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Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 6 „bie # w$it" Seite 3 unterstützt werden, ebenso das „Odessaer Komitee* (urter der Bedingung misrachistischer Beaufsichtigung) und die Nationalbibliothek inj er usalem u, m. a. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Es ergreift das Wort Herr S. Bettelheim, um die Versammelten, die er freudig begrüsste, ebenso freudig zu verabschieden. Die Konferenz sei eine herrliche Manifestation gewesen und habe die Opferfreudigkeit ihrer Teilnehmer bewiesen, die trotz der im Wege stehenden Hindernisse gekommen seien. Nur die Schwachen blieben daheim, die Mutigen seien hergekommen. Er dankt den Ortsbehörden für das Entgegenkommen und der christlichen Ortspresse für das lebhafte Interesse und den Ernst, mit dem sie den Verhandlungen folgte. (Beifall.) Ünter stürmischem Beifall ergreift das Wort das A.-C.-Mitglied Dr. Leopold Kahn: Mit einigem Zagen sei er zur Konferenz gekommen, da er befürchtete, es könnte hier zu einem Bruch mit der Gesamtbewegung kommen. Er ziehe jedoch mit beruhigtem Herzen heim im Bewusstsein, dass hier jenes kostbare Geschenk, das wir von Basel her besitzen, die Einigkeit, nicht angetastet wurde. Wenn ich Rabbiner wäre — rief der Redner — würde ich euch den Ausspruch unserer WTeisen zurufen: „Israel wird nicht eher erlöst, als bis es sich zu einem Bunde vereinigt." Der erste und grösste Antisemit fand an uns den Tadel, dass wir ein Volk sind, dass nicht allein zerstreut ist in allen Ländern sondern auch zerfahren in sich selbst. Die Uneinigkeit wäre uns heute gefährlicher denn je. In der schweren Zeit, da wir unseren Führer verloren haben, da wir als Waisen dastehen, dürfen wir nach alttalmudischer Anschauung „als Waisen uns nicht unserer Anforderungen begeben*. Sie haben gezeigt, dass Sie die Einigkeit wahren, nicht eine Organisation innerhalb der Organisation bilden wollen, sondern der Gesamtorganisation neue Kräfte zuführen. Ob meine Kollegen im Wiener Aktionskomite mit allen Ihren Beschlüssen einverstanden sein werden, weiss ich nicht, hoffe aber, die Herren davon zu überzeugen, dass Ihr das Baseler Programm gebührend betont habt. Ihr seid Zionisten mit einem „Plus". Dieses Plus, das ihr betont, ist das Religiöse im Judentum. Es freut mich, dass Ihr die Fragen der Erziehung behandelt habt, für die auf den Kongressen kein Platz ist. Ich freue mich, dass auch Ihr Männer erziehen wollt. Es sollen keine Ghettokretins mehr entstehen, sondern Juden, die mit geradem Rücken vor die Welt treten und aufrecht, nicht mit gekrümmtem Rückgrat, ihrem Ziele zusteuern — nach Zion! (Stürmischer Beifall.) Dr. Nobel hält ein schönes deutsches Schlusswort, auf welches das Schlusswort des Präsidenten Rabbiner Reines in üiessendem Hebräisch folgt. Die Schlussreden riefen ungeteilte, zündende Begeisterung hervor. Nach Schluss der Konferenz fand im Saale ein Kommers statt, bei welchem noch mehrere Redner sprachen und, hebräische Nationallieder gesungen wurden. Zijoni. Berliner Brief. B erlin, den 21. August. Ende dieses Monates findet in Hamburg eine grosse Feier der B'nei Brith-Loge statt: die Feier der Eröffnung «ines neuen eigenen Hauses. Die B'nei Brith-Organisation gehört zweifellos zu den wichtigsten, die heute im Judentum in Betracht kommen. Es wird daher vielleicht nicht unangebracht sein, bai dieser Gelegenheit einige Bemerkungen über sie zu machen, zumal, da sie in der öffentlichen Diskussion bisher einen recht geringen Raum gefunden hat. Die rasche Verbreitung, die die B'nei Brith als junge Schöpfung in verhältnismässig kurzer Zeit gefunden haben, bezeugt schon gewissermassen ihre Lebenskraft, ihre Aktualität. So bestanden nach erst zwanzigjährigem Bestehen in Deutschland im Jahre 1902 bereits 52 Logen mit 5000 Mitgliedern mit ungefähr 31/, Millionen Mark Einnahmen. Nun befinden sich die Logen in einem fortwährenden Wachsen, indem neue hinzukommen, speziell in neuen Territorien (beispielsweise Galizien), die Mitgliederzahl wächst, und auch die unternommenen Arbeiten zunehmen. Eine der wichtigsten Fragen für unsere Partei ist ihre Stellung zu den nichtzionistischen Institutionen. Wenn unserer Auffassung gemäss, wonach zionistisch und jüdisch identisch ist, wofür unser Zielpunkt feststeht: in alles, was ein jüdisches Gebilde ist, zionistischen, das heisst wahrhaft jüdischen Geist einzuhauchen, so muss entschieden ein a priori eingenommener allgemeiner scharfer Standpunkt verworfen werden, dass alles, was nicht zionistisch ist, antizionistisch sei, ergo von uns bekämpft werden müsse. Vielmehr sind sämtliche Institutionen von uns nicht nur äusserlich, sondern auch auf ihre wesentliche Bedeutung zu prüfen, um unsere Stellung ihnen gegenüber entsprechend präzisieren zu können. In die lebenskräftigen Institutionen des Judentums soll und wird der Zionismus organisch hineinwachsen, wobei es ohne Schwertstreich zugehen wird, nur infolge der natürlichen historischen Entwicklung. Wir müssen nur im Sinne dieser historischen Entwicklung arbeiten und so sie zu beschleunigen suchen. Ein richtiges Taktgefühl führt die Zionisten in immer grösserer Zahl in die jüdischen Logen. Sowohl die Grundtendenz als die Form derselben können uns willkommen sein. Ist doch ihre Grundtendenz, gut zu sein und Gutes zu wirken. Von den drei Schlagwörtern, »Barmherzigkeit,Wohltätigkeit,Eintracht*,sprechen unseren Geschmack die beiden ersleren nicht besonders an; es liegt für uns in ihnen jener schwache Zug, der augenblickliche Heilmittelchen sucht und nicht eine radikale Kur vorzunehmenden Mut hat. Aber wollen wir dabei nicht an die ethischen Motive vergessen, die tatsächlich ihnen zugrunde liegen, an das wirklich redliche Bestreben, Gutes zu vollbringen und wollen wir das wirklich Geleistete oder das wenigstens Versuchte prüfen. Bezüglich der Form aber dürfen wir uns eben nicht durch reine Namen täuschen lassen. Jede Institution, die ihre Wirksamkeit auf das gesamte Judentum erstreckt, hat die ^von uns gewünschte Form. Da ißt es schliesslich für die Sache doch von sekundärer Bedeutung, wenn man sich hierbei an „alle Glaubensgenossen" wendet und es geflissentlich vermeidet, etwa sich „Stammesbrüder" zu nennen. Ebensowenig dürfte man gegen die Organisation auftreten, weil ihre Mitglieder uns zum grossen Teile feindlich gegenüberstehen. Es ist nämlich die jüdische Bourgeoisie, die uns zum Teil noch fernbleibt. Nun müssen wir zugestehen, dass gerade für sie der B'nei Brith-Orden ein sehr geeignetes jüdisches Erziehungsinstitut ist. Nicht nur weiler sie für jüdische(Angelegenheiten interessiert, sondern weil er auch die Schichte, die zu zerfallen und vom Judentum abzufallen droht, zusammenhältund für uns erhält. Seine erfolgreiche Entwicklung hat der Orden m. E. dem Umstände zu verdanken, dass er ein stark empfundenes gesellschaftliches Bedürfnis dieser Klasse befriedigen kann. Es kann der jüdische Künstler, der jüdische Literat und Gelehrte ziemlich leicht ungehindert in jenen Kreisen leben. Aber gerade der jüdische'Bourgeois, dem naturgemäss der gesellschaftliche Verkehr am unentbehrlichsten ist, und der in dieser Beziehung den stärksten Assimilationstrieb besitzt, trifft hier die grössten Hindernisse und Enttäuschungen. Das ist es, was dem braven Bürger am meisten seine Glückseligkeit, die völlige Zufriedenheit mit seiner Persönlichkeit zerstört und ihn auf sein Judentum mehr

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