Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 „bi$ * W^lt" Seite 9 grosse und wichtige Angelegenheit, wie die zionistische Bewegung im allgemeinen und die des Misrachi im besonderen, ohne mündliche Verhandlung und nur in Gestalt eines verhängten Gesetzes, ohne Angabe eines Grundes zu urteilen. Dazu wollen Sie noch gewaltsam die Ansicht des Rabbiners von liuszt den Rabbinern Ungarns aufdrängen, indem Sie jedem von ihnen dessen Aeusserurig, das Urteil eines einzelnen, wie eine vorn Himmel heruntergefallene Kundgebung zusenden. Ich erinnere mich, dass ich vor einigen Tagen diesem Raw durch einen Taimudgelehrten einen Bes-Din-Beschluss zugeschickt habe, um ihm den Che rem derabbenu Gerschon mattir zu sein. Er antwortete mir darauf wie folgt: „Ich sehe wohl einen grossen Mann, aber keinen Grund, und „Gmein" allein (ohne Begründung) können wir nicht sagen." Wenn er nun so vorsichtig ist in bezug auf einen Cherein derabbenu Gerschon, wie konnte es ihm einfallen, dass die Rabbiner Ungarns auf seine Aeusserurig ein unbegründetes „Gmein" sprechen sollen in einer den Klall (Allgemeinheit) des Volkes betreffendem Angelegenheit? Haben doch viele und auch gute Juden diesem wundervollen Gedanken ihr Gut und Blut geopfert! Knüpfen doch so viele unserer verfolgten und unterdrückten Brüder ihre Hoffnungen an diesen Gedanken. Selbst dort, wo es sich um einen Mörder handelt, hört 'man nicht vorerst das Urteil eines Grossen. Der Rambam sagt in seiner Abhandlung über Sanhedrin: „Durch Tradition hat man gelernt, dass man dort, wo von Menschenleben die Rede ist, nicht zuerst das Urteil des Grossen hört, denn vielleicht werden sich die übrigen auf seine Ansicht stützen und sich nicht für würdig halten, dieselbe zu widerlegen, während doch jeder einzelne das sagen soll, was seiner Ansicht entspricht.'" Wenn man nun so vorgeht, wo es sich um die Rettung einer jüdischen Seele handelt, um wieviel mehr sollte dies der Fall sein, wo die Rettung tausender und abertausender Juden auf dem Spiele steht! Durch die Zusendung des Huszter Urteils wird auf die übrigen Rabbiner ein Zwang ausgeübt, indem darin dekretiert wird, dass diese Bewegung mit „Apikorsus" verbunden sei. Ich selbst habe in Bartfeld mit einzelnen Rabbinern gesprochen, welche mir sagten, sie seien gezwungen, dem Huszter Urteil zuzustimmen, weil sie befürchten, sonst vom Huszter Rabbiner und von. seinen Anhängern als Temeiim bezeichnet zu werden. Wenn es sogar bei uns allen sicher und klar festgestellt wäre, das man sich al pi hatauroh von. der zionistischen Bewegung fernhalten müsse, dürften wir vom Standpunkte der Kulanz (Derech erez kodmoh letauroh) nicht ohne weiteres gewaltsam die Bewegung verdammen, welcher Tausende von Juden Zeit, Geld und Kräfte geopfert haben, zu der viele unserer beraubten Brüder unter dem schweren Joch des Golus emporblicken, der sie schmachtend entgegenharren, wie der weinende Säugling die Mutterbrust erwartet. Schon um unserer Pflicht den Menschen und der Humanität gegenüber zu genügen, hätten wir zeigen müssen, dass wir uns zur Verhandlung und Beratung über diese grosse Idee versammeln, dass auch wir Schinerz empfinden über den schrecklichen Druck, dem viele unseres Volkes unterworfen sind, dass wir uns jedoch gezwungen sehen, den Gefühlen unseres Herzens Einhalt zu gebieten, weil der Zionismus für die „Seele" gefährlich sei. Wir dürfen jedoch nicht so vorgehen, wie Se. Ehrwürden, es tun, all dasjenige, um was sich so viele, und auch Redliche, viele Jahre hindurch, bemühen, mit einem kleinen, kaum der Grösse einer Eaust entsprechenden Papier umzustossen. Jeder vernünftige Mensch wird uns ja auslachen und alle Rabbiner, die sich auf dieses Papier stützen, zum Gespött machen. Man wird sagen: So gehen die Führer Israels vor, sie vernichten grausam ohne jedes Ueherlegen und Erwägen, einen auserordentlich wichtigen Gedanken, an den sich die Hoffnung der Majorität des Judentums knüpft! Ausserdem wollten Sie auch auf Se. Ehr würden den Presshurger Oberrabbiner eine starke Beeinflussung ausüben. Anstatt diesen Grossen Ungarns zu befragen, was seine Ansicht über den. Zionismus und die „Misrachim4 sei, die eine Konfexenz nach Pressburg einberufen haben, legten Sie es ihm als eine abgeurteilte Sache vor, dass die ganze Bewegung auf die Ausrottung des jüdischen Gesetzes sich gründe und Apikorsus enthalte. Und wir wissen doch, dass auch dieser grosse Mann sich dessen enthält, den Gegenstand des Gespräches bei den Ühassidim abzugeben. Trotz alledem war er fest genug in seiner Ansicht, um Ihrer Behauptung nicht zuzustimmen; er gab Ihnen nur eine Antwort, die weder kalt noch warm ist, und das Verdienst seiner heiligen Ahnen stand ihm hei, dass er sich in dem Netze nicht fangen liess, welches ihm gelegt wurde. Nach all dem Gesagten kann ich mich nicht enthalten, meine bescheidene Ansicht auszudrücken. Ich sage die Wahrheit: Das Blut unserer in so vielen Ländern verfolgten, misshandelten, geplünderten und erstochenen Brüder gellt mir in den Ohren, und auch in den zivilisierten Ländern ist die materielle Lage unseres Volkes eine schlimme. Den gesetzestreuen Juden droht grosse Gefahr in ihrem Broterwerb, da sie ausser arn Sabbat und an den Eeiertagen auch am Sonntag ruhen müssen, wodurch ihnen fast jeder Erwerbszweig abgeschnitten erscheint. Und in. der zionistischen. Bewegung .sehe ich den Einger des lebendigen Gottes und des Weltherrscheis, denn mir erscheint das letztere Wunder, dass nämlich der nationale Geist die vom jüdischen Lager bereits abgesondert Gewesenen dazu bewogen hat, mit wunderbarem Eifer unserem Volke zu Hilfe zu kommen, grösser als die unseren Ahnen in der Vorzeit erschienenen Wunder, Wie soll ich mich ihnen nun hindernd in den Weg stellen? Wie soll ich Sand streuen in die Augen Israels und sagen: „Es ist Gift in diesem Topfe! Maltet euch fern von diesen Frevlern!'*? Wenn überhaupt auf irgend etwas der Satz anwendbar ist: „Es laasaus laschem, liefern taurosecho'*, so ist er sicherlich in dieser Angelegenheit anwendbar. Finden wir denn nicht, dass unsere Weisen s. A.. einem momentanen Erfordernis nachgehend, eine Tauroh-Yorschrift zeitweilig aufgehoben, selbst wo es sich um ein aktives Vorgehen „Kum waasei" handelt? Geschweige hier, wo das Gegenteil der Fall ist; denn, wenn sich Gott unserer erbarmt und Werke derjenigen, die sich mit dieser grossen Mizvoh befassen, Gedeihen, verleiht, ist ja grosse Hoffnung vorhanden .auf Besserung des Schicksals unseres Volkes, auf Erhöhung des Ansehens unserer heiligen Tauroh. Warum sollen nun auch wir uns nicht beeilen, der Beratung in der Konferenz der „Misrachi<m" zu Pressburg beizuwohnen, um mit ihnen zusammen zu beraten, wie es uns gelingen könnte, diesen wunderbaren Gedanken, dein die Liebe zu Israel, das Wohl unseres Volkes zugrunde liegt, zum Heil Israels und zur Förderung unserer Tauroh zu verwirklichen? Ich glaube nun, dass Sie in. Ihrer Gercchtigkeitsliebe und Gradherzigkeit wenigstens einem Teile des von mir Gesagten zustimmen werden, dass es nämlich angezeigt wäre, über die Angelegenheit in der Konferenz zu verhandeln und die Meinungen für und gegen anzuhören. Wenn Sie das tun, dann könnten wir zu Gott, der dem Menschen die Weisheit verleiht, hoffen, dass er uns mit einem Rate begnaden werde, damit wilden richtigen Weg finden', dass er uns mit seinem hehren Geiste beglücke und uns den Erlöser sende. Die „Nlisrachi"-Konferenz in London. Sonntag den 19. 1. M. hielten die Londoner Misraohisten in London. Leman Street, eine Versammlung ab. Den Vorsitz führt* Mr. James H. Loewp. Er setzte die Wünsche der Misrachipartei auseinander und betonte, dass die Grund1age derselben der Zionismus ist. Die Thesen der Partei sind folgend*»: Das heilige Gesetz und Zion sind gleich heilig; sie sind untrennbar. Sie bangen von einander ab, da sie einander ergänzen; sie beide sind die festen Stützen des Judentums Redner schlug dann eino Resolution vor, die aus zwei Punkten besteht: 1. Die Misrachipartei ist eine zionistisch-orthodoxe Institution, die das Baseler Programm