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Die Welt · 1904-08-19 · 34 (19.8.1904) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bie # weit11 Nr. Q .1, So kommt es, dass sich auch die meisten Juden ihre Ansichten über das Judentum gebildet haben oder zu bilden suchen, die im grossen und ganzen nur durch das Milieu, aus dem der Einzelne hervorgegangen ist, ihre Variationen erhalten. — Herr Dr. Elias Jakob ist, wie er selbst sagt, aus dem Ghetto, aus dem galizischen Ghetto, hervorgegangen und hat in seiner Jugend nichts anderes oder doch wenigstens vorzüglich streng orthodoxe Juden vor sich gesehen. Ihm erschien bis zum 18. Lebensjahre das ganze Judentum als nichts anderes denn eine streng gläubige Religionsgemeinschaft, die an dem Buchstaben festhält und in der Nichterfüllung der Gebote eine Todsünde sieht. Damals war das Judentum für ihn nur Religion und diese in der Jugend aufgenommenen Eindrücke blieben auch dann, als er ins Leben hinaustrat und vom Judentum nichts oder fast nichts als schlecht befolgte Religionsgesetze sah. So stellt sich ihm auch die geschichtliche Vorstellung, die er vom Wesen des Judentums hat, als eine durch die Bibel, die talmudischrabbinische Literatur repräsentierte und immer weiter entwickelte Religionsgemeinschaft dar. Und im Verlaufe der Entwicklung dieser Religion findet er als einzig und überall berücksichtigtes Moment die Ethik. Denn Dr. Elias Jakob wirft sich selbst zwei Fragen auf: wie konnten sich die Juden so lange erhalten und woher stammt der Hass, mit dem fast alle Nationen dieses Volk verfolgen? Und kommt zum Schluss, dass sich die Juden trotz der ununterbrochenen Kette von Verfolgungen (Seite 443) solange erhalten konnten, weil sie einen unerschütterlichen Glauben hatten, an dem sie mit der grössten Fähigkeit festhielten und den sie zur höchsten Ethik entwickelten. Das gab ihnen die Kraft gegen alle Anfeindungen. Und der Hass, mit dem fast alle Völker die Juden verfolgen, kommt nach Dr. E. Jakob offenbar daher, dass sie sich fürs auserwählte Volk hielten, für mehr, als die anderen, wozu sie schliesslich krafc ihrer hohen Ethik ein gewisses Recht hatten, dass sie sich einbildeten, alle Nationen müssten sich um Israel drehen (S. 445) und zu stolz auf den Monotheismus waren, den sie den Völkern gegeben hatten. Das konnten ihnen die anderen Völker nicht verzeihen und hassten sie deshalb, wie ein Ungebildeter den geistig Hochstehenden wegen seiner Bildung hasst und ihn, wenn er die Macht dazu hat, seinen Hass auch fühlen lässt. Es würde mich zu weit führen, so verlockend es auch ist, zu untersuchen, wie weit diese Ansicht richtig ist, ob die Frage der Erhaltung des Judentums und des Hasses der Völker mit dieser Antwort gelöst ist; ich will nur das eine aius den Antworten entnehmen, dass der Verfasser betont, dass die Juden mit ihrer Ethik alle anderen Völker überragen (S. 444 unten). Grosse Bewunderung zollt Dr. E. Jakob auch den Talmudisten wegen ihres genialen Blickes und der beispiellosen Energie, mit der sie ihr Werk in Angriff genommen und vollbracht haben. Und was war ihr Werk? In den beredtesten Worten preist Dr. E. Jakob, der — man muss es zugeben — in der talmudisch - rabbinischen Literatur sehr gut bewandert ist, ihre Ethik, die Ethik des Judentums (S. 451, 452). Denn ihre Ethik ist zugleich die Entwicklung der Idee des Judentums (S. 452), die sich seit den Talmudisten nicht weiter entwickelt hat, und unter deren EinfLuss die grossen ost-europäischen Judenmassen noch heute strenge leben. Das sind des Autors eigenste Worte und bis hieher kann ihm jeder, soweit es auf religiösen Gehalt des Judentums atikommt, vollinhaltlich beistimmen und Dank wissen für die schönen Worte, die er zum Preis der herrlichen Lehren des Judentums findet. — Dr. E. Jakob geht aber noch weiter und zieht aus den Prämissen Folgerungen, die so unglaublich sind, dass man sie tatsächlich zweimal, dreimal lesen muss, um wirklich seinen Augen zu trauen. Ein jeder Andere würde schliessen : Ihr, die ein ßo hohes Sittengesetz habet, seid zumindest berechtigt zu leben, Ihr habet als ReligionsgeirieinSchaft; wie keine zweite das Recht*auf Aiterl&nnuTig; auf-vÖlF^ ständige Glaubensfreiheit. V j; ^^1/^;; Dr. E. Jakob aber schliesst so : W^ — trotzdem Ihr in der Ethik so hoch 4a? stehet; niachet, $ dieser Glaubensgemeinschaft ein Eijde, verschwindet, teuchef;< unter! Ihr östlichen Juden deshalb,. Weil ar Euch „ in , der Ethik seit den Talmudisten, d^^^ hoch genug hinauf gebracht haben,, nicht weiter entwickelt habet und noch immer an dieser Ethik festhaltet,; statttniit; dem modernen Geiste zu gehen und sie über Bord z# werfen, Ihr westlichen Juden, weil Ihr ja selbst nicht mehr an die Religion glaubet und ihr dadurch untreu werdet, dass Ihr Schweinefleisch esset und am Sabbat eine Zigarre rauchet. Ja, und noch aus einem anderen Grund solltet Ihr Juden das Judentum wegwerfen, deshalb nämlich,, weil Ihr — ich citiere wörtlich — #wenn Euch die Natur nicht zufällig mit einer arischen Nase ausgestattet :hat, bald die schmerzliche Erfahrung machen werdet, dass Eure arischen Kameraden von Euch abrücken"., (S. 453.) Also deshalb, weil die „arischen Kameraden" von der „Ethik" und von «anständigen Manieren" so wenig: in sich aufgenommen haben, dass sie einem. Jungen, wenn, er eine krumme Nase hat, sofort Feindschaft entgegenbringen,. au» diesem und keinem anderen Grunde sollen sieh dje Juden taufen lassen? Nein, nicht nur deshalb, man höre weiter: „Selbst wenn Ihr ein anständiges Gesicht un|i anständige Manieren habet, wird sich auf. der, Universität nur; selten ein Korps oder eine Burschenschaft dazu bewegen lassen, Euch aufzunehmen*. Das ist allerdings ein fürphteiiiches Unglück! Und weiter: „Wie bei den Kommilitonen^ so geht es Euch beim Militär, bei jeder Bewerbung, um ein Staatsamt, in allen Berufsklassen und Gesellschaftsschichtßö. Ueberall werdet Ihr herausgedrängt, höflich oder schroff, je nach dem herrschenden Ton". Ja, zum P^ufel k, weil es Menschen gibt, gegeben hat und wahrscheinlich immer geben wird und leider sehr viele solcher ^Menschen, die keine „Ethik" haben, die sich noch nicht,,zu überhaupt irgendeinem Grade von Duldung und Gesittung aufgeschwungen haben, deshalb sollen die Juden mit Ihrer hochentwickelten Ethik sich taufen lassen, zu eben diesen .Leuten übertreten. Wen verurteilt man, den Räuber,-der einen.;, ehrlichen Menschen anfällt oder vielleicht den,. ehrlichen, Menschen dafür, dass er überhaupt auf der, Welt ist-und dadurch den Räuber Gelegenheit gegeben hat, einen, Raub zu begehen? Herr Dr. E. Jakob, wo bleibt hier * die Logik,: die mit der möglichsten Rücksichtnahme die- Ethik; und die Aesthetik leitet"? (S. 441 unten.) Hat vielleicht die. .Ethik, die Sie als zu ausschliesslich im Judentum herrschend tadeln, auch auf Sie so stark einzuwirken vermocht, , dass Sie nur nach dem „Nützlichen" fragen und das ^Erhabene" , und „Wahre"*ganz vernachlässigen? Wahrlicjhj;bei keiner anderen Religionsgemeinschaft könnte sich irgend;ein Mann finden, der solche Lehren und Ratschläge gibt, nur bei den Juden, die noch mehr als unter der Feindschaft der anderen, Völker unter dem Missverstand und dem unverzeihlich, leichtsinnigen Urteil der eigenen Glaubensgenossen leiden!> Doch, ich will ruhig bleiben und rein theoretisch sprechen. Ich will auf den Vorschlag des Dr.:^3 'ält^b'^'emgehen. Also lassen wir beiseite, aus w e 1 c h e in Gr j* und e r die Juden untertauchen sollen und betrachten wir nur den ' Rat des Dr. Jakob unabhängig von swnen'Argumenten^ Und es ist ja wahr, die Juden werden stärk angefeindet,'^ ist ihnen jede Läufbahn im Staate versperrjt Tätigkeit im Leben gehindert. Und nicht jeder hat den Be^ ruf in sich, Märtyrer zu sein und eine Last, selbst wennf sie auch eine süsse Last ist, nicht wegzuwerfen. lös gibt ja

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