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Die Welt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bi* £ W^lt" Nr. 30 in die erste Versammlung brachten. Seit damals trübte nie auch nur der Schatten eines "Unbehagens die Verehrung der Verbindungen zu ihrem Führer. Es ist erstaunlich, welche grosse Geduld er mit allen Schwächen der Studenten hatte, wie er ihrem Eitelkeilsgefühl entgegenkam und sorgfältig alles vermied, wo er glaubte, in einem ererbten studentischen Brauch, einer längeren Tradition anzustossen. Sein Verhältnis zu den Verbindungen war schon deshalb ein ganz individuelles, persönliches, weil er bei allen Ehrenbursch war und das war er nicht nur de nomine. Jede Kleinigkeit, welche die Verbindungen beschäftigte, hatte für ihn Interesse, und jeden Studenten, der sich ihm einmal vorgestellt hatte, kannte er mit Namen. Und wie verlangte man darnach, Herzl zu sehen und ihm vorgestellt zu werden! Ich kenne einen Studenten, der als junger Fuchs stundenlang im strömenden Begen vor dem Tore des Kongressbureaus wartete, um Herzl zu sehen; und als Herzl richtig erschien und er auf den verehrungsvollen Gruss des jungen Menschen damit antwortete, dass er auf ihn zuging, ihm die Hand schüttelte und ihn sofort mit dem Namen seiner Verbindung ansprach (er hatte das Band erkannt), da hatte sein Glück keine Grenzen. Und so war Herzl stets, voll Liebenswürdigkeit, voll schönster Herablassung, als ob es immer seinesgleichen wären, mit denen er sprach. Dieses Entgegenkommen bewirkte es auch, dass man in seiner Nähe sehr bald der Aufregung Herr wurde, die sich auch des ältesten, kampfgerüsteten Burschen bemächtigte, wenn er zu Herzl kam. Und nichts war häufiger, nichts selbstverständlicher und natürlicher, als „zu Herzl zu gehen". In den kleinsten und grössten Sachen musste er befragt werde1!). Wenn man aber bei ihm sass, da hatte er eine einzige Art zuzuhören und wollte immer noch mehr hören, so dass man unwillkürlich mehr sagte, als man sich vorgenommen hatte. Das war ülyerhaupt mit eine seiner schönsten Eigenschaften, wie sie nur selten einem Manne in diesem Hasse gegeben ist, das Zuhören. Da sass er, den Kopf etwas nach vorne gebeugt und auf den linken Arm gestützt und horchte mit einer Aufmerksamkeit, als ob es sich immer um die wichtigsten Fragen gehandelt hätte. Selten, dass er sein Gegenüber unterbrach und ein Wort dazwischen warf, er nickte nur mit dem Kopfe, doch seine Augen sprachen eine beredte Spraehe. die Sprache des guten, teilnehmenden Herzens. — Und niemals entliess er einen, ohne wenigstens ein liebes Wort zum Abschied gesagt zu haben. Im Kaffeehaus aber, oft schon vor Herzl s Wohnung, warteten die Couleurhrüdor auf den Glücklichen, der strahlend den Verlauf seines Besuches, Ilerzls Antwort erzählte, immer wieder erzählen musste, bis ihn alle gehört hatten. Da gab es keine Bemerkung, kein Wort des Widerspruches, selbst dann, wenn man anderer Meinung gewesen war: Herzl hatte es gesagt und so blieb es. In den letzten Jahren war der persönliche Verkehr Tferzls mit den Studenten ein geringerer, weil er von den grossen politisch-zionistischen Fragen ganz in Anspruch genommen war. Er konnte auch nicht mehr zu den Studentenkommersen kommen. Nichtsdestoweniger vergass man bei keinem Kommers und bei keiner Kneipe auf ihn. Ein Toast und eine Karte an ihn war selbstverständlich. Und da kam es nie vor, dass er eine solche Karte unbeantwortet liess. Wie er in allem der genaueste und gewissenhafteste Mensch war, so auch in diesen Formsachen. Die Antwort enthielt immer ein liebenswürdiges Wort und begann stets in dem gleichen herzliehen Ton: „Liebe Bundesbrüder, ich danke Euch für Euere Aufmerksamkeit . . . " — Den grössten Schmerz bereiteten ihm seine Studenten, wenn sie sich nicht vertrugen und das war leider oft der Fall. Da hatte er Streitigkeiten zu schlichten, Frieden zu stiften und in ebenso energischer wie liebenswürdiger Weise verhinderte er jeden zu weit gehenden, folgereichen Streit unter den Verbindungen. Und selbst in den heikelsten Ehrenfragen unterwarf sich der Couleurstudent, auch wenn es gegen den Kodex ging — und das will viel heissen. Im übrigen hielt Herzl aber, wie er seihst anlässlich eines bestimmten Falles erklärte, unter den heutigen Zuständen die Mensur, das studentische Duell der Couleurs für eine unbedingte Notwendigkeit und wünschte nur immer, dass alle Studenten auf eine Beleidigung ihrer Person oder des Judentums Genugtuung mit den Waffen verlangten. Denn nur zu leicht, meinte er, würden unsere Gegner eine Verweigerung des Duells uns als eine Feigheit auslegen. So würdigte er auch die historische Entwicklung, die den Verbindungen den Säbel in die Hand gedrückt hatte. Als nächstes Ziel wies er den Studenten die grosse Aufgabe der Mittelschülererziehung in zionistischem Geiste zu. So erlahmte auch in diesem Punkte sein Interesse nicht. Als Präses des Verbandes der Wiener Verbindungen hatte ich in diesem .Jahre des öfteren das Glück, von Herzl empfangen zu werden. Die letzte Unterredung war Ende März, damals, als an der Wiener Universität die Deutschen gegen die Tschechen losgingen, wegen der angeblichen Behinderung nationaler Betätigung der deutschen Studenten in Prag. Es lag die Gefahr nahe, dass wir Jüdisch-Nationale in den Kampf hineingezogen werden könnten. Und so kam der Plan auf, analog den andersnationalen Studenten, wie den Italienern, eine Neutralitätserklärung in den Zeitungen zu veröffentlichen. Der Plan nahm festere Gestalt an und die "Resolution war bereits fertig gestellt, es fehlte nur noch TTerzls Zustimmung. Ich ersuchte ihn um eine. Unterredung und umgehend erhielt ich die Antwort, dass er mich noch denselben Tag in der "Redaktion der ..N. F. Presse" erwarte. Nachdem ich in längerer Bede ihm die Absicht der Verbindungen vorgetragen hatte, erwartete ich seine zustimmende Antwort. Doch Herzl war nicht für die Kundgebung, er riet ab — und sie unterblieb. Die Leute in den Verbindungen waren zwar betrübt, sie hätten gerne ein Heraustreten aus unserer Zurüekgezogenheit in dieser Angelegenheit gewünscht. Doch schon die unmittelbare Zukunft zeigte, dass auch hier Herzls "Rat der beste war. An jenem Tage sprachen wir noch über Charkow, über einen Mittelschülerkommers, der damals gerade stattfand. Und Herzl freute sich schon auf das nächste Jahr, wo auch sein Hans in Eeih und Glied mit den anderen Mittelschülern stehen würde — und sein Gesicht strahlte von der edelsten, reinsten Liebe, Vaterliebe und Vaterfreude. Nach zwei Stunden entliess er mich mit einem Gruss an die Studenten. — Das war das letzte Mal, dass wir Studenten seinen Bat empfangen konnten. Ja, noch einmal, anfangs Mai, überbrachte mir der Sekretär des Kongrossbureaus einen Wunsch Ilerzls, an dessen Erfüllung nur die gesamte Studentenschaft mitwirken kann. Ich trage kein Bedenken, ihn hier mitzuteilen. H e r z 1 w ü n s c h t e, d a s s d i e S t u d e n t e n v e r b i nd u n g e n und S t u d e n t e n vereine sie h i n f r i e d 1 i c h e r, f r e u n d s c h a f 11 i c h e r A r b e i t z u s a m m e ntun m ö g e u. Tch bin gewiss, weder von der einen Seite der Nachgiebigkeit, noch von der anderen Seite — sagen wir — des Selbstbewusstseins geziehen zu werden, wenn ich heute der Erfüllung dieses Wunsches unseres Herzl das Wort rede. Die Einigkeit kann und muss zustande kommen, wenn nicht anders, so über den Köpfen einiger Hetzer und Schreier hin wog. Es ist der letzte Wunsch unseres grossen Führers an uns. den wir damit erfüllen. „Und gewiss, dass er uns alle gleich geliebt . . . " . 0 skar Frank!

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