Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bis * W^lt" Nr. 35 als die "berechtigten Wünsche des orthodoxen Judentums innerhalb der zionistischen Bewegung zur Geltung bringen wolle. Der Zionismus, der doch mit der Rückkehr zum Judentum gleichbedeutend ist, würde von der grossen Masse der Orthodoxen missverstanden; diese müsse man aufklären und belehren. Diese Aufgabe falle dem Misrachi zu, der allein bei der Millionenmasse gesetzestreuer Juden Gehör finden könne. Jene ungarischen Juden, die sich dem Zionismus fernhalten, mögen bedenken, welche Gefahr der Judenheit droht: die des Verfalles im Westen, der Not und des Jammers im Osten. Sie mögen bedenken, dass inmitten der Drangsale von fast zwei Jahrtausenden nur der zionistische Gedanke das Judentum zusammengehalten und vor Untergang bewahrt habe. (Stürmischer Beifall.) Hierauf ergriff Dr. Nobel das Wort und sprach über das Verhältnis des Misrachi zum Zionismus. Das Wort „Zion" wollen manche unserer Gegner als längst vergangen betrachten, andere wieder als Utopie in die ferne Zukunft verlegen. Für uns aber ist Zion der Inbegriff aller Existenz. Es ist der Idealismus der alten Heimat Zion ist nicht allein die Lösung einer politischen und wirtschaftlichen Frage, es bedeutet vielmehr die Rückkehr zum Judentum. Die Einheit aller zerstreuten Brüder aufrecht zu erhalten, dazu ist unsere Gesamtorganisation berufen, der auch der Misrachi treu anhängt; im politischen Zionismus sieht er das einigende Ziel, er gehe nur in Dingen der kulturellen Erziehung seine eigenen Wege, die des traditionellen, gesetzestreuen. Judentums. Das Leben im Golus birgt in sich die grösste Gefahr für den Bestand des Judentums. Wer diese Gefahr rechtzeitig erkennt und an deren Beseitigung tätig mitwirkt, wird sich einst glücklich preisen, an der Wiege einer neuen Glanzepoche in der jüdischen Geschichte gestanden zu haben. Ein Brief des Oberrabbiners von Papa, Herrn M. A. R o t h gelangte nun auf speziellen Wunsch der Versammlung zur Verlesung. In dem. Schreiben gibt der Oberrabbiner Roth seinem Bedauern darüber Ausdruck, an der Konferenz nicht persönlich teilnehmen zu können, und übermittelt seine besten Wünsche für die Erspriesslichkeit der Verhandlungen des Misrachistentages. In der Nachmittagssitzung, die um 4 Uhr eröffnet wurde, ergriff Gg. S. Melzer (Rohatyn) das Wort, um gegen die ungarischen Protestrabbiner Stellung zu nehmen. Infolge eines \( rhergegangenen Präsidialbeschlusses, sich mit dem Vo: gehen der Protestler überhaupt nicht zu befassen, wird Herrn Melzer das Wort verweigert. Es sprachen die Rabbiner Landau (Botuschani), Abrahamsohn (Tapolcsany) und Frank (Cseszte) unter grossem Beifall. Nach der Verrichtung des Minchagebetes wird die Wahl von Kommissionen vorgenommen, je einer Konimission für 0 rganisations- und Progra-mmabf assung, für P r e s s e und Literatur und für J u g e n d e r z i e h u n g. Ueber Erziehung erstattete Rabbiner Dr. Fink ein anderthalbstündiges Referat. Er bedauert, dass. die Träger der Thora aufgehört haben, Führer des Volkes zu sein. Die modernen Rabbiner seien nichts mehr als ins Jüdische übersetzte Pastoren, während aber hinter dem deutschen Pastor noch die staatliche Macht steht, mache sich der jüdische einfach lächerlich. Im Ghetto gab es wahre Juden, mit den Errungenschaften der Wissenschaften entfernten sich aber die westlichen Juden immer mehr vom Judentum. Dies sei den Reformbestrebungen Mendelsohns und dessen Nachahmern zu verdanken, die die jüdische Erziehung geschädigt haben. Es seien drei Erziehungsstufen notwendig: Jüdische V o 1 k s b i 1 d u n g, Hera n - b i 1 d u n g von Lehrern und Stätten für jüdische Gelehrsamkeit. Er empfiehlt die Rückkehr ins Cheder und die Jeschiwoth und Fernhaltung der sich für den Gelehrten oder Rabbinerberuf vorbereitenden Jünglinge von Gymnasien und Universitäten. Es sollen bloss junge Leute aus den Jeschiwoth nach Wien geschickt werden, wo sie an der o rie Uta, lisch en Akademie die für ihren Beruf nötigen Sprachkenntnisse sich aneignen können, ohne dem schädlichen Einflüsse der Hochschulen ausgesetzt zu sein. Montag den 22. ds. wurde die Sitzung mit der Verlesung eines Telegrammes aus der Kabinettskanzlei eröffnet. Dasselbe lautete: „S e. kaiserliche und königliche apostolische Majestät haben geruht, dem Kongresse allerhöchst seinen Dank für die Begrüssung auszuspreche n." Das Telegramm rief stürmische Begeisterung hervor. Nach dessen Verlesung wurde die ungarische Hymne gesungen. Der erste Punkt der Tagesordnung war der Entwurf zu einem Programme des Misrachi in hebräischer und deutscher Sprache. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über die Stilisierung desselben, die auch nachmittags fortgesetzt wurde. Spät, gegen Abend, wurde das Programm angenommen, das folgenden deutschen Wortlaut hat: „Der Misrachi ist eine Organisation gesetzestreuer Zionisten, die, auf Basis des Baseler Programmes stehend, das Bestreben haben, für die Erhaltung der jüdischen Nation im Geiste des geschriebenen und überlieferten Gesetzes zu wirken. Der Misrachi sucht die Aufgabe und Lebensmöglichkeit der jüdischen Nation im Festhalten an der Thora, an der Tradition, an der Uebung der Gebote und in seinem Bestreben, das Land der Väter als rechtlich gesicherte Heimstätte zu erreichen. Der Misrachi wahrt in der Gesamtorganisation der Zionisten seine Ideen und Gesichtspunkte, ist aber in seinem Wirken zur Erreichung seiner strengreligiösen Ziele unabhängig. Aufgabe des Misrachi ist, mit allen legalen Mitteln die Erreichung seines Zieles durchzusetzen. Zu diesem Zwecke muss er seine Ideen erklären und vertreten, damit sie in der Masse Wurzel fassen und bei allen Parteien Anklang finden. Das sucht er zu erreichen durch intensives Wirken und Verbreitung einer guten, echt jüdisch-religiösen Literatur und durch die Jugenderziehung in seinem Geiste." Ein zweites Referat über Erziehung hielt Rabbiner Landau, der besonders für den Osten Retournierung der Chadarim, Beaufsichtigung der Jeschiwoth u. dgl. empfahl. Zum Punkte Presse und Literatur sprach Schriftsteller Ja wetz. Leider kehrte sich dieser Vortrag gegen einzelne Auswüchse in der neuhebräischen und Jargonliteratur in zu genereller, nicht genügend distinguierender Weise, die zu Missiverständnissen Anlass zu geben geeignet war. Das Referat, bei dem nur wenige Delegierte anwesend waren, rief bei denen, die die hebräische Literatur kennen, Ueberraschung hervor und dürfte noch zu Richtigstellungen und Erörterungen in der hebräischen Presse führen. In einer Nachtsitzung wurde dann das Organisationsstatut durchberaten, zu dem noch Dienstag in der Vormittagssitzung Ergänzungen gemacht wurden. Das Statut wird laut Beschluss in Druck gelegt werden.*) Z i o n i. Ein Brief des Oberrabbiners von Klausenburg an den Oberrabbiner von Waitzen.**) Ihr Rundschreiben mit der beigeschlossenen Aeusserung Sr. Ehrwürden des Rabbiners von Huszt habe ich erhalten. Ich war erstaunt darüber, dass Sie sich bereit finden, über eine so *) Den Schluss des Berichtes bringen wir in unserer nächsten Nummer. Die Redaktion. **) Wir geben diese Zeilen wieder, weil Rabbi Moses Glasner, der Oberrabbiner von Klausenburg, der zweitgrössten Gemeinde Ungarns, bisher sowohl dem Zionismus als auch dem Misrachi ferngestanden hat. Anm. d. Redaktion,