Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bie # w^it Nr. 31 Die allgemeine Aufregung, die sein plötzliches Hinscheiden, das durch übermässige Anstrengung beschleunigt wurde, in allen Ländern hervorgerufen hat, liefert den Beweis für den hohen Platz, den er sich zu erobern tousste in der enthusiastischen Liebe seiner Anhänger und auch in der hohen Achtung, die er sich auch bei jenen zu erobern wusste, die nicht alle seine Ansichten teilten. Seih Name wird in die Geschichte aufgenommen werden als der eines wahrhaft höheren Menschen, der ein warmes Herz und einen hervorragenden Geist hatte. Ich bin überzeugt, lieber Doktor Marmorek, dass sein Andenken von den Rednern, die ich auf dem Programm de* Versammlung vom 23. Juli eingetragen sehe, würdig gefeiert werden wird. Da ick sie nicht hören kann, möchte ich wenigstens die Genugtuung haben, Sie zu lesen. Das wäre eine Entschädigung für meine erzwungene Abwesenheit. Gleich nach meiner Rückkehr nach Paris werde ich mich mit Ihnen verständigen bezüglich der Subskription, die die nächsten Freunde Dr. Herzls aus edlem Antrieb für seine Kinder eröffnet haben. Ich habe den grössten Wunsch, persönlich an diesem Werke der Gerechtigkeit und Erkenntlichkeit teilzunehmen. Wollen Sie, lieber Doktor Marmorek, die Versicherung meiner ergebensten Gefühle entgegennehmen. Zadoc Kahn. Vom Wege. *) in Von welchem Wege nun? Gibt es denn jetzt einen anderen, als den vom Döblinger Friedhof? Man kehrt ja gar oft und gerne zum Orte zurück, wo man eine Hoffnung, einen Traum begraben hat. On revient toujours ä ses premiers amours. Und eine der schönsten Hoffnungen unseres Volkes, einer seiner besten Träume ist versunken, ist verschwunden. Und eine schwere Steinplatte ruht darauf — auf dem Döblinger Friedhof. Alle Völker haben ihre nationalen Begräbnisstätten, Die Engländer ihre Westminster-Abtei, auch in Paris gibt es ein besonderes aristokratisches Friedhofsviertel, wo nur die Grossen des Geistes und der Taten zur Ruhe gebettet werden* Wir Juden haben auch dies nicht. Keinen Sammelort, wo wir leben könnten, und nicht einmal einen, um dort zu liegen, wenn man tot ist. Und wenn Sie fragen werden, was denn daran liegt, so werde ich Ihnen vielleicht keine Antwort geben können. Denn tatsächlich ist es ja ganz nebensächlich, ob das Häufchen Asche und Staub, das von dem Körper eines Grossen übrig blieb, hier oder dort ruhen werde. Staub bleibt Staub, ob er vom Yorik stamme oder von einem gewaltigen Könige, ob er in profanem oder im heiligen Lande liegt. Warum bestreben sich die Völker, die Gebeine ihrer Grossen in ihrer Mitte zu haben? Warum überführten die Polen die Gebeine Mickiewiczs nach Polen, warum wollen die Ungarn die Asche Rakoczys nach der Heimat bringen, Rakoczys, des „Rebellen*? Warum erheben sich jetzt allseitig Stimmen zugunsten der Ueberführung der Leiche Herzls nach Palästina? Ja, meine Freunde, und wenn auch der Verstand kalt negiert, das Herz bejaht. Und das Herz will einen Halt haben, einen festen Angelpunkt, an den es sich klammere, mit all seiner Sehnsucht und seiner Liebe« *) Vide Nr. 27 .Welt«, Nicht den Toten ehrt man, nicht das Tote am Menschen, die Tat ehrt man, die der Lebende vollbracht hat. Wohl dem Manne, dessen Tat auch nach seinem Tode blüht und gedeiht und reift. Und wohl dem Volke, das solche Männer hat. Jenes bisschen Staub, das man überführen will, soll auch das irdische Zeichen sein, der Markstein, dass das Werk des Mannes vollführt worden ist. Arme, sterbliche Menschen, die wir sind! Nur Grabsteine sind die Marksteine unserer Geschichte. Und wie eine Statue bei Lebzeiten vorzeitig ist, so ist auch die vorzeitige Ueberführung eines grossen Toten, die zugleich ein Symbol der nationalen Wiederauferstehung sein soll, verfrüht und unhistorisch. Und nun gehen wir ein wenig weiter. Der Friedhof liegt hinter uns, das Leben vor uns. Dem Toten geben wir das Seinige, und dem Leben, was ihm gehört. Und es drängen sich Fragen auf, Fragen, die man vielleicht im gegebenen Moment als unzeitgemäss betrachten wird. Die Juden sind nämlich ein eigenartiges Volk. Was sie dem Lebenden vorenthalten, gewähren sie dem Toten. Jedes Toten Vermächtnis ist für sie schon darum heilig, weil es von einem Toten ist. Und so muss es sein, wenn es sich in gewissen Schranken befindet. Pietät ist eine historische Pflicht. Wenn aber die Gespenster das Leben zu beherrschen beginnen? Wenn im Kampfe um's Dasein die toten Grundsätze über die lebenden, vom Leben hervorgerufenen den Sieg davontragen? Ich will damit nichts gesagt haben, was man als eine Andeutung, eine Anspielung auf die gegebenen Verhältnisse auffassen könnte. Es ist noch früh, jetzt von Richtungen zu reden. Aber sollte dazu die Zeit kommen, sollte sich dazu aus dem Leben die Notwendigkeit ergeben, so dürfte uns keine Bremse und keine Hemmung gegenübertreten. Frei muss das Volk sein, frei und unvoreingenommen, unbeeinflusst in allen seinen Handlungen. Man muss manches vergessen können, wenn das Leben es erfordert hat. Und nun öffnet sich uns eine weite Perspektive, eine dunkle Zukunft steht vor uns. Ungewisser in dem Masse, als wir in H e r z 1 nicht nur einen Führer, sondern auch den Führer verloren haben. Den Führer, sage ich, denn jeder andere, der die Bewegung jetzt leiten müsste, wäre ein Volksvertreter, ein Mandatar, nicht aber der Führer. Ein Führer muss manches vom Selbstherrscher haben, er muss eine moralische Macht besitzen, noch bevor er die materielle erlangt hat. Und den moralischen Einfluss zu erlangen, das ist die Hauptaufgabe, das Kennzeichen des Führers und daran erkennen wir H e r z 1. Wenn aber eine einzige Persönlichkeit, gross und mächtig, nicht nur die zentrale wird, sondern auch die einzig tätige, die einzig vollbewusste ist, dann droht die Bewegung zusammenzubrechen, wenn der Grundpfeiler fällt. Und damit das Gebäude nicht zusammenstürze, muss es auf vielen Säulen beruhen, muss es allseitig fundiert sein. Eine Bewegung, mit einer grossen Persönlichkeit im Mittelpunkt und mit einer Schar der dii minorum gentium um ihn, mit einem Volke, das nicht klar und präzis seine Wünsche kennt, kann zu keinem grossen Resultate führen. Das neue Stadium der Bewegung ist die Heranziehung vieler, bedeutender Kräfte. Es ist wahr, dass alle zusammen nicht die grosse Kraft ersetzen können, die wir verloren haben. Und zwar deshalb, weil ihnen der Nimbus fehlen wird, die historische Grösse. Aber unsere Bewegung muss auch das Stadium des Imponierenden und Schönen überwinden und in das der praktischen Arbeit übergehen.