Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316110--46090-3340927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 „biC & W^lt11 Nr. 36 Während der Zeit Eurer Exzellenz erfreulichen Besuches meines Heimatlandes bin ich zu meinem lebhaften Bedauern auf Grund dringenden ärztlichen Rates an den Kur gebrauch in Karlsbad gefesselt, so dass es mir leider nicht vergönnt sein wird, mit jenen Körperschaften, denen ich anzugehören die Ehre habe, Eure Exzellenz ehrerbietig zu begrüssen. Ich erachte es für meine Pflicht, Eure Exzellenz deshalb um Entschuldigung zu bitten und dies ganz besonders in meiner Eigenschaft als Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, deren Repräsentanz Eurer Exzellenz persönlich vorzustellen ich mir zur hohen Ehre angerechnet hätte. Es sei mir jedoch gestattet, brieflich die Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz auf die erschreckende wirtschaftliche Notlage der grossen Masse der so zahlreichen jüdischen Bevölkerung Galiziens zu lenken. Es ist nicht leicht, in einem kurzen Briefe die mannigfachen und vielfach verästelten Ursachen dieses Niederganges zu skizzieren, der seinen markanten Ausdruck in den rapid wachsenden Ziffern der jüdischen Emigranten findet. Doch sicher iet es, dass eine der Hauptursachen in der wirtschaftlichen Rückständigkeit unseres Landes und im Mangel an Industrie liegt. Die moderne Zeitkrankheit des An tisemitismus, welche uns Juden im grössten Teile Europas das Dasein vergällt und vergiftet, wirkt allerdings auch mit. Der Nährboden dieser Krankheit ist manchenorts mehr die Gesinnung der Bevölkerung als die Haltung der Regierung, und ich muss es dankbarst anerkennen, dass der gegenwärtige Herr Statthalter seit seiner Ernennung bis jetzt den Juden gegenüber einen einwandfreien und korrekten Standpunkt einnimmt, und dass Eure Exzellenz als Leiter des Justizministeriums bei Beförderungen im Justizdienste sich von konfessionellen Momenten nicht leiten lassen. Doch leider ist diese Hoehhaltung der verfassungsmässigen Gleichberechtigung nicht in allen Ressorts bemerkbar, und so iet beispielsweise der Dienst in der politischen Verwaltung eine den Juden unzugängliche Domäne. Aufgabe einer erleuchteten und modernen Regierung wäre es aber, den öffentlichen Geist erziehlich und bildend zu beeinflussen und mit leuchtendem Beispiele auch der autonomen Verwaltung und allen Arbeitgebern voranzugehen. Ich bin überzeugt, dass mir Eure Exzellenz in Ihrer gereiften politischen Abgeklärtheit dieses freimütige Wort nicht verübeln werden, denn es ist dies in verfassungsmässig regierten Staaten die Pflicht aller Volksvertreter.0 Hoffentlich wird es in Galizien Leute geben, die über die entsetzliche Verelendung der Juden vernünftiger und mit ganz anderem Freimut als der alte Leisetreter und Stanczykendiener Dr. Byk dem Ministerpräsidenten berichten werden. Vielleicht wird Seine Exzellenz finden, dass die „moderne Zeitkrankheit", wie sich Herr Dr. Byk sehr originell ausdrückt, nicht nur „allerdings mitwirkt", sondern dass die Zurückgefcliebenheit der galizischen Bevölkerung mit dem Hasse der herrschenden konservativen Schlachzizen und der Tatenlosigkeit der Behörden wetteifert, um Galizien für die Juden zu eiuer Stätte des schrecklichsten Elends zu machen. Rumänische Emigranten in Bodenbach. Aus Bortenbach wird der „N. Fr. Pr.tt geschrieben: Seit lhehr denn drei Jahren passieren allwöchentlich unsere Schwesterstadt Tetschen Gruppen rumänischer Emigranten, um über Leipzig nach Rotterdam zu fahren, wosel bst ihrer die Schiffsbillette für die Reise nach Amerika harren. Di^se Gruppen, welch die Fahrt mit der Unterstützung der Wiener Israelitischen Allianz unternehmen, geniessen stets laut der in ihrem Besitze befindlichen Legitimation freie Passage durch Leipzig, woselbst sie während ihres kurzen Aufenthaltes von dem Vorstande der Koltusgemeinde in Empfang genommen werden. Am letzten Mittwoch erfolgte aber plötzlich die Zurücksendung einei aus 80 Köpfen bestehenden Emigrantengruppe nach Bodenbach, wo die jüdische Gemeinde klein an Zahl ist und nicht über die erforderlichen Mittel verfügt. Es war nun für die Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde Bosenbach keine kleine Aufgabe, den zurückbeförderten Emigranten eine, wenn auch nur bescheidene Unterkunft zu verschaffen, bis ihnen die Weiterfahrt ermöglicht wurde. Dank der umsichtigen Verfügungen der Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde, der Herren Siegmund Brauner und Karl Heller, denen sich der Rabbiner M. Freund sowie Herr S. Kantor anschlössen, wurde für die notwendigsten Bedürfnisse gesorgt. Der Bodenbacher Frauenverein übernahm die Aufgabe, für die Emigranten die Verköstigung zn besorgen. Samstag endlich zeigte eine telegraphische Meldung aus Wien an, dass die Emigranten doch bald ihre Fahrt werden fortsetzen können, wenn auch nicht übar Sachsen, obwohl seitens des dortigen Ministeriums des Innern ein Erlass herausgegeben worden war, der den von der Allianz mit Legitimationen versehenen Auswanderern das Passieren ohne Anstand gestattet, sondern über eine andere Route. Sonntag früh traf der Delegierte der Israelitischen Allianz, Herrjelinek, hier ein, und die Emigranten verliessen unsere Stadt mit dem heutigen Morgenzug, um die Route über Prag zu nehmen. In derselben Angelegenheit erhalten wir aus Prag folgenden Bericht: Nachmittags erwarteten die Präsidenten der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Arnold Rosenbacher und Dr. Ludwig Bend in er, die mit dem Staatsbahn zuge atkommenden 80 rumänischen Auswanderer Dieselben wurden in die jüdieche Volksküche geleitet und dort bewirtet, hierauf zum Bahnhofe geleitet, wo die Herren Dr. R o s e n b a c h e r und Dr. Bendiner für einen Waggons sorgten, und diese auch die Einwaggonierung der Emigranten überwachten. Golusblüten. Im „Neuen Wiener Journal* vom Sonntag den 21. August lesen wir folgendes Inserat: Den geehrten Christen zur gefälligen Kenntnis: Doktor Robert Maria Braun (Christ) ordiniert: 2. Bezirk, Kaiser Josefstrasse Nr. 22. Dr. Braun war als Student und Jude ein Hauptschreier der Assimilanten und Gegner des Zionismus. Assimilationsversuche. Der Prerauer Lehrer Herr Josef Vojecky stimmte in den „Obchodnilisty" herzzerreissende Jeremiaden über die kläglichen Assimilatiorisversuche in der Prerauer „Beseda*?n. Der Not gehorchend, nicht dem eigenenTrieb, traten einige Jud^nanfangs bei, allein die 30 Mitglieder wollten sich durchaus nicht der «lavischenSprache bedienen und — so löste sich die Beseda binnen kurzem auf. Was es da zu jammern gibt, ist schlechterdings nicht einzusehen. Oder ist der Herr Lehrer heute noch immer nicht im klaren darüber, wohiB der Jude gehört, dann wollen wir es ihm sagen : in den jüdischen Verein und nicht in die ,Beseda". Eine interessante Suspendierung vom Amte. D^r Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat den G^meindebibliothekar Dr. Fromer vom Amte suspendiert, nachdem dieser der Aufforderung nicht nachgekommen war, die öffentlich aufgestellte Behauptung zu dementieren, dass er der Verfasser des in der „Zukunft" erschienenen Artikels sei, der den Juden „unterzutauchen", d. h. sich taufen zu lassen, anriet. Unter welchen Umständen ist die Bezeichnung als Jude eine Beschimpfung? Die III. Appella'Jonskammer des züricherischen Obergerichtes sprach sich in einem Strafurteile wie folgt aus: „Es ist der Vorinstanz (Bezirkegericht Zürich) darin beizupflichten, dass in der Bezeichnung ein« s Israeliten als „Juden" unter Umständen fine gewollte Beleidigung liegen kann, je nachdem d> r Ausdruck gebraucht wird. Dagegen geht die Vorinstanz zu weit, wenn sie sagt, dass in dem Gesellschaftskreise, welchem der Angeklagte angehöre — gemeint ist die nichljüdisch« Gesellschaft — der, „Jude" als ein „im Punkte der persönlichen Ehrenhaftigkeit nicht vollwertiges Subjekt der menschlichen Gesellschalt gelte". Wenn man einen israelitischen Geschäftsmann kurzweg als „Juden" bezeichnet, wird in der Regel nicht angespielt auf dessen persönliche Ehrenhaftigkeit, sondern auf dessen Gebaren speziell im Geschäfteverkehr, auf die sprichwörtliche Schlauheit, die Gewinnsucht, den Mangel an Loyalität etc., Eigenschaften, die nach vulgärer Auffassung dem Israeliten ppeziell als Geschäftsmann anhaften.(!!) Kränkend kann es nun für einen israelitischen Geschäftsmann sein, in diesem Sinne als Jude bezeichnet zu werden, wenn er, vulgär gesprochen, gar nichts von einem „Juden" an sich hat, d. h. wenn er im Geschäftsverkehr sich eines tadellosen Verhaltens befleissigt. Hat er sich aber in seinem Geschäftsgebaren Inkorrektheiten zuschulden kommen lassen, die man geneigt sein kann, auf Rechnung seiner Abstammung zu schreiben, so kann er sich darüber nicht beklagen, wenn man ihm dies zu verstehen gibt. Eine solche Kritik seines Geschäftsgebarens, wie sie eben landläufig ist, muss er sich eben gefallen lassen." (Siehe „Blätter für Zücherische Rechtsprechung",. III. Band, Nr. 104.) Die Juden in Finnland. Die finnisch-schwedische Verfassung duldet überhaupt keinen Juden auf dem finnischen Boden. Zur Regierungszeit Nikolaus I. fanden nach 25jähr. Militärdienst in Finnland einige jüdische Soldaten daselbst ihre Heimat. Der finnische Senat hatte deshalb grosse Kopf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.