Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 „bie # w^it SeiCe tf7 in der Tat genug Juden, die dem Orucfee ganz einfach nicht widerstehen wollten ,und « sich taufen lassen» Ist damit der Gesamtheit geholfen, ist damit die Sache ganz aus der Welt geschafft? Glauben Sie, Herr Dr. E. Jakob, dass dadurch ^die orientalischen Physiognomien, das von der Umgebung abstechende Wesen" (SV 465) abgestreift wird, glauben Sie, dass das, was vielleicht dem Indi vid uum gelingt oder gelingen kann Te£ gibt übrigens genug Beispiele dafür, dasö auch Getaufte trotz aller ihrer Bemühungen ihre Abstammung nicht verbergenünd verleugnen können,) glauben Si*, dass * das auch * ein Mittel für die Gesamtheit ist? Kann das bisschen Wasser; das für den Juden nötig ist, um ihn einer Staäts- und Seseilschaffcsstellung würdig zu machen, auch seine „Mäniereh*, seinen Typus, mit einem Worte: das ihn v6n seiner Ümgebun g Unterscheidende abwaschen? Und hier ist eben der Punkt, wo ich anknüpfen willj um^ zu zeigen, dass Doktor Elias Jakob Von vornherein einen Häuptfehler darin begeht, dass er das Judentum nur als Religionsgemeinschaft auffasst und dass er vergisst, dass es mehr als das, dass es vor allem Nation,eine Volksgemein schalt ist. Herr Dokt or E. Jakob spricht von den orientalischen Physiognomien, welche die Juden zur Schau tragen; ist das vielleicht eine Folge der Religion, der ethischen Grun dsätze, die der Jude in sich aufgenommen hat? Oder' ist das nicht vielmehr etwas Rassen artiges, etwas Stämmliches? Sollte Herr Doktor E. J a k o b übersehen * haben, dass die Juden in der 'Fat keine Jndögermahen, sohderti Semiten, Orientalen sind, dass sie vielleicht1 theoretisch Christen werden können, dadurch dass sie ihren Glauben wechseln, niemals aber Deutsche, Slaven, Franzosen' etc.? Herr Dr. E. Jakob weiss ganz gut; dasö als Primäres auch bei den Juden das Volk war, d. h. eine Menge gleichartiger, gleichentwickelter, stammesgleicher Deute, denen erst in zweiter Linie ein gleicher Glaube" gegeben 'wuW^"-^as:~-Völi: wäre' ganz gut ohne die Offenbarung, nie aber die Offenbarung ohne Volk denkbar gewesen ünd diese beiden Begriffe, die vom Anfang an etwas Verschiedenes waren, wurden erst im Laufe der Zeit zu einem, das bestimmte Volk der Träger einer bestimmten Religion. -Kann ein Glaube ein Volk verschlingen? Sind die Deutschen ihrem Wesen nach anders geworden, als sie das Christenthüm^annahmen? Es ist richtig, es wurde ein neuer grosser,GeistesinhaU, ein grösser Komplex von neuen Fragen und Ideen in ihren Gedankenkreis hineingetragen mit der neuen Religion, aber blieb nicht doch das Volkliche bestehen? Öder weil dieses Beispiel näher liegt, sind die Deutschen in ihrem Denken, ihrer Gemütsanlage, ihren Charaktereigenschaften anders geworden als sie in ihrem grossen Teile sich vom Katholizismus lossagten und der Lehre Luthers folgten? Gewiss nicht, der beste Beweis dafür ist doch, dass'schliesslich der Teil, welcher katholisch geblieben ist, sich durch nichts Wesentliches — und nur das hebe ich gleich dem Dr. E. Jakob hervor — von den an deren unterscheidet. Un d wie bei den Deutschen liegt es auch bei den Juden. Ja, ich behaupte, dass es gerade das W e s en d e s Judentums ausmacht, dass das nationale Element mimer mit dem religiösen im Kampfe lag, das weltliche mit dem göttlichen. Und das, was Herr Dr. Jakob als Auflehnung gegen Gott schon in den ersten geschichtlichen Anfängen bezeichnet, war eben nichts anderes, als die Hervorkehrung des Volkstums gegen das PriestertumDas weltliche Element vertraten die Könige^ das Volk, das n ach dem Mat er j eil en, de m Besitze, dem Kampf ausging; das religiöse die Propheten und dann die Talmudisten, deren hauptsächliches Streben dahin gieng. dem religiösen Judentum auf Kosten des nationalen Geltung zu verschaffen. So lange diie Juden Staat und Land hatten, war das nationale Element überwiegend, weil es sich eben betätigen konnte. Als sie aber vertrieben wurden, trat es naturgemäss in den Hintergrund, das religiöse gewann die Oberhand und nahm die hohe Entwicklung, die Doktor E. Jakob zugeben muss. Doch war das nationale Fühlen deshalb nicht erloschen. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Lande, aus dem man vertrieben worden war, blieb immer, und gerade in den Zeiten der Verfolgung, mit der sich das christliche Mittelalter gütlich tat, erhielt der Gedanke einer Rückkehr in die Heimat immer mehr Kraft und Bedeutung. Gerade aus Gram über die Nichterfüllung dieser Verheissung suchte man Trost in der Kabbalah, die sich Gott „aleinen frommen, hypochondrischen Greis" vorstellte (S. 450) Der Jude konnte es nicht begreifen, dass er im fremden Lande so leiden musste, er fing an, mit Gott zu hadern, ünd die überreizte Phantasie verging sich an Gott und sagte: „Nur infolge seiner Schwäche werden wir verfolgt", und so war auch hier in den letzten Gründen das nationale Empfinden vorhanden und auch die Ursache der Auswüchse der Religion, eben der Kabbalah. Und es kam die Zeit, wo die Ethik und das nationale Empfinden keine Fortschritte mehr machte, wo nach allen den Verfolgungen der Jude sogar zu h offen aufgehört hatte .... Und da auf einmal kam die Freiheit, erst langsam, bald hier, bald dort, aber sie kam, zwar nicht für alle, aber doch für viele, manjsperrte sie nicht mehr in die Gasse ein, sie durften teilhaben an allem Grossen, das die Welt bewegte. Vergassen sie deshalb ihrer Vergangenheit, ihres Volkes? Fast schien es so. Aber es schien nur. Denn wenn sie auch viele Bräuche und religiöse Sitten von sich geworfen hatten, damals als die Reaktion, als der moderne Antisemitismus kam, erinnerten sie sich — oder besser — wurden sie wieder an ihr Volk, ihre Abstammung erinnert und — blieben Juden. Jetzt werden wir auch begreifen, warum sie trotz der Ausserachtlassung vieler Religionsgesetze Juden sind und bleiben und dass sie damit nicht „Lug und Trug" begehen. Sie fühlen instinktiv, dass sie eben noch etwas anderes als die Religion am Judentume hält, wie es auch heissen mag, ob Tradition, Pietät, Zusammengehörigkeit, Geschichte, Abstammung, Nation oder Volk. Und die östlichen Juden? Ihnen öffnete nicht die Freiheit die Ghettomauern, sie sind noch heute in demselben gedrückten Zustande wie siö vor 600 Jahren waren, und deshalb hat auch die religiöse Ethik bei ihnen seit damals keine Entwicklung genommen. Sie sind des Lichtes so ungewohnt, dass wenn schon ein oder der andere auf irgend eine Art in eine andere Umgebung kommt, er geblendet wird, so geblendet, dass er nicht mehr das Gute, das ihm die j ü d i s che Ethik gegeben hat, erkennt und anerkennt und gegen die Mutter, der er sein ganzes Wissen verdankt, loszuziehen unternimmt. Sind dafür die anderen, die im Osten schmachten, zur Verantwortung zu ziehen? Gewiss nicht! Gebet ihnen die Freiheit, gebet ihnen Kultur _ oder wie immer ihr es nennen wollet — und sie werden viele Fehler, die sie haben unÄ die ich nicht leugne, ablegen. Aber verurteilt sie nicht und vor allem, versuchet nicht, wider ihren Willen sie zum Untertauchen zu veranlassen! — Ich habe vorhin von der nationalen Kraft im Judentume gesprochen., Kann es einen besseren Beweis für meine Worte geben, als den, dass sich gerade jetzt wieder überall im Judentum das nationale Moment zu regen beginnt? So sehr östliche und westliche Juden in Bezug auf ihr religiöses Bekennen uneins sind, so sicher fängt das nationale Empfinden an, sie zu einigen. Hat Herr Dr. Jakob die leizten zehn Jahre verschlafen, dass ihm dieser Umstand entgangen ist? Ist das nicht genug Beweis für die Lebensfähigkeit und den Lebenswillen des Judentums? Herr Dr. Jakob — oder wie immer Sie heissen mögen — Ihr „ Jahrzehntelanges Studium, Prüfen und Ringen 0 war umsonst, das Ergebnis dieser fruchtlosen Arbeit kommt