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Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
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Nr. 30 „bU> # W^!t Seite 19 und Nichtmitglieder ein. Die Feier war eine erhebende und eindrucksvolle. Unser stellvertretender Vorsitzender Herr J. Fischbein jun. et öff iete dieselbe. Unser Kantor Herr Mehrgut sang einen Psalm. Herr E. Schragenheira hielt einen Prolog. Dann nahm unser Rabbiner Herr Dr. Rosenak das Wort. In einer zu Herzen gehenden Rede schilderte er unseren grossen verewigten Führer Dr. H^rzl als Juden. Wie der Tempel in Jerusalem, so war auch Dr. Herzl der Anziehungspui kt für viele hunderte und tausende des Judentums. Kaum war ein Mann erstanden, der kraft seiner genialen Fähigkeiten, seines imponierenden Wesens wie kein zweiter geeignet erschien, tatsächlich eine Führerrolle unter den modernen Juden zu erlangen, da kam auch schon der unbarmherzige Tod und knickte diesen starken Mann, die junge aber kräftige Eiche. Wer vorurteilsfrei denkt und ehrlich ist in seinem Urteil, der muss, ob er Anhänger der zionistischen L1ee ist oder nicht, vor dem Bilde Theodor Herzl mit Bewunderung und Hochachtung, ja mit Verehrung stehen. Denn eins ist, trotz aller Bedenken, die man gegen den Zionismus, sei es vom Standpunkt der Religion oder der Politik haben mag, doch nicht wegzudisputieren: Dr. Herzl hat es verstanden, die ganze zivilisierte Welt für die Not und das Elend seiner Glaubensbrüder zu interessieren. Mit aller Eiit*cbiedenbeit; müsse si< h jeder sittlichfühlende Mensch g^gen den von mancher Seite erhobenen Vorwurf wenden, Herzl habe zum Teil aus egoistischen Gründen an dem zionistischen Werke gearbeitet. Nein, das grosse Mitleid war es in erster und letzter Reihe, was ihn dazu antrieb. Dann nahm Gg. Herr Bernhard Fischbein aus Hannover das Wort. Er zeigte uns unseren grossen Führer als Zionisten. Arbeitsfr^udig wie er, mögen alle Stammesbrüder mitarbeiten, das grosse Werk zu erreiche«, dann wird unseres grossen Herzls Geist weiter leben. Mit einem Gesang unseres Kantors schloss die eindrucksvolle Feier. M. F. Leeds. Die Nachricht vom Tode Dr. Herzls hat hier einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Die Trauer der gesamten jüdischen Bevölkerung ist grenzenlos. Am letzten Abend der „Schivah'-Tage hielt Herr Rabbiner Israel H. Daiches im B^th Hamedresh Hagodeleinen Hesped auf den grossen Toten. In anderhalbstündiger Rede erklärte Redner das einzigartige Wesen Herzls und dessen hervorragende Bedeutung für das jüdische Volk, das seit Jahrhunderteneinen solchen Mannnicht gehabt hätte undschilderte mit ergreifenden, ins Herz dringenden Worten den unersetzlichen Verlust, den wir durch seinen vorzeitigen Tod erlitten haben. Redner und Versammlung weinten bitterlich. Während einer kurzen Pause trug der Kantor, Rev. H. Macht, das Haskarah-Gebet vor. Dann fuhr der Rabbiner fort und hob hervor, dass es die unerlässliche Pflicht des jüdischen Volkes wäre, zum Andenken an den grossen Führer ein Zionsdenkmal zu errichten durch Schaffung einer Kolonie im heiligen Lande auf den Namen Herzls. Redner schloss mit einem Appell an die Versammlung, das Werk der Erlösung, das grösste, das je ein Mann in unserem Exil für unser Volk unternommen hat, fortzusetzen und in Eintracht und Frieden unaufhörlich für die heilige Sache Zions zu arbeiten. H. Wolf, Schriftführer. An unsere Leser! Die Nummern 28 und 29 wurden in mehrfach vergrösserter Auflage gedruckt. Gleichwohl steht uns nur mehr ein kleiner Vorrat zur Verfügung. Bestellungen wollen daher sofort gemacht werden, da wir sonst eventuell nicht imstande sind, Aufträgen nachzukommen. Die Administration, Zeitungsstimmen. Die Wiener Wochen-„Zeit" vom 9. Juli bringt folgenden Artikel über Dr. Herzl: Man vergass seiner nicht mehr leicht, war man ihm einmal irgendwo begegnet. Exotisch-bedeutsam, etwa wie ein Scheik der Beduinen, erschien er von Anbeginn, da er damals, wie die ganze Begabung jener Zeit in der Studentenschaft, ein Deutschnationaler im „Cafe Aula" — seligen Angedenkens und ganz nahe der alten Universität — sich bewegte. Es waren erregte Tage, Sie brachten uns Ereignisse, an denen die jungen Gemüter sich tüchtig erhitzten, die leidenschaftlich erörtert wurden. Es war nicht leicht, sich bemerklich zu machen, seine Geltung zu gewinnen und zu behaupten. Theodor Herzl ist es geglückt. Denn damals schon machte er den Eindruck einer geschlossenen Persönlichkeit und eines Mannes. Er war etwas über mittelgross; schlank und kräftig gebaut. Ein sehr dunkler Teint, schwarzer, dichter und wohlgepflegter Bart, dann die Fülle schwarzen Haares. Merkwürdige, tiefbraune Augen, voll eines gewissen Hochmutes, voll bewusster Fragen, denen man den Blick hinter die Dinge und bis in ihr eigentliches Wesen zutraute. Eine gewisse Eleganz der Erscheinung wrar ihm Bedürfnis, wie eine gewisse Pose, die an ihm niemand bespöttelte. Denn sie gehörte zu ihm. Es kannten ihn alle und hatten eine starke Meinung von ihm, ohne dass einer ihm eigentlich näher gestanden wäre. Er studierte fleissig und besass ein tüchtiges und weitverzweigtes Wissen, eine grosse Belesenheit, einen bestimmten Geschmack. So war er zum Beispiel der erste, der eines Heinrich Leutholds Lyrik nach ihrer Bedeutsamkeit begriff und pries; oder, von allen Novellen Theodor Storms stand ihm des Dichters ,,Ein grünes Blatt'4 am höchsten, seine kleinste, schlichteste Erzählung, die nach Innigkeit und Zartheit der Empfindung allerdings ganz unvergleichlich ist. Er hat sehr ernst und sehr zielbewusst an sich gearbeitet. Seine Versuche verbarg er, so dass nichts Unfertiges von ihm zutage trat. So erregte denn schon sein erstes Feuilleton ein grosses Aufsehen in jenen Kreisen. Es hiess „Üa/fe Birkenreis \ wenn ich nicht irre, erschien es in der „Allgemeinen Zeitung'1 und hielt eine Cafe Aula-Stimmung mit einer erstaunlichen Sicherheit, selbst mit einer gewissen Grausamkeit fest. Den Mann, der das geschrieben hatte, konnte man nicht mehr übersehen in einer Stadt, in der das Feuilleton immer geblüht und starke, ja stärkste Talente in seinen Dienst gezogen hatte. So übernahm, er denn bald, hernach das Feuilleton desselben Blattes, bei dem er debütiert. Er ging hernach für die ..Neue Freie Presse" nach Paris; als ihr Feuilleton-Redakteur ist ^r nun, wenig über viernndvierzig Jahre alt, vor der Zeit gestorben. Was er in Paris vollbracht, ist zum Teil in seinem Buche ,,Aus dem Palais Bourbon" niedergelegt. Er kam in eine bewegte Zeit, voll stürmischer und trauriger Gärungen. Das Ende Grevys hat er mitgesehen, den Versuch des unseligen Wilson, wieder einen Platz in der Kammer zu gewinnen. Das Feuilleton, das ihn, den weiland Schwiegersohn, den. Schwiegersohn der Republik, als eine arme, vom Regen durchnässte Fledermaus symbolisiert, die sich fürchtet, vom trockenen Plätzchen, das sie kaum mühsam gewonnen, wieder hinweggescheucht zu werden, ist ein Meisterstück harter, wahrhaftiger und dennoch erbarmender Psychologie. Mitten im Gottesgarten Frankreichs sah er sich plötzlich den Höllensumpf Panama auftun, drohend, die ganze dritte Republik zu verschlingen. Seine Berichte aus jener Zeit veralten nicht; und wer die Begebenheiten jener Tage studieren will, der kann nicht ohne sie sein. Sie sind von einer wunderbaren Klarheit und Anschaulichkeit und durch die vollendete Form allein der Vergänglichkeit entrückt. Die in ihrem Innersten aufgewühlte Weltstadt selber lässt er zu Worte kommen; zwei Camelots,

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