Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bi* # w$it" Nr. 31 ihrer faulen Geduld herabziehen, die dem Niedergang des Judentums mit egoistischem Stumpfsinn zusieht? Die Zionisten haben ihnen bis jetzt gewiss keine Veranlassung gegeben, sich mit den Sorgen zu beschweren, wie unsere Bewegung ihr jüngstes Unglück überwindet; und kein Recht auf ganz unbegreifliche Hoffnungen, dass der Leute weniger werden, die ihnen bei ihrer Volksverführung ein energisches „Hands off!" zurufen. Wir sind nicht ins Schwanken gekommen, im Gegenteil. Die Missgunst des Schicksals hat uns nur enger zusammengekettet, und den Eifer und Bedacht eines jeden von uns verstärkt, damit durch die Mehrarbeit vieler der Entfall der einen grossen Kraft wieder wettgemacht werde. Das Nächste, das Allernächste in unseren Organisationen ist die treue, tätige Folge nach dem vom Meister gemeisselten Plan und Ziel und nach der Forderung unserer Selbstachtung, die von uns verlangt, dass wir an dem Fortschritt dessen mitarbeiten, woran wir glauben und worauf wir hoffen. Die Gelegenheit zur Arbeit ist günstig genug. Die Trauer der Nichtzionisten bei unserem grossen Verluste ist ungeheuchelt. Es ging wie eine bedrückende Ahnung durch die Judenheit, dass die Personifikation des herrlichen Gedankens von einem einigen und glücklichen Judentum mit Herzi entschwunden ist. Das sei denen gesagt, di9 das Ende des politischen Zionismus gekommen wähnen: Nicht wir wurden ins Wanken gebracht, sondern die nichtzionistische Masse. Denn sie wurde um Nachdenken gebracht über ihre eigenen, phrasenhaften Führer ins Dunkle und das Vorbild der vielverlästerten Zionisten, Wenn aber unsere Massen zu denken anfangen sind sie uns gewonnen. Lassen wir sie nicht aus Lässigkeit wieder einschlafen! Eilen wir an die Aufklärung. Seien wir hinter den Juden her, wenn sie beisammen sind und wenn allein. Zionisten! Ihr könnt stolz sein auf einander! Das hat sich in diesen Tagen gezeigt, deren Trauer Ihr in altbewährter Einigkeit mit edeln, männlichen Entschlüssen gebannt habt. Wir wissen, dass diese Vorsätze zu Taten werden. Macht eure Arbeit gross und zäh! Bringtalles zu Ende, was ihr unter Herzl begonnen habet, und der letzte grosse Triumph wird nicht ausbleiben: Die Errichtung des Monumentes für den Mann, der an seinem Judentume starb, des Monumentes, das Palästina heisst. J. U pf i mny. Nordau Uber Herzl. Im „Echo Sioniste" vom 15. Juli veröffentlichte Dr. Max N o r d a u einen Artikel über Herzl, den wir hier in wortgetreuer Uebersetzung wiedergeben: Acht Tage sind schon vorüber, seitdem die schreckliche Nachricht mich niederschmetternd traf, und ich kann mich noch immer nicht von dem Keulenschlage erholen, ich bin noch ganz betäubt, und ich muss eine qualvolle Anstrengung machen, um mir die Tatsache zu vergegenwärtigen, dass Theodor Herzl tot ist. Wie ' Er, der Grosse, der Starke, voll Leben, unerschöpflich an Ideen, überreich an Mitteln, er, der um zehn Jahre jünger war als ich, er ist vor mir hingegangen! Und ich beweine ihn! Und ich muss ihm einen Nekrolog schreiben! Das ist doch unerträglich, ungerecht! Das ist zum Aufschreien absurd. Von allen Seiten bittet man mich, von ihm zu reden, weil man weiss, dass ich ihn mit einer tiefen Freundschaft geliebt habe, die sowohl dem Geist als auch dem Herzen entsprang. Bis jetzt habe ich mit Zorn abgelehnt. Ich verabscheue es, mich zur Schau zu stellen. Ich will nicht öffentlich schluchzen. Wenn ich heute einwillige, für das „Echo Sioniste" die erste Ausnahme zu machen, so ist es nur, weil ich mich an die nächsten Freunde wende. Wir verstehen uns durch halbe Worte. Hier erwartet man nicht, dass ich über Herzl Literatur schreibe. Ich wäre dessen nicht fähig. Ich kann nur Klagen vorbringen, ohne mir Mühe zu geben, sie künstlerisch zu ordnen. Und sogar wenn ich meine Feder dem Antrieb meines Schmerzes folgen lasse, so empfinde ich ein Schamgefühl darüber, in irgend einer Weise mein innerstes Gefühlsleben berührt zu haben und den Tod Herzls zum Gegenstand eines Artikels genommen zu haben. * * * Die grossen Massen des jüdischen Volkes haben eine dunkle Ahnung, dass dieser Tod des einzelnen Mannes ein nationales Unglück sei. Aber die einfachen Seelen können sich noch nicht im entferntesten genau Rechenschaft ablegen über die Tragweite des Unglücks, das sie trifft, das uns alle trifft. So lange Herzl da war, lebend, handelnd, allen Forderungen der Situation gewachsen, allen Notwendigkeiten entsprechend, allen Gegnern seine Brust bietend, hielt man es für ganz natürlich, als ob das immer so sein müsste, als ob es gar nicht anders sein könnte. Jetzt aber, nachdem er verschwunden ist, werden die ungeheure Lücke, die er gelassen, die Unmöglichkeit, ihn zu ersetzen, dem jüdischen Volke allmählich die richtige Verständnis für die Bedeutung Herzls be;- bringen und werden es ihm ermöglichen, die Grösse seines Verlustes zu ermessen. Einmal bei einem Mittagsmahl in Anwesenheit unseres Freundes Alexander Marmorek sagte ich zu Herzl: „Wenn ich ein Gläubiger wäre, und mich mystisch ausdrücken würde, würde ich sagen, dass Ihr Auftreten im kritischesten »Momente der Geschichte des jüdischen Volkes eine Fügung der Vorsehung ist. In diesem beängstigenden Momente war ein einzelner Mann vonnöten und da standen Sie auf, um den Verzweifelten die Hoffnung wiederzugeben und den Erschlaffenden die Zukunft zu sichern/ In seiner Bescheidenheit, die so aufrichtig, so natürlich war, errötete er und ärgerte sich beinahe. „Aber nein", erwiederte er, „aber nein; wie können Sie so sprechen, Sie, die doch den Wert der Worte kennen! Es gibt nichts einzig Dastehendes, nichts Exzeptionelles in meinem Fall. Wenn ich entschwinden sollte, so würden hundert, tausend Menschen der Wahl des jüdischen Volkes geboten sein, und sie werden mein Werk gerade an dem Punkte fortsetzen, an dem ich es verlassen habe." Ich wollte nicht das Gespräch über diese Mutmassung, die ich als absurd betrachtete, fortführen. Aber ich schüttelte das Haupt, und Alexander Marmorek tat es auch. Das, was ich damals nicht für möglich halten wollte, das ist dennoch eingetreten: Herzl ist entschwunden. Und man wird sehen, und man sieht schon, wie sehr ich Recht hatte. Weder hundert, noch tausend Männer, niemand bietet sich uns, um ihn zu ersetzen. Er war einzig. * * * Er war es, nicht so* sehr durch jede einzelne seiner zahlreichen Eigenschaften, als vielmehr durch deren wunderbare Vereinigung in einem einzelnen Manne.