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Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 36 „bi* $ weit11 Seite 5 folgenden Inhalts: „Das Ministerium des Innern hat eine Verfügung erlassen, laut weicherkranke Personen jüdischen Glaubens, die zur Kur nach Moskau reisen, sowie deren Begleiter, welche nicht das Recht haben, sich ständig oder zeitweilig ausserhalb des jüdischen Niederlassungsgebietes aufzuhalten, vor ihrer Reise nach Moskau die Erlaubnis des Moskauer Oberpolizeimeisters dazu haben müssen. Von dieser Verfügung setze ich die jüdische Bevölkerung von Petersburg hierdurch in Kenntnis/ Einen ähnlichen Erlass hat, wie erinnerlich, vor kurzem der Stadthauptmann von Odessa erlassen. Petersburg. Der Kriegsberichterstatter der „Petersburgskaja Gazeta", der ehemalige Redakteur des „Swjet", Heinze, hat in einer seiner jüngsten Korrespondenzen vom Kriegsschauplatze seinem Judenhasse freien Lauf gelassen und die Tätigkeit der jüdischen Aerzte im fernen Osten als schädlich bezeichnet. Unter anderem berief er sich auf die russischen Offiziere, welche angeblich diese Schädlichkeit bestätigt hätten. Er schrieb nämlich : „Unsere Offiziere sprechen die Ansicht aus, dass man nicht nur japanischen Kugeln, anderen Geschossen und Krankheiten, sondern auch der Gefahr ausgesetzt sei, einem jüdischen Arzte in die Hände zu fallen." Diese Verleumdung, zu einer Zeit, wo die aufopferungsvolle Tätigkeit der jüdischen Aerzte auf dem Kriegsschauplatze von offiziellen Blättern, darunter vom „Russkij Invalid" und dem „Regierungsboten", hervorgehoben wurde, hat sogar in national-russischen Kreisen sehr missfallen. Die Zeitschrift „Russj", deren Herausgeber ein Sohn des Direktors der antisemitischen „Nowoje Wremja" ist, widmet dieser Sache einen Artikel, in welchem es unter anderem heisst: „Dass die jüdischen Aerzte hinter den Aerzten anderer Nationalität auf dem Schlachtfelde nicht zurückstehen, ist in der Presse bereits direkt hervorgehoben worden. Um so unverzeihlicher sind so rohe Ausfälle, wie der oben angeführte." Aber die „Peterburgskaja Gazeta" ist das Leibblatt der Petersburger Hausmeister und Kutscher, und für diese sind die Lügen des Herrn Heinze über die jüdischen Aerzte in der Mandschurei ein Evangelium. Baku. Die kaspische Fischereiverwaltung hat, wie die „Bakinskija Iswestija" melden, die Juden Perlmann und AItm ann verständigt, dass der dirigierende Senat entschieden hatte, dass die Zubereitung von Fischwaren, das Salzen und das Sortieren der Fische nicht als Handwerk betrachtet werden könne, welches Juden das Wohnrecht ausserhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons einräumt. Mithin sind alle Juden, welche dieses Handwerk ausüben, nicht berechtigt, in den Fischereigebieten zu wohnen. Diese Entscheidung bedeutet für viele tausende jüdischer Familien den Verlust ihrer bisherigen Existenz. Ostroq (Gouvernement Wolhynien). Für die Lage der Juden in Russland ist ein Brief eines christlichen Apothekers in Ostrog an den jüdischen Provisor Feldmann in Kischenew äusserst charakteristisch, welchen die „Odesskija Nowosti" publizieren. Dieser Brief des Apothekers T s c h e r n o m o r d i k lautet: „Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass ich in einer Stadt lebe, wo man Nichtrussen nicht liebt. Ich bin daher genötigt, Pharmazeuten auszusuchen, welche Nichtrussen nicht ähnlich sehen, russisch mit rein russischem Akzent sprechen und repräsentationsfähig sind. Wenn Sie die obenbezeichneten Eigenschaften besitzen, so trage ich Ihnen einen Posten bei mir mit einem Monatsgehalte von zwanzig Rubeln an. Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, ob Sie blond oder schwarz, vielleicht gar ein Typischer (Jude) sind und ob Sie einen rein russischen Akzent haben. Legen Sie also auch Ihre Photographie bei . . Cherson. Bekanntlich werden die jüdischen Ackerbaukolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw demnächst dem Ministerium des Innern unterstellt. Bei dieser Gelegenheit erinnert die „Sewero-Sapadnoje Slowo" daran, dass gerade just ein Jahrhundert seit der Gründung dieser Kolonien verflossen ist. Die Pioniere der jüdischen Kolonisation in Noworossij waren Juden aus den Gouvernements Mohilew und Tschernigow. Gegenwärtig leben in diesen Kolonien 35.000 Ackerbauer, im Gouvernement Jekaterinoslaw 9470 und im Gouvernement Cherson 25.530 Ackerbauer. Sie alle bearbeiten ein Areal von 82.000 Dessjatinen. Gt. Vom Wege. v. Man möchte ruhig und immer geradeaus gehen, zu einem Ziele unentwegt. Aber das Leben duldet nicht die gerade Linie, liebt nicht die gemütliche Ruhe. Immer kommen an uns Fragen heran, die uns aus der inneren Ruhe aufscheuchen. Und um so schlimmer ist es, wenn diese Fragen keine neuen sind, sondern alte, quälende, peinigende. Wie Mücken umschwärmen sie einen und man kann sich ihrer nicht erwehren. Eine derartige Frage der Fragen ist wiederum die vom Wesen des Judentums und nach dessen Ziel und Zukunft. Ein altes Thema, aber es ist noch keineswegs erschöpft. Es ist darüber viel gesprochen und geschrieben worden, und wir sind der Lösung nicht nähergekommen. Und wenn ich an dieser Stelle diese Frage wieder einmal streife, so ist es nicht zu dem Ziele, hierin einem doktoralen Tone Doktrinen zu entwickeln. Ich registriere nur fremde Meinungen, ich kritisiere nur. Kritik zu üben ist zwar leichter als synthetisch, schöpferisch zu arbeiten, aber in dieser Frage kann meines Erachtens keine Theorie entscheiden. Darum müssen wir uns ihr gegenüber als Beobachter, das heisst, als Kritiker verhalten. Die Philosopheme über Judentum mehren sich und wachsen von Tag zu Tag. Kaum hat Dr. Elias Jakob sein Wort verkündet kam Hugo Ganz und behandelte die Frage des Zionismus, des Judentums, erteilte Ratschläge, gab Urteile ab, er, der .Kenner" der Osfjuden! (Vergleiche „Das Freie Wort", erstes Septemberheft 1904). Genosse Lusnia in der „Krytyka" des Herrn Wilhelm Feldmann in Krakau und Aschkenasy daselbst konstruierten auf ihre Weise die Zukunft des Judentums. Glückliches Volk! Deine Söhne sorgen für dich, um dich, möchten dir liebevoll die Augen zudrücken. Manche trauern bereits um dich. Und du willst ihnen zuliebe trotzdem nicht „untertauchen", wie Herr Jakob in der „Zukunft" sagt. A propos. Dem genannten Autor widerfuhr eigentlich zu viel Ehre, dass man ihm so viel Beachtung in jüdischen Kreisen geschenkt hat. Er wurde aber auch nicht mit den richtigen Waffen bekämpft. Anstatt ihn durch ihn selbst zu widerlegen, ad absurdum zu führen, warf man ihm Argumente an den Kopf, die manchmal nicht stichhaltig waren. Dr. Jakob hat übrigens nichts anderes gesagt, als bereits viele andere vor ihm und unter ihnen Schreiber dieser Zeilen (Vergleiche „Ost und West", 1904, V.) über die Psychologie des Judentums gesagt haben. Anstatt aber psychologisch und soziologisch, ja einfach logisch zu denken, anstatt seine Prämissen zu entwickeln und zu erklären, macht er einen Sprung, ein Salto mortale und fällt in den Ton des Kanzelpredigers, in den verhassten Ton des hysterischen Pathos und der hohlen Worte. Lernen Sie denken, Herr Dr. Jakob l Aber lassen wir ihn beiseite. Eine andere, interessantere, sympathischere Persönlichkeit steht vor uns, die Jakob Wassermanns. Kein Unbekannter mehr. Noch nicht allseits anerkannt, noch nicht zur vollen künstlerischen Reife gelangt, zählt er bereits jetzt zu den besten unter den Belletristen. Und er blieb in seiner Kunst ein Jude. Achad-Haam wäre mit ihm zufrieden. Er hat nicht gleich Antokolski zu seinen Schöpfungen „fremde" Sujets und Personen gewählt. Er blieb jüdisch. „Die Juden von Zirndorf", „Moloch" — sind sie deutsche Bücher? Oder ist Auerbachs „Spinoza", Jakobowskis „Werther", Hejermanns„Diamantenstadt", „Ghetto", Zangwills Novellen, Foäs Drama „La figlia", «ind alle diese Werke nicht zur jüdischen Literatur gehörig, zur „weiteren* jüdischen Literatur? Es ist eine interessante Frage, auf die man näher eingehen müsste. Aber davon ein andres Mal. Wassermann

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