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Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 „bi$ * W$lt" Nr. 36 Elkan nicht. Er fühlt seine Ohnmacht, Er sieht keinen Weg. Und das ist kein Wunder. Er ist einer jener jungen, deutschen Juden, die nie von anderem gehört haben als vom Segen der Assimilation. Ein Typus jener jungen, reichen, gebildeten Juden des Thiergartenviertels, denen ihr Judentum immer nur schmerzlich zum ßewusstsein kommt, wenn sie ihre Vereinsamung fahlen infolge dieses Judentums, das ihnen ausser den salbungsvollen Reden der Prediger nichts geboten hat, und von dem sie nur das Eine wissen, dass sie von ihm nichts, gar nichts wissen. Es ist merkwürdig, wie fein Stratz diesen Typus schildert. Wie er mit kurzen treffenden Worten die ganze Misere dieser Menschen zeichnet, die sich umso unglücklicher fühlen, je tiefere Naturen und je ehrlichere Charaktere sie sind. Und doch! Von unserem zionistischen Standpunkt aus scheint uns das alles wie ein Leid, das uns fast fremd anmutet, weil es bereits hinter uns liegt. Könnte uns ein Schicksal wie das Dr. Elkans ebenso widerstandslos machen, uns nur Tränen and keine Taten erpressen? Hören wir nur eine von Dr. Elkans Klagen. „Gesund und unbefangen sollte man sein und frisch darauf losleben. Und endlich einmal aus dieser ewigen Ahasverstimmung heraus!" Und da sein Bruder ihn fragt: „Was heisst denn das: Ahasverstimmung?* Antwortet er: „Du brauchst bloss meine beiden Namen anzusehen. Da liegt sie darin. Siegfried — das heisst: Ich will ein guter Deutscher sein! und Elkan, dass heisst: Du bist's aber nicht. Du bist ein Gast und noch dazu vielen ein ungebetener. Das lassen dich jeden Tag tausend Nadelstiche —- jeder Blick in ein Witzblatt, jedes Wort eines Vorübergehenden fühlen«" In der Vereinigung mit dem Edelfräulein sieht er den innigen Anschluss an seine deutschen nichijüdischen Mitbürger. Die Liebe zu Yella ist ihm wie eine Erlösung aus der von ihm bitter empfundenen Zwiespältigkeit seines Wesens. Der Arme, der gar nicht ahnt, dass Tausende und Abertausende diesen Zwiespalt bereits überwunden haben, weil sie zu den Ihrigen zurück gefunden! Es klingt fast wie ein Paradoxon, aber Gestalten wie dieser so ganz in der Assimilation aufgehende Dr. Elkan stehen dem deutschen Volke tatsächlich viel fremder, unfreier gegenüber als die Nationaljuden deutscher Zunge. Und wir können ihm nachfühlen, wenn er von einer plötzlichen Erkenntnis erleuchtet, in die Worte ausbricht: „Ich habe heute durch Zufall einen Zipfel von einer ganz anderen Weit gelüftet und bin erschrocken. Das alles ist neben uns und um uns und uns so verschlossen, dass wir es am hellen Tag: nicht sehen, obwohl wir es mit Händen greifen könnten. Wir leben wirklich all* wie die Fremden im Hotel, die auch nicht wissen, was für Menschen draussen vor ihren Penstern vorübergehen. Wir sind ewige Gäste — hier und überall." Vor zehn Jahren noch hätte ein deu'scher Erzähler, wie Stratz, einem reichen, gebildeten deutschen Juden kaum solche" Worte in den Mund gelegt. Es zeigt von einem grossen Umschwung inbezug auf die Judenfrage, wenn derartige Aussprüche in durchaus wohlwollender Weise vorgebracht werden. Der Jude in der nichtjüdischen Literatur wandelt sich wie der in der jüdischen. Es ist Zeit, dass wir die früheren Beobachtungen durch neue ergänzen. Sie stimmen nicht mehr; denn es gibt viel Neues und Eigenartiges zu berichten. — Die anderen drei Novellen des Buches sind ebenfalls gut erzählt. Nichts von der nervösen, aufpeitschenden Sensationslust der Marktbücher. Nichts von der allen Bildungsphilistern imponierenden, angeblich neuen Moral, die sie nur deshalb begeistert, weil sie unter ihrem leuchtenden Königsmantel ihre schäbigen Gebreste ohne das übliche, ihnen so unbequeme Verbandzeug oergen zu können glauben. Keine Spekulation auf Perversitäten irgend welcher Art. Alles echt und rein und ehrlich, so dass man gerne darüber weg sieht, dass es nicht zu dem Tiefsten gehört, was ein Geist von umfassender Weltanschauung sagen könnte. Aber dazu ist auch die Form der Novelle nicht berufen. W„ Der „Unionkalender". Der neue Jahrgang 5665 (1904/05) des von der „Oesterreichisch-Israelitischen Union44 herausgegebenen „Kalenders für Israeliten" ist soeben erschienen. Der neue Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem k a 1 e n d ar i s c h e n Teile wurde die grösste Sorgfalt gewidmet, und im schematischen Teile war die Redaktion bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstehungen, Funktionäre und rituellen Institutionen zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen Vereinswesen die grösste Aufmerksamkeit zugewendet. Neu aufgenommen wurde ein Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen. Der literarische Teil hingt eine Besprechung der dichterischen Persönlichkeit des im Vorjahre verstorbenen Schriftstellers Karl Emil F r a n z o s aus der Feder des Rabbiners Dr. Simon Mandl, dann eine Remiszenz unter dem Titel: „Die Juden und das Jahr 1809" von Dr. Tänzer, ferner eine Erzählung aus dem modernen Wiener Leben von „Nom de guerre\ Der „Unionkalender" ist zu beziehen vom Bureau der „Oesterreichisch-Israelitischen Union*, Wien, IX., Universitätsstrasse 8, sowie von allen jüdischen Buchhandlungen. Preis K 1.60. b. Ein seltenes Jubjläum, das dreihundertjährige Bestehen, konnte die Firma F. A. Lattmann in Goslar a. H. begehen, und zwar in ihrer Buchdruckerei-Abteilung. Neben dieser betreibt Lattmann in erster Linie einen neuzeitlichen Buchverlag, aus dem das unseren Lesern wohlbekannte Werk Juda", illustriert von dem Zeichner E. M. Lilien, vor einigen Jahren erschien. Dem Buchverlage gliedert sich neuerdings eitf Kunstverlag an und ausserdem ist in der Firma eine Spielkartenfabrik als selbstständige Abteilung. Es ist besonders interessant, dass diese sämtlichen Abteilungen schon vor Jahrhunderten unter den Vorgängern zu verzeichnen sind. So ist der Gründer des Geschäftes, Johann Voigt, bereits in den ersten Jahren nach 1600 ein eifriger Verleger schöner Werke, namentlich von grossen Folio bib ein mit prachtvoller Schrift und und bedeutenden Illustrationen gewesen, der daneben aber seine Druckerei nicht vernachlässigte und auch für fremde Verlage gleich der jetzigen Firma zahlreiche umfangreiche Werke von hohem Kunstwert druckte. Im 18. Jahrhundert wurde die jetzt als grösseres Pro vinzialtageblatt bestehende „Goslarsche Zeitung1* gegründet, die also bereits das respektable Alter von 121 Jahren besitzt. Ein noch älteres, ununterbrochen fortgeführtes Unternehmen ist der „Bergkalender", ein Familienkalender, Quartformat, der heuer im 256. Jahrgange erscheint. Die Spielkartenabteilung ist zwar jüngeren Datums, aber sie hat auch bereits mehr als ein halbes Jahrhundert hinter sich. Das Jubiläum gab ihr Veranlassung, eine wunderschöne französische Spielkarte nach Aquarellen von hohem Kunstwert zu edieren. Der Verlag fand eine sinnige Ehrung durch ein ihm von E. M. Lilien und Dr. Regener gewidmetes Werk, eine Biographie Liliens mit begleitendem Text, die als Kunstwerk in einiger Zeit erscheinen und sicherlich zahlreiche Freunde finden wird. Eine Kunsttat verspricht das in Vorbereitung b-findlich*» Werk „Das hohe Lied" zu werden, das die biblischen Gesänge im überarbeiteten Urtext mit gro«s angelegten Zeichnungen Liliens enthalten und auf das Vers^hwenderischte ausgestattet werden wird. Um ihm grosse Popularität zusichern, soll sein Preis möglichst dem d*s BJudau gleich werden. Wir behalten uns vor, nach Erscheinen dieses Werkes, das Ende dieses Jahres zu erwarten ist, eingehend auf dasselbe zurückzukommen. Feuilleton. Lassale. (Zu seinem vierzigsten Todestage.) Von Dr, Franz Oppenheimer.*) Kaum auf eine grosse Erscheinung der neuesten Geschichte lässt sich das viel zitierte Dichterwort mit grösserem Rechte anwenden als auf Ferdinand Lassalle: „Von der Parteien Hass und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte/' Der ungeheure Eindruck, den diese machtvolle Persönlichkeit auf ihre Zeitgenossen ausübte, wirkt noch heute fast unvermindert fort; vierzig Jahre schon liegt er in seinem Grabe, und noch immer kämpfen „Hass und Gunst" mit alter Leidenschaft den homerischen Kampf um seine Leiche. Freilich: mehr Hass als Gunst! Denn er war ein Mann, der sich Feinde zu machen verstand. Seine Grösse und seine Schwächen wirkten zu dem Endergebnis zusammen, ihm eigentlich alle Massen, alle Organisationen der „Vielzuvielen" zu erbitterten Feinden zu machen. Seine Grösse: denn er war allen seinen Zeitgenossen in dem Verständnis der Tendenzen ihrer *) Aus der „Zeit" vom 31. August. Mit Erlaubnis des Verfassers und der Redaktion der „Z e i t" reproduziert.

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