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Die Welt · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 32 flMe & weit" Seite 3 ohne Anspruch auf Vollständigkeit und noch weniger auf Wissenschaftlichkeit in einigen Artikeln zu geben. Wenn sich einzelne Gesinnungsgenossen, was ich erwarte, hiedurch veranlasst fühlen werden, dem Studium der türkischen Rechtsverhältnisse, insonderheit des Bodengesetzes gründlicher näher zu treten, so wird das nicht nur in der Zukunft von besonderem Nutzen, sondern auch schon in der Gegenwart zur Klärung der Ansichten über das dermalen rechtlich Mögliche sehr dienlich sein. Vom Wege.*) IV. Man klopft an die Tür der Redaktion. Leise, schüchtern, unschlüssig. Man erkennt sofort, wer da hinter der Tür steht. Gewiss irgend ein Notleidender, ein Hilfesuchender, ein verirrter, hilfloser Mensch — oder vielleicht, wer weiss, gar ein beginnender Schriftsteller. „Herein! * Der Besucher bleibt noch immer draussen, und wagt sich nicht herein. Nur ein Hüsteln und ein linkisches, klägliches Rascheln vernimmt man. Und man stellt sich vor, wie der Mann — oder die Frau — draussen aussehen müsste. Schüchtern und unbeholfen, mit einem jammervollen, um Erbarmen flehenden Blicke, wie der eines gehetzten Reh's. Endlich entschliest sich die Tür aufzugehen und unsicher, schwankend, den Hut in der Hand zusammengeballt, verlegen und ohne zu wissen, was er mit seinen Händen und Füssen anfangen solle, tritt er herein. Es ist ein junger Mann. 28—30 Jahre. Gesund, aber blass. Ziemlich schäbig gekleidet, jämmerlich aussehend. „Was wünschen Sie?' Auf diese stereotype Bureaufrage antwortet der Besucher mit einem keuchenden, halbstöhnenden Tone, in einer unmöglichen Sprache — er spricht nämlich Jargon, den zu „verdeutschen" er sich bemüht — die nur ein geübter Kenner der jüdischen Idiome verstehen kann — und das auch nicht immer — er spricht lange, unzusammenhängend, erzählt alles mögliche, seine Selbstbiographie und seine Notlage und die Lage der Juden in Russland oder in Rumänien, und dass er ein „Zionist" ist und noch vieles andere. Am Ende nimmt er aus der Tasche einen sorgfältig zusammengefalteten, aber bereits schmutzigen Brief von irgend einem zionietischen Verein in Lemberg oder in Krakau oder in Przemyslany oder in Ploesti, wo der Betreifende vom Obmann und Schriftführer des Vereines als „ehrlicher und treuer Gesinnungsgenosse" empfohlen wird, dem man helfen muss. „Womit können wir Ihnen dienen?" Und da bekommt man eine ganze Reihe von Antworten. Er möchte in Wien, sagen wir, Arbeit bekommen. Er hat aber keine Dokumente, ist auch kein besonders tüchtiger Arbeiter. Er möchte dann eventuell nach Amerika fahren. Aber woher das Geld dazu nehmen? Dann schweigt er und seine Augen flehen so stumm; und diese stille Bitte ist so schrill, so herzzerreissend. 4S Man versteht den Ausdruck seiner Augen. „Geben Sie mir das nötige Geld" heisst es. Aber da muss man ihn sofort schonendst erinnern, dass er nicht an die richtige Adresse gekommen ist. Man verweist ihn an die Allianz, an die Kultusgemeinde, an die sonstigen wohltätigen Anstalten, deren spezielle Aufgabe Philanthropie ist. Aber ein müdes, wehmütiges Lächeln dient zur Antwort. Und er erzählt, er sei bereits in all den genannten Anstalten gewesen, er habe an allen Türen gepocht — aber vergebens. Dort habe man ihn barsch abgewiesen, da *J Vide Nr. 31 „Welt". habe man ihn bei den ersten Worten durch den Portier hinausschmeissen lassen, an einer anderen Stelle war der Portier klug genug, ihn überhaupt nicht hineinzulassen. Und nun sei er hiehergekommen. Das sei seine letzte Notbrücke, seine letzte Rettung. Und man beginnt ihn wieder zu belehren. Er ist doch nicht der Einzige, der da kommt. Es strömen täglich doch Scharen von Notdürftigen hieher, es ist doch unmöglich, allen Genüge zu leisten. Hier sei doch keine philanthropische Anstalt. Solche und andere Gründe bringt man ihm vor. Man regt sich wegen der eigenen Hilflosigkeit und der kläglichen, schrecklich traurigen Miene des Anderen auf und verbirgt seine Rührung unter dem barscheren Tone. Warum ist er überhaupt au3 Russland fort? Wenn man keine Mittel hat, wenn man so hilflos ist, darf man sich nicht vom Fleck rühren. Und man fängt an, ihm eine national-ökonomische Vorlesung zu halten über die Ueberfüllung der Industriezentren in England und in Amerika, über die Möglichkeiten der Entwicklung der Industrie und des Handels im Osten Europas u. s. w. Kein Wort der Erwiderung — nur ein verzweiflungsvoller, stummer Blick und man liest darin: „Ich bin hungrig". Ist das nicht die schlagendste, die überzeugendste Antwort? Kann man da noch weiter raisonnieren? „Haben Sie einstweilen zu essen, eine Schlafdtelle?" Und Sie erfahren, er habe schon zwei Nächte nicht geschlafen, weil er für das armselige, schmutzige Armen quartier in der kleinen Schiffgasse nicht bezahlen könnte, dass er schon einige Tage nur zwei, drei Kreuzer täglich verzehrt. Sie schauen ihm in's Gesicht, und dieses bestätigt seine Aussagen. Bleich, verstört, mit geröteten Augen, müde und hungrig. Ich will hier mit meiner Schilderung abbrechen. Was weiter folgt, spielt hier nicht mit. Ich habe mit Absicht einen der leichtesten und gewöhnlichsten Fälle gewählt, um nicht der Schwarzmalerei und der Uebertreibung geziehen zu werden. Aber es gibt auch tragischere Fälle. Da kommen Mütter mit kleinen Kindern, die nichts zu essen haben und in Lumpen daherlaufen. Da kommen Greise, die von der Not, vom Elend an der Neige des Lebens von der Schalle vertrieben wurden, in der sie ihr Leben lang wurzelten. Da verirren sich halbwüchsige Bürschchen, die schon am Morgen des Löbens erfahren, was Elend, Fremde und Hunger ist. Und alle wandern sie. Wohin? Wozu? Aber stellen wir uns vor, der Emigrant, der Flüchtling komme doch endlich nach London oder New-York, hilf- und mittellos, geschwächt, entmutigt. Wird er denn je sein Ziel erreichen können, und wenn auch das bescheidenste, das man sich denken kann, nämlich sich redlich sein Brot zu verdienen? Die amerikanischen Ghettoschilderer — Libin, Gordin, Kobrin, Kahan —- führen uns dieses ganze unsägliche Elend vor, das diese armen, entkräfteten Menschen, diese Enterbten über sich ergehen lassen müssen. Und wie oft sterben sie am Wege, in der Mitte ihres Leidensganges, der doch zu einem so bescheidenen Ziele führt, zu einem bisschen Brot? Die Alien-Bill ist zurückgezogen worden, den jüdischen Einwanderern ist der Weg nach England noch nicht verrammelt; was nützi's aber? Mit einer papiernen Erlaubnis kann man nichts erwirken. Der Grundeinwand der Antialienisten gegen die Einwanderung wird doch nicht entkräftet werden. Das jüdische Proletariat in London und in Amerika wächst. Und anstatt in Galatz oder in Berdyczew Hungers zu sterben — stirbt es in New-York. Eine kleine Ortsv rschiebung. An der Sache ändert es nicht viel.....

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