Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 lfbi* # weit" Nr. 30 Chorus und öffentliche Meinung, gröhlen auf den Boulevards ihr Hohnlied: „Hei, dem Wirbel der Millionen, sind verdammt wir beizuwohnen." Den sicheren Takt, mit dem strenger Bericht, Raisonnement, Feuilleton in der lebendigsten Weise abwechselten, ganz besonders aber das Feuilleton, von den beiden Strassensängern habe ich immer al's einfach genial empfunden. Es hat sich auch in diesem Falle wie immer herausgestellt: für den Alltag und seine Bedürfnisse genügt der Berichterstatter, der sein Handwerk gelernt hat, sich Verbindungen zu schaffen und sie zu nützen weiss, der zuverlässig ist und Takt hat. Uebrigens schon eine ganz hübsche Liste wichtiger Eigenschaften und Gaben, die der moderne Journalismus als selbstverständlich bei denen voraussetzt, die ihm in wichtigen Dingen dienen wollen. Für grössere Aufgaben aber reicht das lange nicht. Da muss das Auge sicher und bestimmt Wesentliches und Unwesen tlii ch es scheiden: Symptome deuten, die gröbere11. Sinnen belanglos erscheinen: Zusammenhänge erkennen. Historischer Sinn für das Dauernde, dichterisches Verständnis für das unfassbar Entscheidende tun alsdann not. Herzls eigenste Begabung aber war reuilletonistisch. Er hat — sehr jung noch — allerdings gemeinsam mit Hugo Wittiiiani) einen sehr hübschen und nachhaltigen Burgtheatererfolg in „Wilddiebe" gewonnen. Er blieb ziemlich isoliert. Er hat sich mit „Solon in Lydien" auf das Gebiet des Gedanken- und Lehrdramas gewagt, rit „Das neue Ghetto" die Judenfrage auf die Bühne gebracht. Hier aber widerfuhren ihm 'leicht Geschmacklosigkeiten, ja Krassheiten, die eben ihm sonst ganz ferne waren. Ein innerlich feiner, kluger, etwas spöttischer Mensch, zum Zweifel geneigt, der handfest zugreifen und statt der gewohnten Arbeit Zimmermannswerk tun will. Der packt gern etwas gar zu derb an, damit er seine Kraft erweise, unterschätzt in seiner nur zu begründeten Missachtung das Publikum zu sehr, so dass er selber Schaden dabei nimmt. Es ist überhaupt Eines zu bemerken. Beim Feuiiletonisten gewöhnlichen Stils und Wuchses hat man vor seinen Arbeiten das Gefühl, man sehe Seifenblasen machen. Das ist ganz hübsch und ergötzlich, hat man aber das Blatt hinter sich, alsdann ist man endgiitig damit fertig. Andere tun Glasbläserwerk. Gleiche Technik, aber in einem viel kostbareren und schwieriger zu behandelnden Material, das nur zerbrechlich, aber keineswegs an sich vergänglich ist. Man geniesst sie mit einem leisen Bedauern, dass ihnen nicht Dauer vergönnt sein soll. Denn feine Betrachtungen die Fülle; bei Hugo Wittmann, dessen man hier immer zuerst denken muss. eine grosse und ehrliche Wärme des Herzens, eine persönliche, suggestive Note, die einen für den Augenblick mindestens völlig gefangen nimmt. Nur liebt Herzl das Spiel mit weiteren Perspektiven; er ist grüblerischer, mehr zur Verneinung geneigt; ein schlimmer Zweifler, der sich an die Kindesseele klammert, damit er nicht ganz ohne Halt sei auf dieser Erde. Ein dünnes Fädchen: wer aber ein Kind sein nennt, nichts verbindet so mit der Welt, wie dieser letzte unzerbrechliche Ring, den der schlaue Kerkermeister Leben der Kette einfügt, damit die ihm Verfallenen ans Sein gefesselt sind, sie verlängernd um ein Endchen und unzerbrechlich machend, wenn er besorgt, man könnt' sich gewaltsam vor ihm flüchten wollen. Unter Herzls Kinderfeuilletons sind lückenlose Meisterstücke der Liebevollsten Beobachtung und Lrzählungskunst. Er war ein feiner Stilist. Immer war in seiner Sprache Anmut, Glanz und Fülle. Man hatte immer das behagliche Gefühl, jemanden schaffen zu sehen, der seiner Kunstmittel vollkommen sicher ist und sie mit jener spielerischen Leichtigkeit gebraucht, die so mühelos erscheint und dennoch ganz eigene Anlagen und das ernsteste Wollen bei ihrer Entwicklung voraussetzt. Es sind lyrische Partien von höchster Schönheit in seinen Feuilletons; die Poesie der wenigen Natur, die sich in der Stadt erhalten hat, etwa des Schwarzenberggartens, der Schülerliebe, die von nahen und drängenden Prüfungsschmerzen überschattet wird, drückt er rein und dichterisch aus. Er liebt bizarre Ausgangspunkte, was aber aus ihnen fliesst, ist mit einer strengen Logik und mit wahrem und reichem Geist entwickelt und durchgeführt. Er steht geistig frei und hoch genug, sich dorthin stellen zu dürfen, wohin es ihm beliebt: und missfällt einem die Sache, die er verficht — man vergisst nur zu gerne, dass es eine reine und durchaus ästhetische Freude ist, einen Meister in Schirm und Hieb gleich ihm die Klinge führen zu sehen. Er wird niemals leer oder platt; es ist ein Glitzern und Flirren über seiner Sprache, das manchmal nicht ohne Absicht blendet; aber eine Trivialität ist ihm niemals widerfahren, trotz der Hast, mit der auch er oftmals arbeiten musste, niemals eine Sprachwidrigkeit. Er hatte sich an französischen Mustern gebildet, wie alle grossen Feuiiletonisten vor ihm und wie jeder nach ihm zur gleichen Schule wird gehen müssen, der gleiche Pfade wandeln will. Aus gutem Recht war er höchst persönlich. Ein Gallizismus ist aber bei ihm nicht einmal in der Geschmacksrichtung nachzuweisen und über die ihm gemässe Kunstform hat er vollkommen souverän geboten. Er war wohlwollend und fördersam, bei aller Kühle eines Menschen, in dem die Erwägung herrschte und ein immer reger Verstand Wache hielt. Ein starker und opferwilliger Idealismus lebte in ihm und er hat, neben der harten Arbeit des Berufes, Jahre seines Lebens mit zäher Rastlosigkeit an eine grosse und merkwürdige Autgabe gewendet. Der kaum jemals am eigenen Leibe den Jammer seines Volkes erfahren, der fühlte sich davon in tiefster Seele bewegt. Wie er äusserüc.h den adeligen, semitischen Typus darstellte, so hatte er innerliicli die Fähigkeit unbedingter Hingabe an eine Idee, die oft genug schon im Judentum aufflammte. Sein Büchlein „Der Judenstaat" hat ein grosses Aufsehen erregt: eine Bewegung ist daran aufgeglommen, die nach Ausdehnung und Heftigkeit vielleicht seit den Tagen des Sabbatai Zewy im Judentum ohne gleichen ist. Verbände sind geschaffen worden und umspannen die ganze Welt; Kongresse wurden einberufen und tagten unter seinem Vorsitze, ar denen Delegierte aus aller Herren Länder teilnahmen, in denen zum Ewig-Einzigen gebetet wird. Es muss manchmal, ganz besonders in den Anfängen, eine ähnliche Stimmung gewaltet haben, wie auf dem Konzil! von Clermont, da eine Idee die Anwesenden ergriff und mit religiösen Extasen füllte. Nur treten die Ideen heute nicht mehr so elementar in Wirksamkeit wie einstmals. Immerhin hat sich Erstaunliches begeben: Männer, die man innerlich längst dem Abendlande völlig zugewendet glaubte, fühlten sich erfasst und mitgerissen von der Gewalt des Stromes, der sich wiederum nach Osten kehren wollte. Aus den Beiträgen der Armen und Aermsten sind grosse Summen für alle möglichen Zwecke gesammelt worden, eine Bank mit einem sehr ansehnlichen Aktienkapital ward geschaffen, deren Teilhaber wiederum zum grössten Teile die Mühseligen und Bedürftigen, waren. Spott und Verdächtigung waren anfangs jedem Schritte Dr. Herzls und der Seinen gefolgt; sie haben ihn nicht beirrt, noch verstummen gemacht. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, wies dieser Wiener Journalist ohne alle offizielle Stütze, nur getragen vom Vertrauen und der unerhörten Anbetung Hunderttausender, mit Papst und Sultan und englischen Ministerien verhandelte; hier fast ein König, dort, seinem Blatte gegenüber, der getreue und gewissenhafte Mitarbeiter. Merkwürdig und sicherlich beispiellos und schon durch die hohe Ethik seiner Bemühungen und ihre Uneigennützigkeit hinausragend über das Werk Henry Mac Stanleys. Der frühe Tod Herzls muss ein schwerer Schlag für de* Zionismus sein. Der Führer ist verschwunden und wird nicht leicht zu ersetzen sein. Ohnedies hatte man sich nähere Ziele setzen müssen. Der Erwerb von Palästina war als für eine auch fernere Zukunft aussichtslos vertagt worden; gerade an der Möglichkeit eines Besitzes der heiligen Stätten, dahin so viele von ihnen walfahren, um mindestens dort zu sterben, hatte sich die Phantasie der Volksgenossen aus dem Osten entzündet, und näheren Zielen brachten sie wenig Begeisterung entgegen. Es erhoben sich neue und bösartige Angriffe gegen ihn. Sie mögen den Mann, der sich immer beherrschte und niemals, so sehr er einen guten Schwank liebte, seiner fast