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Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
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Seite 24 „bi* & Weit11 Nr. 30 aber manchmal muss das bangende Herz sein Weh klagen, es andern mitteilen, um so in Gemeinschaft einigen Trost zu suchen. Mögen nun die wenigen Worte, die ich hier folgen lasse, mich mit all denen, die unseren Führer lieben lernten und heute mit mir unseren Verlust beweinen, in trauernde Gemeinschaft bringen. Er bat, dass man keine Blumen auf sein Grab lege; diese Einfachheit sollte ein Zeichen sein, dass er zur Ruhe getragen werde. Er, in Reichtum geboren und erzogen wünschte, dass man zu allerletzt ihn in keiner Weise von seinen armen Brüdern unterscheide, deren Sache sein Leben geweiht war. Und auch keine blütenreiche Worte wünschte er sich, keine Lobrede sollte an dem Erdhügel, der seine Hülle umschloss, gehalten werden. Dia Trauer um ihn sollte nicht in überschwänglichen Lobreden ihren Ausdruck finden. Und wir, seine Freunde, die über ihn zu schreiben wagen, wir müssen dem Wunsche des Freundes willfahren, und wie wir unseren Schmerz bändigen, müssen wir auch unserer Rede Einhalt tun. Wahrlich, nicht Blumen braucht er, noch Worte. Die Klagetöne, die ihn zur Ruh' geleitet, die nassen Augen allüberall, wo man nur Juden findet, sind die beredtesten Kundgebungen. Die grosse Organisation, deren Mittelpunkt er war, offenbart sein kurzes Leben, glorreich verbracht und edel weggegeben. Gott war ihm gegenüber verschwenderisch an Gaben. An seiner Wiege stand wohl der Geist der Schönheit und schüttelte seine erlesensten Gaben hinein. Vor meinem Geiste steht er immer als die irdische Verkörperung der Schönheit — der Schönheit des Körpers, des Geistes, des Herzens. Aber diese Schönheit besass zugleich eine Männlichkeit, die sich weit über die gewöhnliche erhob. Schön war er — aber nicht verweichlicht; schön von Geist, aber nicht schwach. Eine Herzensschönheit besass er — und — ach — das war seine einzige Schwäche. Das war der wunde Punkt an ihm, die gebrechliche Seite seines geistigen Wesens. Er, der unentwegt dem Ideal des Schönen folgen konnte, die Werke der Natur und der Menschen durchforschte, um es zu entdecken, er, der ein Problem mit einer unwiderstehlichen Logik aufstellen und den eingeschlagenen Weg unablässig fortwandeln konnte — er war eigentlich der Sklave seines Herzens. Oftmals tadelten wir ihn darob. Er habe keine Menschenkenntnis — sagten wir; sein Herz lag im Streit mit seinem Kopfe. Er hatte ein grosses Herz, ich kann es nur so benennen; ein grosses, gewaltiges Herz, das für alles Edle schlug und von allem Unedlen abgestossen wurde — denn was nicht edel war, war für ihn auch nicht schön. Dieses Herz hat zu Tode gepocht — und es ist nicht mehr. Es führte ihn vom Boulevard in's Ghetto; vom Schreibtisch in die Hütte seiner ärmsten Brüder, aber die Anstrengung war zu gross. Es versuchte, die grosse Kluft, diezwischen der dunklen Gegenwart und der sonnigen Zukunft gähnte, zu überbrücken — und diese Mühe brach es. Mut, denn wir können nicht unterliegen, Wenn auch gross die Not und wiederholt die Schläge, Gott und ein einziger Mann werden trotzdem siegen, Wenn die Sache ganz verloren und die Hoffnung nicht mehr rege. Was er uns war, die ihn kannten, das zu schildern wage ich nicht einmal den Versuch zu machen. Ich empfinde es, dass er nicht gewünscht hätte, dass man vom Allerheiligsten mit rauher Hand den Vorhang reisse. Aber gerade die Macht seiner Persönlichkeit war es, die ihn zum grossen Führer machte. Irgendwie seinem Einflusskreise näher zu treten, hiess so viel, wie unwiderstehlich zu seinem Zentrum hingerissen zu werden. Sein Charakter hat sich in seinen Taten offenbart, in seinen Reden geäussert, im Glänze seiner Augen abgespiegelt. Und sein Charakter war ein menschenbezwingender. Er hatte uns nichts zu bieten, als eine grosse Idee, die Verwirklichung einer alten Hoffnung. Freiwillig kamen wir aus allen Weltteilen und brachten ihm unsere Arbeit und unsere Hilfe. Er lehrte uns noch etwas Grösseres; er lehrte uns hoffen. Unsere Herzen hat er mit Hoffaung belebt, unsere Köpfe mit wundervollen Träumen erfüllt. Und welches Volk kannfje hoffen, zu seinem eigenen Besitztum zu kommen ohne diese zwei Gaben — die Träume und den Mut? Ist es ein Unrecht, zu denken, dass sein Körper und sein Geist zu schön waren, um vom Alter entstellt, von der Krankheit verunstaltet zu werden? Dass seine Kraft zu edel war, als dass sie mit dem zunehmenden Alter hätte abnehmen sollen? Gott verzeihe mir diesen Gedanken, wenn es unrecht ist. Aber es ist ein kleiner Trost für uns, die da trauerr, dass seine Persönlichkeit und seine Kraft für immer in voller Frische ihres ersten Erfolges bleiben werden, dass er den Heiligen des Altertums gleich vor Gott einfach wandelte und nicht mehr war; dass er im Wagen des geistigen Feuers zum Himmel erhoben wurde. Wie ein zweiter Moses hat er die Bahn gezeichnet. Und am Tage, wo er weggenommen wurde, „warsein Auge nicht verdunkelt, noch seine Kräfte abgeschwächt". Ja, wahrlich, er hat seine Pisgah bestiegen und hörte die Stimme, die da sagte: „Das ist das Land, welches ich gelobt habe Abraham, Isaak und Jakob, indem ich sagte : ich werde es deinen Nachkommen geben. Ich habe dich gebracht, dass du es mit deinen Augen sehest, aber hinkommen wirst du nicht." Mein eigener Gesundheitszustand hat es mir nicht erlaubt, an seinem Grabe zu stehen. Aber nichtsdestoweniger weine ich mit den Tausenden und Hunderttausenden um den geliebten Freund und verehrten Führer. Ein grosser Schriftsteller und ein vollendeter Stylist, war er ein noch grösserer Jude. Wie sein Lebenswerk viele von unserem Volk beschämt, deren Talente auf „eitle Dinge" verschwendet werden und fremden Göttern dienen! Herzl hat seine eigentliche Kraft, sein eigentliches Selbst gefunden, als er in sich den Juden gefunden. Er hat sein Leben für sein Volk gegeben, er hat für eine noch wehende Fahne gekämpft. Möge sich das Volk seiner Gabe würdig erweisen! Mögen wir, die wir uns Zionisten zu nennen wagten, immer die Freundschaft und die Führerschaft, die wir genössen haben, verdienen; mögen unsere erneuten und verdoppelten Anstrengungen ein Dankesopfer sein Gott dem Allmächtigen! n maa n:i -pi« «a nnynn nnirnn .nbu ybp In aller Verehrung wollen wir nicht vergessen, „die berühmten Männer und die Väter, die uns gezeugt, zu rühmen", wie der Sohn von Sirach gesagt hat; und er fügte hinzu: „Ihr Ruhm wird nicht verwischt werden; ihre Körper werden in Frieden begraben sein, aber ihr Name lebt ewig." Bad Wildungen (Deutschland) 10. Juli. Richard Gottheil. * * * Russische Pressstimmen über den Tod des Dr. Theodor Herzl. Die „Nowosti" schreiben: ,Seine grossen Erfolge als Schriftsteller befriedigten ihn nicht. Er widmete sich daher seinem Volke um für dasselbe etwas Ewiges zu schaffen. Sein berühmtes Buch „Der Judenstaat* war seine Antwort auf die uralte jüdische Frage. Als Vorkämpfer einer grossen Idee hatte Herzl viele Gegner, aber das waren lauter L°ute, welche die Grösse seines Ideals nicht begreifen konnten. Aber jetzt ist Herzl nicht mehr! . . Alle, ob Freund oder Feind

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