Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bis K Aus England. EsistjabekaTintfda8sciieAlieii-BülihdGrKi mmerdurchgefallen ist. Eigentlich nicht durchgefallen. Dazu hat es die Regierung nicht kommen lassen. Als sie sah, dass die Bili auf einen so starken Widerstand stosse, dass die Regierung schliesslich gar darüber stolpern könne, so beschloss sie, die Bill lieber zurückzuziehen. Aber es war nicht eine durch bessere Einsicht und durch die Aufklärung des wahren Sachverhaltes herbeigeführte Zurückziehung — es war kein Beweis, dass die Regierung ernstlich gewillt sei, der Pauperfrage in England auf eine andere Weise als durch das Verbot der Judeneinwanderung beizukomnaen „ nein, es war ein einfacher Schachzug des Ministeriums. Was die Regierung mit ihrer allgemeinen Politik bezweckt, kann uns hier nicht beschäftigen — wir fragen hier nach der Judenpolitik des Ministeriums. Von di eser ist die Rede. Damit will ich nicht gesagt haben, dass die gegenwärtige englische Regierung eine Judenpolitik treibe, d. h. speziell die Juden frage ins Auge gefasst habe. Dafür ist das Ministerium doch zu konservativ. Konservativ nach zwei Richtungen. Einerseits zu stark an den Traditionen des vergangenen Jahrhunderts hängend um eine Nation alitäten- und Konfessionenpolitik zu treiben — andrerseits zu langsam und konservativ, um die Juden frage vom neuen, historischen, weiteren Gesichtspunkte betrachten zu können. Denn die Judenfrage Hat jetzt mehr denn je aufgehört, eine Lokalfrage zu sein — sie ist ein Bestandteil der Weltpolitik geworden, wie die orientalische Frage. Und ebenso, wie einst die „Platform", das Antrittsprogramm, eines jeden Ministeriums sein Verhalten der orientalischen Frage gegenüber war, die doch England nur indirekt tangierte, ebenso wie Kabinette wegen dieser Frage stürzten, so wird die Judenfrage ein integrer Bestandteil, ein Programmiertet werden. Wohlverstanden: nicht die Judenfrage, wie man sie auf dem Kontinente auffasst— dafür ist England doch zu reif — sondern im Sinne eirer grossen Politik. Aber nicht James Arthur Balfour, der bedächtige, behutsame, langsame Zweifler, der mehr Empfindungsmensch ist, als rhodesianischer Politiker, ist der Mann dafür. Er bereut ja bereits, dass er die Fremdenbill zurückgezogen habe. So äussert er sich in einem Schreiben an Hon. W. F. D. Smith, Obmann der Londoner Unionistischen Parlamentsmitglieder. „Er bedauert die Notwendigkeit, die Bill zurückzuziehen angesichts der Opposition seitens der radikalen Mitglieder des Standing Coramütee". Von jedem Gesichtspunkte aus, meint er, sei dies: Frage von hoher Wichtigkeit und man dürfe keine Zeit verlieren, um der Schwierigkeiten Herr zu werden. Ob die Antialienisten durch die Haltung des Ministeriums sich gestärkt fühlen, ob sie doch an den endlichen Sieg ihrer Sache glauben — sie setzen einstweilen ihre Agitation fort und suchen wieder Fuss zu fassen. Hat doch die auswärtige Politik mit ihren immensen Perspektiven — russisch-japauischer Krieg, Besetzung Lhassas u. s. w. — die internen Fragen in den Schatten gestellt. Aber die Herren wollen doch nicht vergessen werden. Und sie erliessen wieder eiu Manifest, gezeichnet von Sir Henry Seton- K a r r, M.P., Mr. D. J. Morgan M.P. und Major Evans- Gordon M.P., worin von der Notwendigkeit der Erweiterung der Arbeit der Immigration Reform Association gesprochen wird. Das ist ja sehr schön, aber meinen sie bloss das? Folgt nicht dann der Pferdefuss? Ich möchte noch eine Frage berühren, die^ ich sonst unerörtert lassen möchte. Ich meine die Schechita- Affäre. Jedes Jahr kehren beinahe periodisch Diskussionen über das Schächten wieder. Manchmal wird es zugunsten, öfter zuungunsten der Tradition entschieden. Aber dass auch in Entlarv! eine derartige Frage auftauchen konnte, Welt11 Nr. 34 ist doch kurios. Zwar ist England auch der Ort, wo Gefühlsduselei ihren Herd. unü Hort hat, zwar wurde dort z. B. am erbittertsten gegen die Vivisektion gekämpft, aber die Frage der Schechita! Diese ewigen Gutachten der Rabbiner und der „ Fachmänner % der Aerzte U; s. w.! Wie das Marineministerium, das - die Frage zuerst aufgeworfen hat, überhaupt dazu gekommen ist? Schade. — England-lernt doch inanches vom Kontinent. -Und was es lernt} ist gerade nicht das beste/ i v Aber dies alle« sind schliesslich Sachen von untergeordneter Bedeutung. Die wirklich jüdische Politik ist in England erst in statu nascendi, im-Werden^ Und wir wollen hoffen, dass sie dort würdig auftreten wird. Denn unter den englischen Juden, die in politicis machen, sind nicht alle den; Herren Lucien W o 1 f oder Louis; Si n e 1 a i r ähnlich. Es gibt auch solche, die nicht nur ein; jüdisches Herz, sondern auch einen Jüdisch* denkenden Kopf haben. Und es wird von ihnen — den Hon. Members of Parliament undj denen, die es sein könnten — abhängen, ob wir in England wirklich Ansehen gewinnen und auf das Geschick der gesamten jüdischen Nation den Einfluss ausüben werden, den wir erlangen könnten. Denn ein Stück der ßule Britannia-Herrlichkeit ist auch auf uns übergegangen, Es ist einmal so. Die „Law of contingency" möchte ich beinahe sagen. Da sitzen im Unterhause 11 jüdische Mitglieder. Der letztgewählte -—, vorige Woche in. Readihg — ist Mr. Rufus lsaacs, K. C., einer der berühmtesten englischen Rechtsanwälte, eine sehr interessante Persönlichkeit, echt jüdischer Typus, ein seif made man, etwas von einem Chamberlain. War zuerst; Kaufmann, und zwar mit Erfolg, wandte sich dann der Advokatur zu und ist jetzt einer der grössten englischen Advokaten. Als-o ein „Minjana und noch ein LUebersehuss von jüdischen Abgeordneten in Westminster. Jedenfalls ein grosser, Fortschritt. Im Jahre 1895 gab es nur. 8 Mitglieder. Was .wird «aber die wachsende Anzahl der Abgeordneten helfen? Hat doch die letzte Abstimmung bei der Alien-Bill-Debatte bewiesjen, wie uneinig, wie weit auseinandergehend die Ansichten der einzelnen Herren in jüdischen Dingen sind. Haben doch manche sogar gegen die Juden gestimmt. Und es ist eigentlich nicht ganz so monströs. Jeder von den Abgeordneten wird doch auf ein gewisses Programm gewählt. Ministeriell oder antiministeriell. Er iriüss dann mit seiner Gruppe.stimmen, wenn er einen festen Haltpunkt haben 'yri\L Und das ist das ganze Unglück, dass die jüdischen Abgeordneten keine Jüdische" Gruppe bilden. Und wenn auch nicht in dem Sinne, wie es die irische Partei ist — die, Juden können in England keine Home Rule verlangen —- aber jüdisch" in dem Sinne, dass sie die Interessen des jüdischen Volkes, dert wo sie in Frage kommen, wahren. Und wenn die Harren es tun werden — werden sie keine gefährlichen Neuerer sein, sondern in den Fusstapfen des alten grossen D i z z y wandeln, der es wollte, der davon träumte. Damals war noch die Zeit nicht reif — jetzt hat oas jüdische Volk sich selbst durch-, und emporgerungen — jetzt ist es an ihnen, den jüdischen Volksvertretern im grössten Parlamente Europas, die Arbeit auszuführen... Spectator. Dr. Gaster und die zionistische Bewegung. Ein Brief L J. Greenbergs. Geehrter Herr Redakteur! Gestatten Sie mir ein paar Bemerkungen anlässlich des Aufsatzes Dr. Gasters in „Ost und West*. Dr. Gaster, bestrebt, sich, den Schein zu erwecken, dass die Meinungsdifferenzen zwischen ihm und Dr. Herzl mit der ostafrikanischen Frage ihren Anfang nahmen. Das ist weit entfernt von der richtigen Tatsache. Noch vor Jahren, bevor das Ostafrikaprojekt