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Die Welt · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 31 „bie * Weit11 Seite 3 Er war ein Schriftsteller von grosser Begabung, und wenn er sich konzentrieren, sich seiner Kunst ganz hätte hingeben können, so wäre er in der deutschen Literatur hoch emporgestiegen. Er hätte einen ersten Rang gewinnen können. Aber ich weiss nicht, ob er der erste Schriftsteller seiner Epoche geworden wäre. Er war ein ausgezeichneter Redner: ruhig, geistreich, einfach, massvoll und immer geschmackvoll. Er beherrschte eine Form von tadelloser Eleganz, sogar bei der Improvisation. Seine Geistesgegenwart liess ihn nie im Stich. Vollkommen Herr seiner selbst, wurde er schon dadurch Herr der aufgeregtesten Versammlungen und der leidenschaftlichsten Debatten. Aber er misstraute sich selbst und zog der Improvisation die schriftliche Vorbereitung seiner Reden vor, die er vorlas, was natürlich ihren unmittelbaren Erfolg etwas verminderte und sein weises, vernünftiges, überzeugendes Wort hatte nur selten den gewaltigen Hauch, der sogar den Skeptiker erhebt und berauscht. Er hatte eine fruchtbare, schöpferische Phantasie, die für alle Schwierigkeiten Lösungen ersinnen und Bilder von grosser Schönheit hervorzaubern konnte. Aber bei aller seiner Vorstellungskraft überragte er nicht Georges Eliot, deren „Daniel Deronda" von manchen vor „Altneuland" der Vorzug gegeben wird. Er hatte einen scharfen praktischen Verstand und er bewies es durch die Organisation der zionistischen Bewegung, der Kongresse, der jüdischen Kolonialbank und des Nationalfonds. Aber auch in dieser Richtung können sich die grossen jüdischen Financiers, Industriellen, Kaufleute, Verwalter ihm als ebenbürtig betrachten. Weniger Dichter, als Heinrich Heine, ein geringerer Redner als D i s r a e 1 i, minder phantasievoll als die Christin Eliot, als Administrator kleiner als Baron Hirsch, war er nichtsdestoweniger grösser als jeder von ihnen, weil er dies alles zugleich war. Und er war noch etwas anderes. Sein Geist nährte sich und zierte sich an der modernsten, entwickeltsten Kultur Westeuropas, sein Herz schlug im gleichen Rythmus mit den Juden des allertraditionellsten Osteuropas. Er stellte in den Dienst der poetisch kühnsten Konzeptionen die vernünftige, überlegte Methode des Staatsmannes, des kaltblütigsten Berechners. Und, um nichts zu verschweigen, er war auch durch das Aeussere und durch die Nebensächlichkeiten, die in den menschlichen Dingen eine so grosse Bedeutung haben, begünstigt. Er war schön, er war gross und wohlgeformt, er hatte eine edle, denkende Stirne, ein schwarzes Herrscherauge, ein bezauberndes Lächeln, eine warme, starke, in die Ferne wirksame Stimme. Er ist in Wohlhabenheit geboren und gross geworden und sein angeborener Stolz hat nie die Demütigungen der Armut gekannt. Sein Auge hatte stets die Gewohnheit, den anderen immer gerade und voll anzublicken, mochte es ein Kaiser, ein König oder der Papst sein. Die materielle Unabhängigkeit hat sein Rückgrat gesteift, das nie gelernt hat, sich in Unterwürfigkeit zu beugen. Das jüdische Volk hat viele Talente hervorgebracht; aber sie waren Egoisten oder fragmentarische Talente. Wir hatten einen Heinrich Heine; aber er besang die Liebe, den Rhein und die Wallfahrt zur lieben Frau von Kevlaar; wir hatten einen Jehuda Halevy, aber seine jüdische Sehnsucht erschöpfte sich ganz in harmonischer Lyrik; einen Disraeli, aber er schuf den britischen Imperialismus; einen Manasse ben Israel, aber sein Ideal beschränkte sich auf die Erlangung der Erlaubnis, dass den Juden England geöffnet werde; einen Simson, den „geborenen Präsidenten", aber er liess sich taufen, um in politischen Versammlungen Deutschlands den Vorsitz zu führen; einen Mendelssohn, den Apostel der westlichen Zivilisation, aber er lehrte die Verachtung der jüdischen traditionellen Werte. Und zum erstenmale nach zweitausend Jahren brachte das jüdische Volk einen Mann hervor, der ein ebenso bewundernswerter Europäer als zugleich ein begeisterter Jude war, der die radikalsten Fortschrittsideale hatte und zugleich einen wunderbaren geschichtlichen Sinn, der Dichter und Staatsmann für die jüdische Sache war, der Präsident, Redner, Organisator, Träumer, Tatenmensch war. Vorsichtig, wo er konnte, kühn, wo er es musste, bereit zu allen Opfern und sogar zum Martyrium, insoferne es sich um ihn selbst handelte, und nachsichtig, von unerschöpflicher Geduld gegen alle anderen; stolz, edelmütig, würdevoll und dennoch bescheiden, brüderlich den Einfachsten und den Geringsten gegenüber. Dieser Mann war Theodor H e r z 1 und er war erst vierundvierzig Jahre alt, als er uns verloren ging. * * * Wir wissen, was ihn getötet hat. Reden wir nicht davon. Ich will nicht bitter werden. Mein Zorn soll sich meiner Trauer nicht gesellen. Ich höre um mich herum murmeln: „Ein Mensch der Oeffentlichkeit muss eine harte Haut haben. Er muss gegen Angriffe und Verläumdungen gepanzert sein." Unglückliche! Wäre Herzl gefühllos gewesen, hätte er denn so heftig den jüdischen Schmerz empfunden, dass er darüber seine Ruhe verlor, dass er sich von der ihm zulächelnden literarischen Laufbahn abgewendet und sich dafür in den Brennofen des kämpfenden Zionismus stürzte? Seine ausgesuchte Empfindsamkeit hat ihn zum Urheber und Führer des Zionismus gemacht, aber sie liess ihn auch in grausamer Weise alle Wunden fühlen, die ihm seine brutalen und hinterlistigen Feinde geschlagen haben. Und sie hat endlich das arme gequälte Herz zerschmettert. sj» jje Und die Zukunft? Ich bewahre alle meine Hoffnungen, aber momentan fragt mich nicht über die Zukunft; meine Tränen verhindern mich noch, sie klar zu sehen» Ein Brief des Grossrabbiners von Frankreich an Dr. Alex. Marmorek. 6. Juli 1904. Wildbad (Württemberg). Lieber Doktor Marmorek! Ich bedaure lebhaft, dass meine Abwesenheit von Paris mich verhindert, Ihrer grossen Versammlung Samstag abends beizuwohnen. Ich würde es für meine Pflicht halten, mich der edlen Kundgebung für den sehr beklagten Dr. Theodor Herzl anzuschliessen. Sein vorzeitiger Tod hat mich tief betrübt. Sie wissen, in welchen herzlichen und freundschaftlichen Beziehungen ich zu ihm vom Anfang an gestanden bin. Ich beglückwünsche mich heute dazu, diesen tapferen Apostel der Sache des Judentums nahe gekannt zu haben, der alles — Wohlstand, Stellung, Familienliebe, Ruhe und Gesundheit — für den Triumph der grossen Idee opferte, die er erfasst hat und deren unermüdlicher, überzeugter und beredter Verteidiger er wurde.

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