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Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 22 lfbie $ w?it Nr. 30 Angriffen, die ihm besonders am letzten Kongress nicht erspart blieben, bewahrte er stets eine klassische Ruhe. Man kann sieh den Zionismus ohne ihn einstweilen gar nicht denken. Ihm ist es zu danken, dass die nationale Bewegung unter den Juden sich so mächtig entfaltet hat. Nun ist er gestorben, bevor ein praktischer Erfolg erreicht worden ist, aber es ist bei dem zähen Charakter des jüdischen Volkes wohl zu erwarten, dass das, was Herzl angestrebt hat, nicht verloren gehen wird." Die „Baseler Nachrichten" schreiben über Herzls äussere Persönlichkeit: „Sie wirkte geradezu faszinierend; seine schlanke, hochgewachsene Gestalt, der glänzend schwarze auf die Brust wallende Vollbart, die schmale hohe Stirn mit den charakteristisch gezeichneten Brauen, die schön geschnittenen orientalischen Augen, das gab ein Bild männlicher Schönheit; dazu kam die warme, von einem wohllautenden Organ getragene Beredsamkeit, kurz ein Mann, geeignet zu seinem Führeramt wie kein zweiter. Wallende orientalische Tracht und Priester bin de hätten sicher noch besser gekleidet, als der elegante Salonanzug.u Die „Buduschznostj" schreibt: Es ist unmöglich, das Gefühl des brennenden Seelenschmerzes zu schildern, welches alle Juden, Zionisten und Nichtzionisten bei der Kunde von dem frühzeitigen Tode Herzls ergriffen hat. Alle sind sich bewusst, dass ein grosses, völkisches Lnglück geschehen ist, dessen Folgen nur Schrecken erwecken. Ein schwerer Alp drückt jetzt das ganze Judentum. Und man muss gestehen, dass niemandes Tod im jüdischen Volk so allgemeine tiefe Trauer hervorgerufen hat, wie der Tod Herzls. Im ganzen jüdischen Lager, in allen Städten der Erde, wo Juden leben, herrscht Jammer und Kummer über den To i Herzls. Herzl war nicht nur der Schöpfer und der Führer der zioi.istischen Bewegung, sondern der grösste Nachempflnder des jüdischen Nationalleidens. Der Jahrhunderte alte Druck hat das jüdi.-che Volk bo ge-chwächt, dass es den Glauben an sich und an seine Zukunft verlor. Die Zerklüftung, die Sorgen um das tägliche Brot, die sklavische Erniedrigung vor den Nachbarvölkern — dies alles hat dazu geführt, dass die Juden selbbt aufholten, sich als eine Nation zu betrachten, welche das Recht hätte, unter den Vok>rn der Welt ein würdiges Dasein zu führen. Die jüdische Intelligenz, von Verzweiflung prfa^st, sah nur in der Assimilation die einzige Rettung. Und inmitten dieser Verzweiflung ertönte die Stimme: „Neir, dieJudenheit darf nicht sterben, sie kann und mu^s leben, sie wird ein schönes nationales L*ben führen, wenn sie den Willen dazu haben wird/ Und die Jud^nschaft fand den Willen dazu, es erwachte in ihr die Liebe zum Leben, der Glaube an ihre Kräfte, die Energie zum Kampfe für ihre nationale Existenz. Ein neuer Abschnitt wurde in der Geschichte der Jud-n eröffj^t: das jüdische Volk erwachte zu neuem Leben, fing an, seine Kräfte zu sammeln, sich als Nation zu organisieren und We^e zum Volksglücke zu bahnen. Die Bestimmung des Helden ist, die historische Aufgabe zu erfassen und sie klar zu formulieren, um mit politischer Hand die Menge zu fuhren, wohin sie sich instinktiv hingezogen fühlt. Ein solcher Held war Herzl. Alles hat er in die kleinsten Details ausgearbeitet, alles hat er vorhergesehen, alles hat er vorgez^ichnet. Und welch' ungeheure Arbeit hat er in dieser kurzen Zeit vollbracht, ohne irgend welche Fehler hegangen zu haben! Das war der einzige jüdische Politiker, welcher die Idee der nationalen und politischen Wiedergeburt seines Volkes vollkommen begriffen und teilweise auch verwirklicht hat. Herzl ist nicht mehr! Das Volk weint! Möge es nur weinen, denn der Verlust ist gross. Aber man darf nicht verzweifeln. Herzl war einer der ersten politischen Arbeiter seines Volkes. Aus der Mitte des Volkes wird ein neuer tatenreicher Held hervorgehen, wenn nur ein Volk vorhanden ist. Um dieses zu erreichen, müssen alle arbeiten, welche ihre Zusammengehörigkeit mit ihrem Volke empfinden. Mit Ehrfurcht, das Andenken unserer ersten Nationalhelden ehrend, muss man sein Vermächtnis hüten uni alle Kräfte dem von ihm begonnenen grossen Werke der Einigung des Volkes widmen. Das ist der letzte Tribut, welchen wir unserem einzigen Volkshelden, dem Makkabäer unserer Tage, geben können." Die „Lodzer Zeitung" schreibt: Herzl ist nicht mehr! Wieviel der erschütternden, niederdrückenden und zermalmenden Tragik birgt sich für das jüdische Volk in diesen Worten! Wie ein Genie des Guten aus dem Märchenlands unsterblicher Weltheroen betrat er vor acht Jahren die Einöde des jüdischen Golus, brachte einen belebenden Lenz mit, trug in die verzagten Herzen erquickendes, aufmunterndes Labsal neuer Hoffnungen, richtete die Schmachtenden und Dahinsiechenden durch ein mächtiges Erlösungswort auf, goss über die Verzweifelten ein Füllhorn von Glauben, Enthusiasmus und Lebensfrische. Herzl gehört das Verdienst, die zionistische Idee zur Höhe einer Volksbewegung gebracht zu haben. Er verstand es, das jahrtausendelang in der jüdischen Seele glimmende, poesieumwobene Sehnen nach nationaler Unabhängigkeit in Palästina aus dem Zustande des träumerischen, intuitiven Wünschens zum kraftvollen, bewussten Wollen emporzuheben, diese Idee aus der Passivität, aus der Phase des Schlumrnerns in mächtige organisierte, zweck- und planmässige Tätigkeit zu setzen, das Volksideal in die Form der Realität reliief auszugie&sen, es aus dem Verstecke der geheimsten Empfindungen hervorzuholen und auf die Oberfläche des Lebenszu übertragen. Herzl hat also während der kurzen Spanne Zeit seines Schaffens eine Revolution des jüdischen Geistes, eine Umwälzung der jüdischen Psyche herbeigeführt. Er proklamierte den „politischen Zionismus", die grossangelegte nationale Selbsthilfe, die Idee der Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, das Streben, für Legionen von Menschen, die durch eine Verkettung von verschiedenen historischen, ökonomischen und sonstigen Ursachen teils in der unsagbaren Not und Verzweiflung, teils in gesellschaftswidrigen, die freie Entwicklung hemmenden anormalen Verhältnissen leben müssen, ein Asyl der Freiheit und menschenwürdigen Existenz zu schaffen, wo sie sich voll ausleben, aus der isolierten, angefeindeten Stellung der modernen Parias zu einem ebenbürtigen Mitgliede der Völkerfamilie emporschwingen, die Kultur um eine Nuance der uneingeschränkten Eigenart bereicherten und die Schöpfungen des menschlichem Geistes um neue Schattierungen des eigenen Individuums vermehren könnten. Dieser Idee hat Herzl sein ganzes Denken und Fühlen gewidmet; in deren Dienst stellte er den ganzen Reichtum seiner Schöpferkraft, seine ganze Intelligenz, all die Gaben seiner höher differenzierten Kultur, die Macht seines gewaltigen Willens, sein bewunderungswürdiges organisatorisches Talent und die Glut seiner hinreissenden Eloquenz. Herzl war ein Unikum in der jüdischein Geschichte; mit Seinern Auftauchen auf deren Szene hat er eine neue Epoche präludiert. Bis zu Herzl war die Geschichte der Juden eine sozusagen passive; sie berichtete hauptsächlich darüber, wie sich die Völker, unter denen die Juden lebten, zu denselben verhielten; die Juden waren also die leidenden (in des Wortes doppelter Bedeutung), Träger der über sie von anderen verhängten Geschicke. Herzl hat der Geschichte der Juden eine grundstürzende Wendung gegeben: er lehrte die Juden selbst zu wollen, aktiv an dem Aufbau ihrer Zukunft zu arbeiten. Herzl war vor allem ein Genie des Willens, die Inkarnation des mächtigen, vor nichts zurückschreckenden Tatendranges. Als Initiator und Leiter der zionistischen Kongresse,

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