Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 36 „bie & weit11 Seite 13 Epoche um allerwenigstens ein halbes Jahrhundert voraus und wurde darum seinen Gegnern der verhassteste Dränger und Unheilsprophet und selbst seimem Waffenbrüdern ein unbequemer Mann und der Mann der verdächtigen Seitensprünge. Und dabei war nichts in seinem ganzen Wesen, was dahin hätte wirken können, die sachlichen Gegensätze zu mildem Austrage zu bringen. Er hat allezeit fortiter in re und fast niemals suaviter in modo gehandelt. Sein unendlicher, meiner Ueberzieugung nach freilich vollberechtigter Persönlichkeitsstolz musste den Zeitgenossen als unerträgliche Ueberhebung erscheinen; und seine in seinem tiefsten Wesen wurzelnde Art, den Ausdruck bis zur schärfsten denkbaren Präzision auszuschlafen, machte ihn zu* einem furchtbarem Polemiker, der, wie seine Geistesverwandten Börne und Heine, seine Gegner geradezu apollinisch zu schinden pflegte. Sein feuriges Temperament, sein keine Grenzen respektierender Stolz, sein edler Mut, sich furchtlos in jede Bresche zu stellen, wurde nur von den Besten seiner Zeit in allen Lagern gewürdigt: dem Philister aber fiel er entsetzlich auf die Nerven. Noch heute ist der jüdische Revolutionär der Abscheu der christlich-konservativen Kreise; viel mehr noch hat ihm das Bürgertum verdienten Hass bewahrt als dem Manne, der seiner Macht mit Erfolg die Axt an die Wurzel gelegt hat, und selbst in der Arbeiterschaft sind seit seinem Tode starke Kräfte am Werke, um sein Wesen vor der Nachwelt wenn nicht zu entstellen, so doch zu verdecken. Hier wirkt der alte Neid von Karl Marx und den Seinen mächtig nach, der nie ganz zu Ende gekämpfte Gegensatz zwischen nationalem und internationalem Sozialismus, zwischen imtransigentem, oft quietistischem Radikalismus und opportunistischem, blutwarmem Politikertum, das nach der Macht zu greifen wagt, weil es sich die Kraft zutraut, sie auch zu handhaben. In der kritischen Zeitenwende, in der wir jetzt leben,;st es dem Hans Jedermann in allen politischen Lagern fast noch schwerer gemacht, Ferdinand Lassalle unbefangen zu würdigen. Denn jetzt erleben wir, dass er auch seinen grössten Gegnern, Bismarck und Marx, gegenüber, geschweige denn dem „Bürgertum" gegenüber, in allen Hauptsachen recht behält! Als Lebender besiegt, weil er — übrigens ein Fehler, den er zum Beispiel mit Marx und den Seinen teilte — das Tempo der Entwicklung ganz ungeheuerlich überschätzt hatte, trägt er jetzt als Toter einem vollen Triumph davon. In einem Gespräche äusserte, wie Oncken berichtet, Bismarck einst zu Lassalle, er wolle abwarten, wer „länger mit dem Teufel Kirschen essen könne". Jetzt stellt sich immer klarer heraus, dass „im Oberstock", wie Viseber sagen könnte, Lassalle recht hatte, wenn er von der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes nicht, wie Bismarck, der ja fürs erste recht behielt, eine Stärkung der Krone Preussens gegen das liberale Bürgertum, sondern darüber hinaus die Entstehung einer übermächtigen,, demokratisch-sozialistischen Volkspartei voraussagte. Und ebenso wird er mit seinem nationalen Sozialismus und seiner opportunistischen Taktik gegen Karl Marx recht behalten; daran wird schon heute kaum noch ein unbefangener Beobachter zweifeln wollen. Die Millerand und Bernstein, die Sohippel und David sind im Kerne Lassalleaner, und ihnen gehört, trotz Dresden und Bebel, die Zukunft der Politik. Ja, ich wage noch mehr auszusprechen: Selbst als Volkswirt wird Lassalle gegen Marx recht behalten! Es kann mir nicht im mindesten beifalien, zu leugnen, dass Marx der unvergleichlich kenntnisreichere und tiefere Oekonom war, während Lassalle nie mehr als ein Dilettant gewiesen ist, der fremde Gedanken zusammenfasse: aber dennoch war seine geistige Persönlichkeit von so ungeheurem Riesen wüchse, dass er alle Zeitgenossen weit überblickte und mit genialer Intuition auch auf diesem ihm fremden Gebiete die Riohtungslinien der Entwicklung sicherer abzustecken wusste als die besten Fachleute. Sein Vorschlag, der sozialen Not mit dem Mittel der Produktivgenossenschaft an die Wurzel zu gehen, wird nach meiner Ueberzeugung binnen kürzester Zeit, freilich auf ganz anderem Gebiete und mit wesentlich anderer, Organisation als er glaubte, eine Zeitenwende herbeiführen. Doch, darüber mag man denken, wie man will: jedenfalls gehört heute eine wissenschaftliche Objektivität von grösster Seltenheit dazu, um diese Persönlichkeit, die unsere Zeit jetzt eben einzuholen beginnt, in ihrer vollen Grösse und in ihrer eigenartigen Prägung zu erfassen. Um aber ein so prächtiges Werk zu schaffen, wie Hermann Oncken uns mit seinem „Lassalle"**) geschenkt hat, dazu gehörte mehr als nur wissenschaftliche Objektivität; dazu musste ihr in gleichem Masse zur Seite treten die intimste Kenntnis der neuesten europäischen, in Speele der preussisch-deutschen Geschichte sowohl in ihrer politischen wie in ihrer kulturhistorisch-soziologischen Entfaltung; ferner ein tiefes Verständnis der volkswirtschaftlichen Probleme und Theorien, und nicht zuletzt die volle Künstlerschaft des Bildners, der eine ihm durch psychologische- Intuition vertraute Grossgestalt plastisch ins Leben zurückzustellen vermag. Ich stehe nicht an, den Onckeifsehen „Lassalle" als eine der besten, gediegensten und schönsten Leistungen der zeitgenössischen Literatur anzuerkennen. Wenn das Werk das Schicksal hat, das es verdient, so wird es bald auf allen Tischen deutscher Kulturbürger zu finden, sein. Oncken erfasst sofort die tiefste Wurzel seines Helden, wenn er ihn als Juden deutscher Staatsangehörigkeit begreift. Man pflegt häufig zu sagen, den Juden stecke die revolutionäre Ader im Blute, und auch Oncken scheint zu dieser Auffassung zu neigen. Das ist natürlich ebenso abzulehnen wie alle „rassentheoretische" Geschichtserklärung überhaupt; man könnte mit besserem Rechte umgekehrt den Juden, als den Typus des Konservatismus darstellen. Aber nichts ist gewisser und nichts natürlicher, als dass der heutige Jude im heutigen Zentral- und Osteuropa der geborene Revolutionär sein muss; sein Milieu bestimmt ihn dazu mit gebieterischer Kraft: entweder ist er Proletarier und hat dann natürlich dieselbe Tendenz gegen die feudalkapitalistische Weltordnung, die ihn entrechtet und ausbeutet, wie der christliche Proletarier — oder er ist seiner Vermögenslage nach „Bourgeois", und dann treibt ihn seine eigentümliche Klassenlage mit fast gleicher Kraft gegen eine Ordnung der Dinge an, die nur ihm die soziale Einordnung, die Gleichberechtigung, einen Teil des commercium und fast das ganze connubium versagt. Dieser Umstand entscheidet über seine politische Richtung, über die „res" seines Lebens; und das gleiche Milieu bestimimt dann auch über seine Lebensführung, über seinen „modus", mit fast ebenso unentrinnbarer Kraft. Weil die Juden sich überall im gesellschaftlichen Leben die Stellung erst erobern müssen, die jedem Nichtjuden ohneweiters eingeräumt wird; weil die erste Vermutung überall gerade so gegen, sie ist, wie sie für jeden Nichtjuden1 ist — bis zum Beweise des Gegenteils gelten sie im allgemeinen für Nichtgentlemen, die Nichtjuden für Oeritlemen — deshalb stehen sie fortwährend in Fechterstellung. Ueberall angegriffen, mindestens angezweifelt, haben sie ihre Persönlichkeit immer erst zu sichern, und daraus ergibt sich notwendig jene aggressive, mindestens mit Bedeutung sich betonende UeberhcblichkciL die den Juden im allgemeinen nicht mit Unrecht nachgesagt, aber mit Unrecht zum Vorwurf gemacht wird: man kann unmöglich bescheiden auftreten in einem Kreise, in. dem man nicht als Gleicher unter Gleichen angesehen wird, in dem man aber die Gleichberechtigung beanspruchen, darf. Und daraus ergibt sich weiterhin jene angebliche Rasseneigenschaft der blendenden, advokatorischen Dialektik. Wer stündlich im Kampfe steht, der hat natürlich die Aussicht, bei gleicher Anlage ein besserer Fechter zu werden, als der sicher in friedlichem Besitze Ruhende. **) „Politiker und Nationalökonomien." Eine Sammlung biographischer System- und Charakterschilderungen. Hierausgegeben von G. Schmoller und O. Hintze. 2. „Lassalle.'4 Von Hermann Oncken. 450 Seiten. Stuttgart 1904, bei Fr. Frommann (E. Hauff).