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Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 „bie # weit11 Nr, 36 hat den Mut gehabt, einmal offen -und ehrlich sich vor aller Welt über die Judenlage auszusprechen. (Vgl. „Neue Deutsche Rundschau", Juliheft: „Das Los der Juden"). Und was er sagt, ist warm, ist mit Liebe geschrieben- Er spricht nicht wie ein Au6senstehender, ein Kritiker, nein, er ist selbst eine „Persona dramatis", er spricht nicht von „ihren" Leiden, wie jüdische Schriftsteller immer von Juden sprechen, sondern von „unseren". Er sagt nicht: „Wir Welt", wie unsere im Kosmopolitismus machenden Herren Leisetreter, sondern: „Wir Juden". Und auf dieses „Wir* kommt es uns an. Nicht weil das jüdische Volk deswegen glücklich wäre und sich darum geschmeichelt fühlte, sondern weil es das ernste und redliche Wesen des Dichters charakterisiert. Und er bleibt ein Dichter in seinen Gedanken über das Judentum und kein konsequenter Denker. Er baut keine Syllogismen, arbeitet nicht mit den Mitteln der Analyse, er ist ein Schöpfer, ein Synthetiker. Er entwirft Bilder, stellt sie vor uns hin, und will sie dann interpretieren. Er will auf dem Wege der Kunst zum Denken kommen. Und er schildert uns mit Worten, die von Liebe und Hass, von innerem Empfinden überströmen, das Judenleid. Im achtzehnten Jahrhundert, sagt er, haben sich Leute mit der Entdeckung gebrüstet, dass Juden auch Menschen seien. „Wenn irgendwo im Weltraum ein still beobachtendes göttliches Wesen weilt — dabei muss sein Himmel vom Hohngelächter erzittert sein. Und nun Könitz, Polen, Galizien, Kischenew .... Wahrhaftig, die Menschen sind feige, träge, stumpfe, dumme Tiere. Sonst wäre mehr Empörung in der Welt. Der Rest sei Schweigen." Er will nicht heucheln, nicht dem Götzen der Emanzipation huldigen. Er reisst ihm grimmig die Maske ab und zeigt uns sein wahres Gesicht, das rohe, rücksichtslose. Wir haben uns bereits an die Judenlage und Judenfrage gewöhnt, die Sachen kommen uns beinahe natürlich vor. Ein tieferes Gemüt kann sich mit solchen Ailtagsfragen nicht versöhnen, und manchmal glüht der langsam glimmende Funke auf und schlägt in helle Flammen um. Wassermann will sich mit der Judenfrage nicht versöhnen, er will nicht das orientalische „Kismet" (es ist beschieden) wiederholen, resignieren. Er fordert Gerechtigkeit. Der stolze Jude bäumt sich auf. Und der Anblick ist schön. Verweilen wir bei ihm .... Der Jude, 6agt Wassermann, hat zwei Vergangenheiten; eine europäische und eine asiatische, oder wie wir sagen würden, eine Golusperiode und die seiner Unabhängigkeit, welche der Diaspora voranging. Während die europäische Geschichte der Juden nur Schmach und Erniedrigung, Sklaverei und blutige Verfolgung aufzuweisen hat, während er neunzehn Jahrhunderte kämpfen musste, um sich das Recht auf ein menschliches Dasein nur zur Hälfte zu erzwingen, war die asiatische Periode des jüdischen Lebens Grösse und Glanz, orientalische Pracht und Sonnenglut, ernst und färben schillernd wie der Himmel Judäas, wie die blauen Wellen des Genezareth. Und „die Aufgabe des modernen Juden", sagt Wassermann, „ist, dass er die europäische Vergangenheit vergesse, und die asiatische sich zu eigen mache.* Aber wie? Wassermann fährt in seinen Ausführungen fort. Er kritisiert scharf, bissig, grimmig, wie einer, dem die Sache nahegeht, einer der fühlt, dass man ihm zurufen könnte: „de te fabula narratur,* den modernen Assimilanten mit seiner Hohlheit und „Knechtschaft in der Freiheit". Es wäre logischerweise zu schliessen, dass eine Umwandlung jder modernen jüdischen Psyche nicht aus sich selbst vollzogen werden kann, dass ihr radikale Veränderungen der gesamten jüdischen Lebensbedingungen vorangehen und sie begleiten müssten. Wassermann will diesen letzten logischen Schluss nicht ziehen, indem er sagt: »Von jüdischer „Nationalität" will ich nicht reden. Es ist ein Treibhausgedanke. Aber den jüdischen Menschen als Spezialität, den gibt es ....a Also eine Art „homo Hebraeus", den Houston Stewart Chamberlain in die „Wissenschaft* eingeführt hat. Ich unterschreibe ja beinahe jedes Wort von Wassermanns Ausführungen, weil sie sich dem Gedankengang aller modernen, denkenden, selbst beobachtenden Juden so sehr nähern. Und wenn Wassermann sagt, dass „die beste Rache der Juden wird ein jüdischer Genius sein, der die ganze Welt beglücken wird", so hat er in einem gewissen Sinne recht. Aber er ist damit zu subjektiv, zu individualpsychologisch. Er hat das soziologische Moment ganz ausser acht gelassen. Ein jüdischer Genius! Sind denn die nicht im Laufe der Jahrtausende des Kulturlebens sporadisch aufgetreten? Moses, Spinoza, Marx? Und was hilft's? Wird denn das Leben und dessen Vorteile wirklich nach Verdiensten gemessen? Nur in der „Utopia" von Morus oder in der „Atlantis* könnte es so sein. Aber hier — homo homini lupus . . . Hobbes hat immer noch recht. Nicht auf Gerechtigkeit dürfen wir bauen. Wir haben was Besseres zu tun — und zwar: trachten, selbständig zu werden, und unsere eigenen Wege zu wandeln. Und wenn uns einst ein solcher Genius ersteht, desto besser für uns. Wir werden stolz sein, aber stolz, wie es ein freier Mensch sein kann, würdevoll und nicht prahlerisch. Es ist eine eigentümliche Sache. Die besten unter den denkenden Juden der Moderne wollen nicht Nationaljuden werden. Sie fürchten sich vor dem Wort „Nationalismus". Damit glauben sie, von dem Regen in die Traufe zu kommen. Aber man darf nicht wortscheu sein. Und wenn sie, unsere Besten, den Nationalismus in sich aufnehmen werden, so werden sie ihm neue Werte und neue Ideen verleihen, ihm einen neuen Lebenssinn entnehmen. Denn nach einem Lebenssinn und Inhaltstreben wir, wir Suchenden — und wir müssen ihn finden. Und wenn unser Lebensinhalt mit den Lebensinstinkten eines ganzen Volkes zusammenfällt, dann haben wir das Wort „Nationalismus" gesprochen. ... Cor. Die österreichische Nationalfondskommission* Vorige Woche hat die österreichische Nationalfondskommission ihr neues Bureau im Gebäude des Bureaus des Zionistenkongresses, IX. Türkenstrasse 9, bezogen. Die frühere Arbeitsstätte der Kommission genügte nicht mehr den Anforderungen, denn wir können mit Stolz sagen, dass wir gearbeitet haben und noch mehr zu arbeiten haben werden. Die österreichische Nationalfondskommission wird die Geschäfte des Nationalfonds für Oesterreich besorgen, sie wird aber auch, da sie am Sitze des Referenten für den Nationalfonds ist, Geschäfte allgemeiner Natur, Statistik. Agitation, Kontrolle, verrichten und so den vielbeschäftigten Referenten einigermassen entlasten. Die Agenden sind: 1. Gewinnung und Einsetzung von Vertrauensmännern in jedem Orte der Monarchie, in dem Juden sind. 2. Versorgung dieser Orte mit Nationalfondsmarken, so zwar, dass jeder Ort ein bestimmtes Kontingent an Marken konsumieren muss. 3. Versand, Evidenzhaltung der Nationalfondsbüchsen und Geldgebarung bezüglich der aus den Büchsen entnommenen Beträge. 4. Versand, Evidenzhaltung der Sammelbögen und Geldgebarung bezüglich dieser.

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