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Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bie # Weit" Nr. 36 denn sonst sich besinnen lässt, wobei der eine sich krümmend und, um Verachtung und Geringschätzung zu vermeiden, es fortwirft, der Ehrenhaftere aber sich zurückzieht und die Seinen aufsucht So gehört die Geselligkeit im Orden zu seinen wesentlichen Existenzbedingungen, Nun hat auch unsere Bourgeoisie im allgemeinen nicht genug Gelegenheit, ihrem infolge der angeborenen Tüchtigkeit, Müsse und materiellen Möglichkeit vorhandenen Energieüberflusse entsprechend zu ihrer völligen persönlichen Befriedigung und sozial tätig zu sein. Diese Gelegenheit bietet ihnen nun wieder der Orden. Was aber die soziale Tätigkeit des Ordens betrifft, so bildet er eine wichtige jüdische Gesamtinstitution, mit der wir als Partei rechnen müssen und womöglich zusammenarbeiten sollen. Sie bezieht sich doch auf die notwendigste Gegenwartsarbeit, die nicht ganz in unserem Programme enthalten ist, und die wir allein nicht ganz leisten können. Wenn wir die 20jährige Geschichte der B'nei Brith in Deutschland durchsehen, so bemerken wir ihr Bestreben, kein „Wohltätigkeitsverein zur Unterstützung seiner Mitglieder", auch kein »Geselligkeitsverein" zu sein, sondern grössere Werke von bleibendem Werte zu unternehmen. Indem sie ihre Arbeiten in modernem Stile unternehmen auf Grund vorhergehender wissenschaftlicher Untersuchungen, können wir, wenn auch erst nach manch irrigem Experimentieren, auf gute Resultate hoffen. Um so sympathischer muss für uns ihre Bemühung zur Förderung der jüdischen Wissenschaft durch Gründung jüdischer Bibliotheken und Organisierung von Vorträgen aus der jüdischen Geschichte und Literatur sein. Zitieren wir ihre eigenen Worte aus der Festschrift der deutschen Grossloge (S. 103, 104): „Wer das Leben und Treiben der Juden seit 20 Jahren eifrig und aufmerksam verfolgt hat, wird zugeben müssen, dass das jüdische Wissen, die Schriftkunde, jüdische Geschichte, nicht mehr Allgemeingut der weiten Schichten der jüdischen Bevölkerung, dass vielmehr die Kenntnis des Judentums in allen seinen Formen weit weniger gesucht und geübt wird, die jüngere Generation nur ganz oberflächliche Kenntnis von der jüdischen Wissenschaft, kaum eine Ahnung hat von der Erhabenheit und Schönheit der jüdischen Literatur, kaum eine Ahnung von den glorreichen Taten unserer Ahnen, von den namenlosen Leiden unserer Altvorderen. Die Geschichte unseres Volkes wieder aufzufrischen, wachzurufen die verklungenen Lieder unserer Dichter, zu verbreiten die Kenntnis vergangener Grosstaten, zu erzählen von dem Elend und Unglück, das über Israel verhängt ward, das ist so recht die Aufgabe unseres Ordens." Wollen wir nicht auch hoffen, dass das geweckte Interesse für jüdische Wissenschaft eine lebende Wissenschaft für ein lebendes Volk verlangen und nicht Homiletik und Bibelexegese als wichtigsten Bestandteil der jüdischen Wissenschaft hinstellen wird? Wollen wir nicht auch hoffen, dass diese Kreise, die an erster Stelle dazu berufen sind, auch jüdische Kunst fördern werden? Ist vielleicht ein kleiner Anfang mit den drei für das neue Hamburger Logenhaus von unserem Lilien gelieferten Fenstermalereien gemacht? j. Repräsentanten und jüdischer Turnverein in Hannover. Otfizielle Mitteilung des Ausschusses der „Jüdischen Turnerschaft". Gegen die „Jüdische Turnerschaft Hannover" hatte das dortige jüdische Repräsentantenkolleg einen ebenso unjüdischen wie unmotivierten und verletzenden Beschluss gefasst. „Gemissbilligt" wurde darin dieses „sogenannten Vereins" Name und Aufnahmeparagraph, wonach jeder unbescholtene Jude Mitglied werden kann. Die Resolution der Repräsentanten wurde in der »Jüdischen Turnzeitung" einer wohlverdienten scharfen Kritik unterzogen; der Ausschuss der „Jüdischen Turn erschaff hatte an sich aber keinen Anlass, sich in die hannoverschen Zwistigkeiten einzumischen : denn der angegriffene Verein ist nicht Mitglied des jüdischen Turn Verbandes und ermangelt eines positiven jüdischen Zweckes. Zu einem offiziellen Eingreifen sah sich der Ausschuss indessen durch die Haltung des „Israelitischen Famiiienblattes" genötigt, welches einseitig und parteiisch Bericht erstattete und persönlich gehässige Angriffe auf die von der „Jüdischen Turnerschaft" herausgegebene „Jüdische Turnzeitung" publizierte. Von der Verbandsleitung beauftragt, sandte der Schriftführer der „Jüdischen Turnerschaft" an das „Israelitische Familienblatt" eine ausführliche Sachdarstellung. In dieser wurden die auf die Turnzeitung bezüglichen Invektiven und unwahren Behauptungen zurückgewiesen und insbesondere festgestellt: Bisher haben niemals jüdische Repräsentanten in deutschen Städten den jüdischen Turnern feindliche Resolutionen gefasst. Der Beschluss der hannoverschen Repräsentantenkollegs steht einzig da und ist völlig unzureichend begründet. Die jüdischen Repräsentanten in Hannoverhaben den Streit mit dem jüdischen Turnverein vom Zaun gebrochen. Diese Feststellungen mussten der Redaktion des Hamburger Blattes wohl recht unbequem gewesen sein, denn sie versagte der offiziellen Zuschrift die Aufnahme, indem sie kurzweg die Debatte über den Turnstreit für geschlossen erklärte — dieselbe Redaktion, die erst wenige Tage vorher „diesen Gegenstand zur Diskussion gestellt* und ausdrücklich zugesichert hatte, dass sie „selbstverständlich" auch den Freunden der jüdischen Turnsache Raum gewähre! Das illoyale und wortbrüchige Verhalten der Redaktion des „Israelitischen Familienblattes" richtet sich von selbst, — Jetzt sandte der Schriftführer der „Jüdischen Turn erschaff eine Schilderung der Genesis und Weiterentwicklung der hannoverschen Turnfehde an den „Generalanzeige für die gesamten Interessen des Judentums/ der sie am 15. August 1904 brachte. Aber der Kampf ist damit nicht beendet* Noch haben die Repräsentanten ihren Beschluss nicht rückgängig gemacht und noch immer ist ernstlich zu befürchten, dass private „jüdische" Kreise wiederum eine heftige Agitation entfachen werden, lediglich in der Absicht, den jüdischen Turnverein zu sprengen, dessen Existenz sie geniert! Wir wenden uns daher an die jüdische Presse und damit an die jüdische Oeffentlichkeit und erbitten den moralischen Beistand aller derjenigen, die sich jüdisches Empfinden bewahrt haben, Wohin soll es führen, wenn, wie es in Hannover geschehen ist, ein jüdischer Repräsentant die Gründung eines jüdischen Turnvereins un gerügt für eine „Kühnheit, Dreistigkeit, Unerhörtheit, ja für einen Skandal" erklären darf?! Wohin soll es führen, wenn ein jüdisches Repräsentantenkolleg, also eine offizielle jüdische Körperschaft, daran Anstoss nimmt und es missbilligt, dass jüdische junge Leute sich zu einem jüdischen Turnverein zusammenschliessen!? Müsste nicht — gerade in unseren Tagen — jeder echte Jude es mit aufrichtiger Freude begrüssen, dass unsere Jugend sich ihrer jüdischen Abstammung erinnert, den tausendfach geschmähten und geschändeten jüdischen Namen in Ehren hält und ihn frei und offen bekennt? Noch gibt es stolze und aufrichtige Juden, die ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volksstamm nie und nirgends verbergen, An diese Juden wenden wir uns mit der Aufforderung, sich mit uns zu scharfem Protest zu vereinigen gegen den Unglimpf, der jüdischen Turnern von der jüdischen Repräsentanz in Hannover angetan worden ist. An die jüdische Presse richten wir den Appell, tatkräftig einzutreten für die ohne Grund schroff angegriffene schwächere Partei und den jüdischen Repräsentanten in Hannover klarzumachen, dass es nicht ihre Aufgabe ist, derjüdischen Jugend einen Weg zu versperren, der zum Tempel der Liebe und Begeisterung für unser jüdisches Volkstum führen kann. Dr. Hermann Jalowicz, Schriftführer der „Jüdischen Turnerschaft*. Aus Russland. Petersburg. Das Amtsblatt der Petersburger Stadthauptmannschaf fc, die „Wjedomosti Petersburgskawo Gradonotscholstwa", publiziert einen Erlass des Petersburger Stadthauptmannes Generaladjutanten Foulion

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