Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 „bie & weit11 Seite 11 auflösung des jüdischen Liberalismus betrachten können mit der Ruhe des Forschers, der eine Weltenwende nach unabänderlichen Gesetzen unwiderruflich sich vollziehen sieht. Und dieser Anblick erfüllt uns mit dem befriedigenden Bewusstsein von der Wahrheit des stolzen Judenworfces, das vom Kongresse ausgegangen : „In unserem Lager ist Israel; ihr anderen aber seid einzelne Trümmer." L—s. Brief aus Lemberg. Schaffung einer Heimindustrie und Emanzipation in wirtschaftlicher Hinsicht, so lauten die Postulate, welche den geduldigen Lesern galizischer Zeitungen seit Jahren als wohlfeilste Ware in verschiedenster Form dargeboten werden. Wenn einmal — so rufen sie einstimmig — der Import von Nürnberger Waren, steirischen Sensen und anderen Artikeln auf ein Minimum herabgesetzt sein und sich tausend Hände im heimischen Fabriksbetriebe regen werden, dann erst darf man den finanziell-wirtschaftlichen Aufstieg des Landes erhoffen und an eine politische Zukunft der Nation denken. Und zu diesem Zwecke werden hier und dort die verschiedensten Institutionen, als Gewerbeligas, Frauenvereine u. dgl. ins Leben gerufen, Jahrmärkte veranstaltet, Enqueten einberufen und in einmaligen oder periodisch erscheinenden Druckschriften auf die Wichtigkeit der Aktion verwiesen. Da nun bekannterweise im edlen Polenlande nichts Wichtiges vonstatten geht, wobei nicht „Moschko, das Jüdlein" seine Rolle mitspielte, wird es einigen Paradejuden, von denen z. ß. der eine seine Kinder der alleinseligmachenden Kirche zugeführt, der andere, obwohl sonst von den besten Intentionen erfüllt, in seinem frommen Glauben an die Möglichkeit des jüdisch-polnischen Amalgamierungsprozesses verharrt, gestattet, einem oder dem anderen Komitee anzugehören, nach Kräften zur Förderung dieser Institutionen „beizutragen* und möglichst viele „Polen mosaischer Konfession" für die grosse Idee zu interessieren. Im Hinblick auf die segensreichen Folgen, von denen die bisherigen sozialen Reformwerke unserer polnischen Brüder für die Juden Galiziens begleitet waren, wobei wir vor allem an die Tätigkeit der landwirtschaftlichen Gauvereine und der von Geistlichen protegierten christlichen Kaufläden, sowie an die Einführung des Salzmonopols erinnern, dürfen wir uns keineswegs darüber täuschen, dass es auch diesmal sein Bewenden dabeihaben wird, jüdische Gewerbetreibende und Handwerker zugunsten des heimischen christlichen Gewerbes unschädlich zu machen. Wie sehr diese pessimistische Anschauung recht behalten dürfte, mag an einem scheinbar kleinlichen, aber sehr charakteristischen Vorkommnis aus den letzten Tagen illustriert werden. Der Frauenverein zum Schutze des heimischen Gewerbes errichtete vor kurzem einen Kurs zur Erlernung der Knopffabrikation. Der Vorstand des hiesigen jüdischen Waisenhauses wendete sich an die Leitung des obgenannten Vereines mit dem Ansuchen, einige Zöglinge an diesem Unterrichte teilnehmen zu lassen, in der Voraussicht, dass dieselben die so erworbenen Fertigkeiten im Dienste der Anstalt verwerten werden. Entgegen aller Erwartung wurde diese Bitte mit dem ausdrücklichen Hinweise auf die Konfession der Kinder abgeschlagen, wobei die Vereinssekretärin der Ansicht Ausdruck gibt, dass es ja nicht angehe, durch Unterweisung jüdischer Schüler, deren Auffassungskraft viel schärfer als die der christlichen sei, letzteren eine bedrohliche Konkurrenz erstehen zu lassen. Es sei noch bemerkt, dass man es jüdischerseits als selbstverständlich ansah, die Kosten des Unterrichtes und der Requisiten zu bestreiten und für jede Beschädigung des Arbeitsmateriales aufzukommen. Wenn wir die Sache ruhigen Blutes erwägen, müssen wir unseren edlen Frauen, die die Interessen des heimischen Gewerbes so treu und eifrig zu behüten wissen, für ihre Aufrichtigkeit Dank sagen. Unsere jüdischen Führer lernen vielleicht an diesem kleinen Beispiele, was Häuschen in der Jugend versäumt hat. Oder sollte es Hans nimmermehr lernen können? Dann freilich heisst es ausharren, bis eine bessere, selbstbewusstere Jugend das schwache, unbeholfene Alter nach Hause schickt und einer wahrhaft jüdischen Politik an Stelle der bisherigen Opportunitätsduseleien zum Durchbruche verhilft. Ben Z i o n. Aus Russiand. Petersburg. Zahlreiche russische Blätter, darunter sogar ausgesprochen judenfeindliche Organe, veröffentlichen Berichte vom Kriegsschauplatze, in denen von heroischen Taten jüdischer Soldaten und jüdischer Aerzte mit Bewunderung erzählt wird. Der jüdische Arzt Kantorowitsch erfüllte seine Beruf spflicht auf dem Schlachtfelde bei Datschitschao unter einem förmlichen Kugelregen. Er wollte sich nicht entfernen, trotzdem der Chef des Roten Kreuzes ihn auf die besondere Gefahr aufmerksam machte. Er harrte aus, bis er von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Die grösste Sensation aber erregt ein Bericht der antisemitischen „Nowoje W rem ja" über Heldentaten jüdischer Soldaten. Er lautet wörtlich: „In der Hitze des Gefechtes bei Tjurentscheng ging bekanntlich der Geistliche Schtscherbakowskij mit dem Kreuze in dar Hand den Truppen voran, um sie zum Kampfe anzuspornen. Die Musikanten spielten und der Trompetenschall durchdrang den schrecklichen Kanonendonner. Der Donner verstärkte sich immer mehr, die Töne der feierlichen Musik aber büssten allmählich ihre Fülle und ihre Kraft ein; denn zutode getroffen fielen mehrere Mitglieder der Musikkapelle. Es waren lauter Juden, welche zutode getroffen wurden — die ganze Kapelle bestand aus Juden — während ihre Kameraden weiter spielten. So ging es fort, bis mehr als die Hälfte der Regimentskapelle getötet war. Da wurde auch der Geistliche von einer Kugel getroffen und sank zu Boden. Aber es währte nur einen Augenblick. Wiederum stand er aufrecht und hielt das Kreuz in der Hand. Zwei jüdische Soldaten waren es, welche den Geistlichen stützten und ihn vorwärts führten, bis auch sie alle drei von den Kugeln der Japaner getroffen und gelötet wurden." Diesen Bericht versieht die immer judenfeindliche „Nowoje Wremja" mit einer Glosse, welche ihren bisherigen hasserfüllten Feldzug gegen die Juden selbst verurteilt. Sie schreibt nämlich: „Es gibt also Verhältnisse, unter denen Seelen verschiedener Rassen in erhabenem Heroismus sich vereinigen. Man muss diese Verhältnisse suchen, man muss sie schaffen, man muss durch vernünftige Reden die allzu unversöhnlichen Gegner von ihrem Hasse abzubringen suchen/ Den Wert des plötzlichen Lobes der Juden durch die „Nowoje Wremja" werden die unbefangenen Leser in Russland nicht überschätzen. Von Interesse jedoch ist das Geständnis, welches das führende Blatt der Nationalrussen „von dem allzu unversöhnlichen Hasse der Russen gegen die Juden" ablegt... Warschau. Wie sich dieser Hass ausdrückt, darüber findet man Aufschluss in gewissen Blättern im Weichselgebiete. Der halbamtliche „Warschawsky Dnewniku meldet über Judenhetzen, welche in den Gouvernements Radom und Siediec kürzlich stattgefunden haben, denen sogar jüdische Menschenleben zum Opfer fielen. Die betreffende offizielle Meldung lauiet: Am 4. August kamen in Ostrowetz antisemitische Unruhen vor, die vier Stunden dauerten. Hierbei wurde ein Jude schwer ver-