Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 „M* * W$ltfl Nr. 36 So steckt naturgemäss in ledern begabteren jüdischen Bourgeois von heute ein Stückchen Lassalle, und es ist so wenig ein Wunder, dass sie in Russland und Deutschland die Führer der sozialistischen Opposition sind, wie es ein Wunder ist, dass der gespannte Dampf den Maschineiiikolben hebt. Sie sind sämtlich radikale Zu-Ende-Denker ohne Kompro/missnctgungen im Theoretischen, blendende Dialektiker, schonungslose Polemiker und sich selbst überstark betonende Persönlichkeiten. Wo sie ebenfalls aus dem jüdischen Kleinbürgertum mit seinen engen Horizonten und seinen fast nur auf materielle Dinge begrenzten Interessen stammen, wie Lassalle, da finden sich auch jene Charakteristika einer „schlechten Kinderstube44, diie auch er trotz seiner aristokratischen Neigungen nie ganz hat abstreifen können: eine gewisse Taktlosigkeit im Ausdruck, die wohl vermieden werden könnte, ohne die Schärfe der Beweisführung abzuschwächen, und ein bedauerlicher Mangel in der Kunst, den Persönlichkeitssto-lz nicht allzu vernetzend zur Schau zu tragen. Aber freilich, um aus diesen allgemeinen Anlagen einen Lassalle zu machen, dazu müsste ihnen noch eine Kleinigkeit hinzutreten: die ungeheure, fast einzige Kraft, die den Mann erfüllte. „Unser Schicksal ist die Kraft", und Lassalle hatte mehr Dampf im Kessel als die meisten Menschen aller Zeiten, sogar überhitzten Dampf, der denn auch zuletzt die Explosion herbeiführen musste. Aber bis zu jenem verhängnisvollen Augenblicke leistete die Maschine unerhörte Arbeit: was dieser Mann in einem vor der Lebenshöbe jäh abgerissenen Dasein gearbeitet, gedacht, geschrieben, geredet und gehandelt hat, davor steint die Nachwelt mit stauniender Bewunderung schon der Quantität. Auch hier liegt der Schlüssel des Verständnisses nur in dem Judentum Lassalles. Denn w>ir Juden arbeiten alle mit verschraubten Ventilen, auf die Gefahr der Kesselexplosion hin. All die Dampfauslässe, aus denen Mitstretende nichtjüdischer Abstammung ihre Kraftüberschüsse entladen, im sozialen Verkehre mit Gleichgestimmten, in Harmlosigkeiten des täglichen Lebens, sind für den Juden verschlossen; alle ihre Kraft wirkt ausschliesslich in der Richtung des „Nutzeffektes44, und muss in ihr wirken, wenn sie, was sie ja müssen, weil sie Menschen sind, unter den ihnen aufgezwungenen unfairen Bedingungen der Arena das Ziel erreichen wollen. So peitscht sie* die Ungunst ihres Mili-eus zu Gipfelleistungen über ihre Kraft, entfaltet alle zum Erfolge dienenden Anlagen ins Uebcrmenschliche, während, sie allerdings dabei die grösste Gefahr laufen, einseitige Kraftmaschinen statt harmonische Vollmenschen zu werden. Der Antisemitismus ist in der Tat im besten Zuge, aus den Juden eine „Rasse44 zu erziehen, die alle die Eigenschaften des Geistes und Willens „hochgezüchtet44 besitzt, die zum Erfolge vorbestimmen. Dass eine von Natur mit so vulkanischer Elementarkraft ausgestattete Persönlichkeit wie Lassalle unter solchen Umständen zu geradezu dämonischer Leistungsfähigkeit gepeitscht werden musste, wird jetzt vielleicht nicht mehr allzu wunderbar erscheinen; und jedenfalls ist es ein guter Griff Onckens gewesen, seinen Helden aus seiner Judenschaft heraus begreifen zu wollen, wenn er auch den rassentheorietischen Meinungen der Gegenwart zu bedeutende Zugeständnisse macht, als dass er in der psychologischen Verwertung dieses Motivs hätte so weit gehen können, wie es soeben versucht worden ist. Und nun entrollt sich dieses grosse Leben vor uns, von dem Lassalle selbst wenige Tage vor seinem Tode sagen durfte: „Es war gross, brav, wacker, tapfer und glänzend genug,44 ohne dass man hier mehr als die echt lassallische, echt „jüdische44 pleonastische Häufung der Adjektive rügen dürfte. In glänzender Schärfe und mit erstaunlicher, selbst seinem Abgott Bismarck gegenüber bewährter Gerechtigkeit schildert Oncken die allgemein politisch-kulturlichen Verhältnisse und -ihre Entwicklung, mit denen Lassalle sich abzufinden, und die Persönlichkeiten, mit denen er zu rechnen hatte, gleichsam die Erhebungen des Geländes, die diesem starken und schnellen Bergstrom seinen Lauf vorzeichneten, und die Felsen, an denen er aufschäumte. Unmöglich, hier auf Einzelheiten einzugehen, unnötig, einzelne kleine Bedenken anzumelden, die der Eifer der Spezialphilologen schon aufspiessen wird. War dies Leben ein. Roman im besten Sinne, so hat es in Oncken seinen würdigen Schilderer gefunden; man liest in fast atemloser Spannung, bis man mit einem Seufzer das Buch schliesst. Eine Gerichtsverhandlung. Jüdische Eltern, die vielleicht die Absicht haben, ihre Tochter an einen Nichtjuden zu verheiraten, werden vermutlich den nachfolgenden Bericht aas dem Gerichtssaal mit besonderem Interesse lesen : ' Der Magistratsakzessist R. K. und seine Gattin begehrten in Wien vor einem Senat des Zivillandesgerichtes einverständlich die Trennung ihrer vor etwa fünf Jahren geschlossenen Ehe. Der Vorsitzende machte den vorgeschriebenen Versöhnungsversuch, indem er zunächst der Gattin nahelegte, ihrem Manne entgegenzukommen. Gattin (nach einigem Zögern): Ich glaube, es würde nichts nützen. Vors.: Warum denn nicht? Gattin: Man hat mir gesagt, er wolle mich los werden, weil ich Jüdin bin, und er glaubt, deshalb nicht avancieren zu können. Vors.: Daran wird kein vernünftiger Mensch glauben. Ich gebe zu, dass vielleicht die Konfession des Mannes eine Rolle spielen kann, aber die Konfession der Gattin hat mit dem Avancement gar nichts zu tun. (Zum Manne gewendet:) Wie denken denn Sie über die Versöhnung? Gatte: Ich bitte, in die Verhandlung einzugehen. Vors.: Sie begehen wirklich ein grosses Unrecht, wenn Sie sich der Versöhnung widersetzen. Warum wollen Sie denn davon nichts wissen? Gatte: Der Stadtrat — seinen Namen darfich nicht nennen — der bei der Beratung überden Besetzungsvorschlag intervenierte als ich avancieren sollte, hat mir selbst gesagt, dass ich prät er iertwurde, weilmeine Frau eine Jüdin ist. Der Vertreter dos Gatten beantragte Trennung der Ehe aus dem Verschulden der Gattin; der Ehebandsverteidiger plaidierte auf Abweisung des Trennungsbegehrens, weil ein Grund zu gegenseitiger unüberwindlicher Abneigung nicht vorliege. Der Gerichtshof erkannte auf Abweisung des Trennungsbegehrens, erklärte jedoch die Ehe aus demVerschulden desGatten für geschieden. Da haben wir ein Schulbeispiel für das Schicksal der Jüdin, die ihre Hand zum Lebensbunde einem Nichtjuden reicht. Ein Zufall fügt es, dass wir einen Blick in das Ehegemach tun durften. Durch die Tür des Gerichtssaales konnten wir in das Ehegeschick dieser Jüdin hineinschauen, allein tausende und tausende ihrer Schicksalsgenossinnen beseufzen im Stillen ein gleiches Los und sind ängstlich bedacht, dass kein zuschauendes Auge durch eine Türritze in das Elend einer Ehetragödie hineinluge. Das waren sonnigs Tage, die Tage des Brautstandes! Welch eine Seligkeit lebte in dem Herzen der Jüdin, die die Erkorene des Nichtjuden war! Ein Gefühl warmer Dankbarkeit erfüllte sie; sie sagte sich, dass der Mann, der einem Wall von Vorurteilen zum Trotz eine Frau heimführe, sicherlich mit einer ungewöhnlichen Liebe dieser zugetan sein müsse. Und dass eine solche nicht alltägliche Zuneigung eine unerschütterliche Garantie zukünftigen Ehe- und Lebensglückes bieten würde. Die Jüdin hatte wohl auch die Empfindung eines Wesens, das sozusagen auf eine höhere Stufe hinauf-