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Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 30 „bie fr W^li Seite 23 dieser jüdischen Parlamente, als Organisator und Führer der Bewegung hat Herzl Unvergängliches geleistet; er verstand es, die heterogenen Strömungen im Judentum der allgemeinen Sache des Zionismus dienstbar zu machen und die zerstreutesten Teiie der Judenheit durch eine straffe und starke Organisation zu vereinigen. herzl war eine ganze, von der Natur mit allen Anlagen eines zu Heldentaten berufenen Wiesens üppig ausgerüstete Individualität, ein grosser Charakter; in ihm musste man das glückliche Zusammentreffen all der psychischen Eigenschaften bewundern, die ihm den Stempel des Vollkommenen aufdrücken und die ihm die Verehrung und die Liebe aller Parteien im Zionismus eintrugen. Schon in seinem Äussern lag zum Teil das Geheimnis der geradezu hypnotischen Wirkung, die er auf die Kongressdelegierten hervorbrachte; er hatte jene Anmut des Edlem, jenen lockenden, einnehmenden Reiz des Erhabenen, jenen Zauber des Seelenadels, die eben zur Liebe zwangen, aber auch jene Würde, jenes Imponierende, Stolze und Schöne, die nur wahrhaften Aristokraten des Geistes eigen sind; in seinem Gesic'-it verschmelzten sich wunderbar das Weiche, das Zarte, die Wehmut des Träumerischen, das Rührende des Schwärmerischen und Sentimentalen mit der Festigkeit, Stärke und Grandiosität einer rüstigen Kampfnatur, das Lyrische des Idealismus mit dem Robusten und Gewa'ltigen des unerschütterlichen Heldenmutes, die Vornehmheit und Feinheit der Gesinnung mit dem Herrischen und Gebieterischen seines Auftretens. Das jüdische Volk gab Herzl, der es mit allen Fibern und Fasern seiner Seele liebte, den reichsten Lohn; es erwiderte ihm diese Liebe mit Innigkeit, Inbrunst und rührender Dankbarkeit. Der Name Herzls drang in die weitesten und tiefsten Schichten der jüdischen Masse und wurde zum Synonim der Auferstehung, der Renaissance erhoben. Für die Jugend war Herzl der Gegenstand der aufbrausenden Begeisterung, der grenzenlosen Verehrung und Liebe; er war ihr Licht und Leuchte. : : Herzl starb wie ein Ritter der Idee, auf deren Altar er das wärmste Blut seines grossen Herzens geopfert hat . . . Das jüdische Volk verlor in ihm. den edelsten seiner Söhne, die ganze Menschheit eine ihrer Zierden, einen Kämpfer für Recht und Wahrheit. M. J a h r b 1 u m. Aus dem „Neuen Belgrader Tagblatt": Löscht die Lichter aus. Theodor Herzl ist gestorben. Mein Herz zuckt schmerzlich zusammen, die Augen sind von Tränen beschwert und meine Phantasie gaukelt mir Bilder vor, wie ein Dante Alighieri sie nicht ergreifender schildern, eh Michel Angelo-Buonarotti nicht hätte grossartiger auf der Leinwand festlegen können. Ich sehe ihn im offenen Sarge frei im Lichte der ewigen Sonne liegen, so edel, so schön und gütigmild, wie ich ihn so oft im Leben gesehen, mit dem langen, wallenden Bart, der edelgeformteri, hohen Stiirn und dem Blick, aus welchem hohe Gesinnung, Geist und unendliche Menschenliebe erstrahlten. Und rings um diese tote Lichtgestalt eine schier unübersehbare Trauergemeinde. Männer und Weiber, alt und jung, zu Tausenden und Abertausenden sind sie aus allen Weltgegenden an diese Bahre geeilt, um diesen Toten, ihren Toten zu beweinen. Ein Chorus steigt zum Himmel, wie ihn Gott seit der Zerstörung Jerusalems nicht mehr vernommen: Gott, unser Gott, warum nahmst du ihn uns, ihn, den Führer, den Weisen, den Guten und Besten deines Volkes, das edelste Juwel, welches uns noch erstrahlte, den Hirten deines Volkes, sein Hort und seine Hoffnung! Das alles war Theodor Herzl für die Juden, und er wäre mehr, weit mehr für sie geworden, wenn ihn der Tod nicht vorzeitig abgerufen hätte. Beim ewigen Schöpfer, in diesem Toten war alles vereinigt, was einen Führer im edelsten und idealsten Sinne des Wortes ausmacht und charakterisiert. Persönlichkeit, Charakter, Geist, Bildung, Menschenkenntnis und Idealismus. Sein Aussehen war distinguiert und voll Würde, sein Verhalten war fesselnd und natürlich und ohne jeden Schein von Pose. Wer ihn einmal gesehen, konnte das edle Antlitz eines Propheten, die elegante und dabei doch imposante Gestalt nie wieder vergessen, wer ihn gesprochen, war für ihn gewonnen. Auf die geringsten Menschen und auf die mächtigsten Monarchen der Welt wusste Theodo-r Herzl anziehend und fesselnd einzuwirken, gegen jedermann war er der vollendete Gentlemen, der makellose Charakter .... Das „Bukarester Tageblatt*' schreibt: Der Tod des berühmten Publizisten und zionistischen Führers hat unter den Juden in Rumänien, unter welchen die zionistische Bewegung sehr viele Anhänger zählt, die grösste Bewegung hervorgerufen, und in allen Städten des Landes werden Trauerkundgebungen veranstaltet und vorbereitet. Aus dem Anlasse der Beerdigung Theodor Herzls wurden in Bukarest in allen Synagogen Trauergottesdienste abgehalten und in Reden und Vorträgen die Verdienste des Verstorbenen geschildert. Ferner wurde beschlossen, dass zum Zeichen der Trauer alle jüdischen Geschäfte in der Hauptstadt um 7 Uhr abends geschlossen werden. Aehnliche Trauerkundgebungen werden auch aus den anderen Städten des Landes, insbesondere aus Jassy gemeldet. In der grossen Synagoge in der Strada Cucu und im Tempel Neuschatz wurden Gottesdienste abgehalten, und in Anwesenheit der hervorragendsten Mitglieder der israelitischen Gemeinde hielten die unermüdlichen Vorkämpfer der zionistischen Sache Dr. Lippe und Dr. Niemrowieir die Gedenkreden. Auch in Jassy wurden die Geschäfts laden geschlossen. Der frühe Tod Theodor Herzls wird auch von denjenigen schmerzlich empfunden werden, die in dem heissen Kampfe um das Schicksal eines Volkes ihm, der es in die Hand genommen, entgegentreten mussten. Er hatte starke Liebe und auch ein wenig Hass gefunden bei denen, deren wahre Interessen er vertrat. Ein zäher Kämpfer ist mit ihm gegangen, ein Wegweiser Gepeinigter und Hilfloser. Ihm eigen war die seltene und grosse Gabe, die Herzen zu gewinnen durch sein Wort und seine Persönlichkeit. Er war in früher Jugend in die Reihen der Erfolgreichen und Glücklichen gekommen, hatte alle Süssigkeiten einer geebneten und geachteten Karriere genossen und hatte sich davongemacht, da die .Nöte seiner Stammesgenossen ihn riefen, hatte ein Fest verlassen, um in einem Kampfe sich zu stellen, der lange noch unausgie kämpft bleiben wird. Und bewundernd sind auch diejenigen seinem Tun gefolgt, die aus einer anderen Lieberzeugung als die seine, es nicht gutheissen konnten. Zionismus! Ein zuerst verschrieenes und leeres Schlagwort ist durch Theodor Herzls Unermüdlichkeit, durch seine Sorgen und Rastlosigkeit mit neuem Inhalt erfüllt worden. Er hatte sich mit seiner ganzen.Persönlichkeit für ein Ideal eingesetzt gegenüber einer Welt von Skeptikern, Spöttern und Kleinmütigen und nun vollzog sich das wundersame und ergreifende Schauspiel, wie ein ganzes Volk von Gedemütigten, Hoffnungslosen und Verlorengeglaubten auferstand und sich verjüngte. Den alten vergessenen Traum und die Sehnsucht eines begnadeten Dichters, den Traum Jehuda Halevys wollte Herzl verwirklichen helfen. Das Hinscheiden Theodor Herzls ist ein tiefer, ein unersetzlicher Verlust für den Zionismus, die Sache jedoch, der er bis zu seinem letzten Atemzuge gedient, ist mit ihm nicht verloren. Er selbst hatte es ja in einer autobiographischen Skizze ausgesprochen: „Ich weiss nicht, wann ich sterben werde, aber der Zionismus wird nie sterben/' * * * Aus dem Jewish „Chronicle*. Ein Brief Prof. Richard Gottheils. Theodor Herzl - ^ü*B Tibi Während die Wunde im Herzen noch frisch blutet, scheint es beinahe unmöglich zu sein, Worte in einer Weise zu formen, dass sie zu Papier gebracht werden könnten. Manchmal erfordert unser Schmerz vollständiges Schweigen,

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