Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „bis * Welt Nt 35 anerkennt und die zionistische Organisation unterstützt. 2. Die Vorsätze der „Misrachi" sind: politischen und praktischen Zionismus zu verbreiten, darüner zu wachen, dass zu den zionistischen Tribünen oder Kongressen kein Gegenstand und keine Person, die dem praktischen oder politischen Zionismus fremd sind, zugelassen werden, darüber zu wachen, dass in der offiziellen Arbeit und in den Endzielen der zionistischen Bewegung keine Tat begangen und keine Erklärung gegeben werde, die dem Geiste unserer Religion oder unseres Gesetzes widersprechen; darüber zu wachen, dass keine Person, wenn auch die hervorragendste, als offizieller Führer des Zionismus oder als Vertreter zionistischer Grundsätze anerkannt werde, wenn seine öffentlichen Aeusserungen und Handlungen im Gegensatze zu unserer Religion und zu den Zielen des Zionismus stehen; zu sichern, dass die jüdische Erziehung auf die Basis der jüdischen Religion gesteilt werde und dafür zu sorgen, dass alle orthodoxen Zionisten in eine organisierte Körperschaft vereinigt werden. Herr S u w a 1 s k i und Rev. Wasserzug bekämpften in der Resolution den Ausdruck ,Personen" und meinten, die misrachistische Partei wolle nicht Personen, sondern Prinzipien bekämpfen. Und es wäre eine Torheit, den Zionismus der besten und freisinnigen Männer zu berauben. Die Resolution wurde mit diesem Amendement von der Versammlung angenommen. Das Ziel des Liberalismus.*) Kein Grund zur Aufregung; die alte Geschichte, die wir in erneuter Auflage erlebten, als uns Herr Dr. Elias Jacob aus Lemberg den wohlgemeinten Rat erteilte — es war Mitte Juli — unterzutauchen, unterzutauchen in das Meer der Vergessenheit; war ein polnischer ßocher, ist dem Cheder entsprungen und macht jetzt in Assimilation. Eine Aufwärmung des Rathenauschen Kohls, den wir vor zwei Jahren schon verschmähten. Ist nicht fetter geworden, trotzdem er mit philosophischen Deduktionen angebrüht wurde. Mit philosophischen Spinnweben kann man keine Fliege einfangen, um wieviel weniger das Judentum umschnüren. Solche Judenfragelöser haben noch nie Glauben gefunden in Israel. Selbst Denker schwersten Kalibers, wie A r i s t o b u 1 und Philo, haben sich von selbstbewussten Juden den Vorwurf der Religionskuppler gefallen lassen müssen. Für Herrn Dr. Jacob aus Lemberg dürfte es demnach eine Schmeichelei sein, wenn wir ihn wegen seines Rufes: Taucht unter! mit diesem Titel beehren. Auffallend ist es nicht, dass gerade entlaufene polnische Bachurim, deren unerquickliche Jugenderziehung sie jählings scheucht von Extrem zu Extrem, auf die verruchte oder verrückte Idee kommen, ihren Stammesgenossen den Rücken zu kehren. Dass sie aber den unwiderstehlichen Drang verspüren, nachher auch die leidenden Stammesgenossen mit ihrer seligmachenden Idee zu beglücken, sich alsdann herausnehmen, den staunenden Zeitgenossen ihre Weitanschauung zu verkünden, nach der sich zu bilden kein Kluger unterlassen dürfe, ja in breiter Oeffentlichkeit für ihren grossen Vaterlandsrettungsplan zu agitieren, um dann getrost die Unsterblichkeit zu erwarten, das alles ist schon schwerer verständlich. Aber ein Grund zur Aufregung für uns lag nicht vor. Wir wissen, dass der Verfasser des Taucher-Artikels vollständig recht hat mit seinem Wesen des Judentums. Er besitzt den Mut der Konsequenz und die schöne Fähigkeit, die Gedanken der jüdisch-protestantischen Reform bis zu Ende zu denken, eine Gabe, welche die Reformer gewöhnlich nicht besitzen. Freilich ist der feine Plan weder neu noch originell und leidet an dem grossen Gebrechen, in unserer schnelllebigen Zeit ungefähr ein Vierteljahrhundert zu spät vorgetragen zu werden. Welche Umwälzung inzwischen sich im Schosse der Judenheit vollzogen hat, das übersieht Herr Dr. Jacob mit beneidenswerter Nonchalance. Er beweist es uns mit unwiderleglicher Philosophie, dass wir untertauchen müssen, und verschweigt es uns in sieben Sprachen, wie wir untertauchen können. Er nennt uns nicht seine »Neue Methode, Womit man die Juden jeglichen Standes Vom Leben bringt zu Tode." Man wende nicht ein, dass die Geschichte mit eherner Logik die Bereitschaft der einen Partei predige, einen Vergleich in dem Assimilations-„Prozesstf einzugehen; halb war man schon einig: die Juden wollten. Dieser Einwand wäre unbegründet; denn die Tatsachen Verstössen gegen seine Theorie; die Theorie aber ist richtig, wie er bewiesen hat; also müssen die Tatsachen falsch sein. Es ist höchst erstaunlich, wie die eingehende Beschäftigung mit der Philosophie den freien Anblick der Welt umdüstern kann. Die selbsterlebte Zeitgeschichte hat ihm nicht die Erkenntnis beigebracht, dass die von ihm ausgeklügelte Forderung nach dem Taufbecken, wie alle überschwänglichen Illusionen, längst an den rauhen Mauern "der Wirklichkeit zerschellt ist. Es sind schon mehr als vierzig Jahre verflossen, seitdem M. Hess an Dr. Geiger in einem offenen Briefe die Worte schreiben konnte, die schon damals eine Wahrheit bedeuteten : „Wahrlich, wenn ein, Schwindel bankrott geworden, so ist es der Reformschwindel/' Wenn nun heute ein Vorschlag erneuert wird, dessen Grundbedingung der „ReformSchwindel" ist, so gibt es keinen Grund für uns zur Aufregung. Indessen hat die Angelegenheit einen pikanten Beigeschmack bekommen durch die Person des neuen Propheten, so dass sie für uns symptomatische Bedeutung gewonnen hat. Man vermutet in dem Verfasser einen an hoher Stelle protegierten Beamten der jüdischen Gemeinde Berlins.**) Mit Recht hat daher der „General-Anzeiger" es sich zur Aufgabe gemacht, die Beschützer und Pfleger derartiger Anschauungen, die Vertreter der Berliner Gemeinde zu einer rückhaltlosen Erklärung zu zwingen, damit dem jüdischen Volke offen und unzweideutig an einem leuchtenden Beispiele kund würde, wohin uns der Liberalismus führt. Es soll der jüdischen Oeffentlichkeit vor Augen geführt werden, was in den leitenden Kreisen der Hochburg des Liberalismus, in Berlin, über die Zukunft des Judentums geplant wird! Derartige Vorkommnisse, dass ein jüdischer Beamter zum Abfalle, zur Flucht aus dem Judentum mit dürren Worten auffordert, müssen auch die Gleichgültigsten aus ihrer trägen Ruhe aufschrecken. Der zähe passive Widerstand, der in einer allgemeinen Wurstigkeit gegen alles Jüdische bestand, muss nach solchen aufrüttelnden Tatsachen gebrochen werden. Eine solche Biossstellung wird auch dem liberalen Philister, dem keine Skrupel noch Zweifel sein beschauliches Dasein bisher störten, die Lehre ins Bewusstsein brennen, dass ein markloser und lendenlahmer Liberalismus keine Vertretung des Judentums übernehmen kann. Dieser die ganze Situation blitzhell beleuchtende Sehnsuchtsruf wird der glimmende Zündstoff sein, der die verrotteten Zustände im jüdischen Gemeindeleben allmählich erfasst und verdorren macht, bis sie mühelos hinweggefegt werden von der Urkraft der zionistischen Volksbewegung. Von dieser Seite betrachtet, hat der Fall Jacob seinen tiefen Sinn und wir wollen seine symptomatische Bedeutung froh begrüssen. Nicht als ob wir ihm unsere Achtung zollten : von allen sauberen Leuten, die ihr eigenes Nest besudeln, ist der Renegat am meisten uns verhasst, Doch nicht darauf kam es uns hier an. Wir wollten nur den Moment festhalten, wo wir ein Beispiel der Selbst-r *) Vide „Die Welt" Nr. 34. **) Die Vermutung ist richtig, Die Red.