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Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 30 „bi* * W$lt Seite 21 feierlichen Würde vor der Öffentlichkeit vergass, herzwunder gemacht haben, als er sich so schon fühlte, mit Schuld an seinem vorzeitigen Ende gewesen sein. Es krachte wieder einmal bedenklich im zionistischen Bau, den. Dr. lierzl und die Seinen mit so viel Kunst aufgeführt hatten. Aber immer, seit den Tagen Mosis, hat dies Volk gegen seine Leiter gemurrt; immer sind seine Führer hingegangen, ehe sie das Land der Sehnsucht betreten konnten. An der Zukunft des Zionismus muss man darum nicht verzweifeln. Gerade in der Beschränkung, in der er nunmehr besteht, lüegt eine grosse Bürgschaft seiner Entwicklung und seines Gedeihens. Was die Millionen des Baron Hirsch nur mit sehr fraglichem Erfolge eingeleitet, das soll nun durch eigene Kraft und Anstrengung zu besserem Ende geführt werden: die Evakuierung des europäischen Ostens. Millionen leben da, zum allergrössten Teile im bittersten Elend, eingepfercht in ein riesenhaftes Ghetto und nicht einmal innerhalb seiner Umfriedung sicher vor Jeder Gewalttat: unfähig, ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, immer wieder auf den Talmud und seine spitzfindige Erforschung hingedrängt. Ihnen muss irgendwo ein Raum geschaffen werden, wo sie sesshaft werden, ihren Gesetzen leben und zeigen können, was sie unter günstigeren Verhältnissen vermöchten, als sie ihnen schon so lange verhängt sind; damit ihre stets wiederholten Wanderungen und Austreibungen nicht immer wieder den Unwillen breiter Volksmassen gegen ihre Brüder wachrufen, die im Westen heimisch geworden und zu einer höheren und freieren Gesittung gediehen sind. Noch ist diese Notwendigkeit den Mächtigen und Reichen nicht genügend klar geworden; wer soll sie ihnen ins Bewusstsein rufen, wenn Theodor Herzls Mund verstummt ist? Allerdings irn Alten Testament erstand immer im Augenblick der höchsten Gefahr dem Volke Gottes ein neuer Herzog. Wer wird sich nun erheben, die zerstreuten Stämme Israels zu sichten und ihnen den Weg zur Freiheit und ins gelobte Land zu weisen? Denn wahrhaftig — alles ist besser, als die Verhältnisse in den unermesslichen Gebieten des europäischen Ostens. Immer hat der Wiener Journalismus grosse Begabungen an sich gezogen. Nicht an Könnern, nicht an Männern von schöner Gesinnungstüchtigkeit hat es ihm jemals gefehlt, so arge Schatten sich daneben zeigten. Nach Reichtum und Fülle der Gaben muss Herzl an den Allerbesten gemessen werden, die hier jemals gewirkt haben und wird mit den besten Ehren bestehen; die Grösse seines Wollens aber hebt ihn weit über die Meisten und macht ihn zu einer kulturhistorisch wichtigen Erscheinung — Weltkind und Prophet, Plauderer und Verkünder neuer Heilslehren in einer Person und eines wie das andere aus innerlicher Notwendigkeit. Wie kam sein Tag von Damaskus und hat die eine Seite seines Wesens so wundersam gewandelt, die andere unberührt gelassen? Man steht vor Rätseln und ehrlich ergriffen an seinem frühen Grabe. .1. J. David. Die Egerer Zeitung schreibt in Nr. 8. Es ist sonderbar, dass die braven Menschen viel zu früh sterben müssen. Mitten aus ihrem Schäften und Streben reisst sie der unbarmherzige Tod, noch ehe sie ihr hehres Ziel erreicht haben. Wieder hat der Tod einen der biedersten Männer zum Opfer gewählt, den Dr. Theodor Herzl, Man muss ihn gesehen haben, diesen grossen Mann mit seiner prächtigen Erscheinung, mit dem feinen Assiererprofil und dem wohlwollenden Lächeln in den ernsten Zeiten. Von Beruf Feuilleton-Redakteur der „Neuen Freien Presse", in der er gar manches feine, zartfühlende Feuilleton veröffentlichte, war sein Sinnen und Streben der jungjüdischen Idee gewidmet, für die er seine ganze freie Zeit, sein schriftstellerisches Schaffen, sein Geld und seine Gesundheit opferte. Bei Jud und Christ gleich beliebt, war er der bescheidenste Mensch trotz seiner grossen Gedanken. Dabei war er der dankbarste Sohn, liebenswürdigste Gemahl und zärtlichste Vater. Man muss die schönen Worte lesen, die ihm seine Kollegen und Freutide nachrufen, man muss seine Werke lesen, man muss sich mit seinem Streben und dem hohen nationalen und idealen Ziele befassen, das er sich gesetzt, und man wird fühlen, welch eine Geistesgrösse mit ihm aus der Welt geschieden. Trotz seiner erst 44 Jahre war Dr. Theodor Herzl bereits seit Jahren der anerkannte Führer der zionistischen, d. h. jungjülischen Idee. Als solcher weilte er als kaiserlicher Gast beim Sultan, pprach persönlich mit dem deutschen Kaiser, pprach beim Papste vor und erhielt beim König von Italien Zutritt. Auch der Grossherzog von Baden hat sich sehr für ihn interessiert und stand seinen Ideen stets wohlwollend gegenüber. Dies beweist das Beileidstelegramm welches der Grossherzog an die Redaktion der „Presse" sandte. Mit imermesslichem Schmerze wurde die Nachricht von dem Tode dieses prächtigen Menschen empfunden. Am meisten fühlen dies wohl die russischen Juden, welche Dr. Herzl wie einen König verehrten. Erstarb leider allzufrüh an einem schweren Herzleiden, das er sich wohl durch seine uneigennützige Aufopferung für seine ideale Idee zugezogen hat. Seit 9 Jahren hat sich der Mann keinen Urlaub gegönnt, trotzdem er von der „Presse14 alljährlich einen solchen erhalten. Aber er benützte die Zeit, um mit massgebenden Persönlichkeiten zu konferieren, reiste bald nach Russland, bald nach London, und leitete ausserdem das grosse jüdische Parlament in Basel. Erst jetzt, total erschöpft urd krank, suchte er im Anfang des Monates Mai Heilung in Franzensbad. Er ging dort wohl nie über die Promenade, ohne dass sich alles na^h diesem geistreichen Kopf mit den feurigen kohlschwarzen Augen umgeblickt hätte. Selbst diejenigen, die ihn nicht kannten, blickten ihm nach, weil die Persönlichkeit ihnen auffiel. Recht bezeichnend für Dr. Herzls Bescheidenheit ist der Umstand, dass ersieh testamentarisch die ärmste Leiche ausbedang und Kranzspenden wie auch Grabreden verbat. Er blieb sich bis zum letzten Augenblicke treu als der schlichte einfache Charakter, der für sich nichts, für die Gesamtheit seiner Konnationalen aber alles anstrebt. Sein Geist überdauert das Grab, welchem nur der sterbliche Körper anvertraut ist. „Münchener Neueste Nachrichten*: Dr. Theodor Herzl, der am Sonntag in Edlach bei Wien an den Folgen einer Herzmuskelentzündung gestorben ist, war, wie man uns aus Wien schreibt, unstreitig eine der maikantesten und interessantesten Gestalten der Wiener literarischen Welt. -----Vielleicht lag aber in jenem Zurückgestossensein das erste psychologische Moment, das ihm auf die Wege des National-Judentums und des Zionismus brachte. In den zionistischen Kreisen nahm Dr. Theodor Herzl dank seiner hohen Begabung, dem unendlichen Eifer, mit dem er sich der Sache widmete, und dank der unbestrittenen Reinheit seiner Absichten bald eine führende Rolle ein. Sein Buch „Der Judenstaat" hat zwar, wie die ganze zionistische Richtung, im Judentum selbst vielen Widerspruch gefunden, trotzdem scharten sich aber die Zionisten um Dr. Herzl, der in den letzten Jahren auf den zionistischen Kongressen neben Max Nordau den Vorsitz führte. Der „Christliche Volksbote" in Basel schreibt: „In Wien starb am 3. Juli, erst 44jährig, der tatkräftige, feurige Führer des Zionismus Dr. Theodor Herzl. Herzl, eine wahrhaft schöne, männliche und gewinnende Erscheinung, war ein gewandter Journalist, der mit einer staunenswerten Belesenheit, scharfem Verstände und feinem Geiste begabt, vortrefflich zu schildern verstand. Seinen wichtigsten Posten füllte er aber als Haupt der zionistischen Bewegung aus. In dem Gewirr von Meinungen, bei den heftigen

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