, dass wir diesen Verlust nicht verwinden können. Die Liebe zu unserem Volke, die Hingebung für unsere Sache, der er sein Leben geweiht hat, lässt uns mit tiefem Schmerze empfinden, wie traurig das Jahr war, das uns eben entschwand. Dieser kleine Zeitabschnitt ist für unser Volk von grösserer Bedeutung gewesen als sonst Jahrzehnte seines Lebens. Er zählt nicht doppelt, unendlich höher ist er zu bewerten, und späte Enkel erst werden ermessen können, was dieses Jahr in der Geschichte unseres Volkes bedeutet. Darum wollen wir heute wieder H e r z 1 s gedenken, wollen uns seines Wirkens erinnern, unserem Volke wieder sagen, dass es ihm so viel zu danken hat, wie wenigen anderen seit manchem Jahrhundert.