Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bie # weit" Nr. 30 für die Wiederbelebung dieser Erde solche Opfer zu bringen, wie das jüdische Volk. Es wird uns niemand zuvorkommen, es wird uns das niemand wegnehmen, weil niemand die hingebungsvolle Menschenkraft aufbringen kann, vom Gelde ganz zu geschweigen, wie die Juden. Bei den Juden in ihrer jetzigen Lage findet sich die politische Machtlosigkeit, die sie als ungefährlichsten Bewerber erscheinen lässt, mit der notwendigen wirtschaftlichen Macht vereinigt. Wir haben die Frage hoch aufgerollt, und sie fliegt auch schon über die Köpfe der Menschen. Wir sind voll guten Mutes und fester Zuversicht. Und man wird begreifen, dass wir dazu genug Ursache haben, da es uns gelungen ist, das Interesse zweier Herrscher für unsere gerechte Sache zu erwecken. Und sage oder glaube niemand, dass diese Grossen dabei etwas Unfreundliches im Sinne führen. Die öde Selbstbespöttelung mancher Juden, durch die wir alle in Verruf kommen, kann ja auch für eine solche Teilnahme die hämische Erklärung finden: Sie wollen uns los haben! Aber in Wirklichkeit liegt die grossmütigste Absicht vor, Kultur zu verbreiten, unglückliehen, umherirrenden Menschenmassen eine Heimstätte zu schaffen, Wohlfahrt in eine verwahrloste Gegend zu bringen, und durch' all dies den Besitzstand der Menschheit an Glück und Gesittung ein wenig zu vermehren. So ist die Teilnahme gemeint und so haben wir sie dankbarst verstanden. Dr. Theodor Herzl. Nach seinem Tode. Zagreb (Agram), 28. Thamuz 5664. Wenige Tage sind es erst, dass er mit einem letzten Seufzer seine edle Seele aushauchte — mir deucht es, als wären zumindest so viel Monate seit dem Eintreffen dieser Schreckensnachricht verflossen, so sehr, so viel stürmten die verschiedenen Eindrücke auf uns ein. Und trotzdem ist die lähmende Erschütterung noch nicht gebannt, die. damals, als das Telephon und der Telegraph in wenigen Worten die Trauerbotschaft brachten, alle Gliedmassen, das ganze Denkungsvermögen erschlaffen Hess und nur in dem einen Hufe Ausdruck finden konnte: ,,Was wird jetzt geschehen?" Für uns, die wir entfernt vom Zentrum in der Bewegung mitarbeiteten, war der Name und das Wesen Dr. Theodor H e r z 1 s so innig, so unlösbar mit dem Zionismus, mit den Kongressen und den anderen ISTationalInstitutionen verknüpft, dass uns ein Wirken derselben ohne seine Führung, seine Tatkraft undenkbar schien. Wohl waren schon früher beunruhigende Nachrichten über Herzls Gesundheit zu uns gelangt, aber wir hielten alle die zionistische Bewegung als so begründet, so siegessicher, dass wir alle es als ein Vergehen gegen die ewigen logischen Gesetze der Weltordnung betrachtet hätten, dem Gedanken "Raum zu gehen, dass er uns entrissen werden, der Zionismus ohne seine Führung bleiben könnte. Und nun ist es trotzdem geschehen, ein höherer Wille hat Theodor Herzl aus dem irdischen Leben abberufen und an dem frischen Grabe stehen wir und fragen : ..Was geschieht nach seinem Tode?" Dr. Theodor Herzl. der noch zu seinen Lebzeiten für jedes Bedürfnis und jede Frage des jüdischen Volkes eine Lösung fand, hat uns selbst hierauf Antwort gegeben: „Ich wünsche in der Gruft hei meinem Yater beigesetzt zu werden und dort zu liegen, bis das jüdische Volk meine Leiche nach Palästina überführt." Xicht „wenn" und „ob", sondern ..bis" wir ihn in das Land der Väter bringen, ist die letzte Botschaft, die uns der Führer gelassen und er schied mit dem vollen Vertrauen, dass auch ohne ihn die Bewegung fortgesetzt und das Ziel erreicht werden wird. „Der Zionismus ohne Herzl", es ist undenkbar und doch muss es sein, denn er hat es als letzten Willen hinterlassen, befohlen, jedem einzelnen von uns, dem ganzen jüdischen Volke. Haben wir ihn verehrt, haben wir ihn geliebt und auf seine Worte gelauscht, so muss jeder von uns seinen Willen, das Ziel des Zionismus, ausführen! Keine Minute darf in der A r b e i t ausgesetzt werden, aber u n - e n d 1 i c h m ehr muss jederleisten alsbisher, d e n n früher hatten wir ja Herzl, der für alle sorgte und schaffte und heute ist er nimmer, heute sind wir alle verwaist. Drum arbeiten wir, arbeiten wir unermüdlich, denn wir müssen einst in jenen, lichten Höhen dem Führer Bechenschaft ablegen, ob wir sein letztes Wort gehört und ausgeführt, ob wir ihm und der Lehre gegenüber unsere Pflicht erfüllt haben. Wenige Tage sind seit seinem Tode verflossen, und ich lege für diese Zeit Bericht ab; und tat ich auch nicht alles, ich wollte für Herzls Andenken alles tun, was ich tun konnte. Kroatiens Hauptstadt zählt 4000 Juden und doch gab es bisher keinen Zionismus, keinen zionistischen Verein. Wohl waren es vereinzelte Studenten, welche dem Zionismus treu anhingen, wohl hatten wir schon vor sechs Jahren einen Verein der Mittelschüler gegründet, aber Zionismus war dies noch nicht. Und selbst als heuer die Schekelsteuer zum ersten male ein gehoben wurde, wie still, wie langsam, wie scheu war dies. Alle, die wir ausserhalb der Heimatsstadt zionistischen Vereinen angehörten, mitten in der Bewegung drinnen waren, waren wie von einer höheren Macht verhindert, hier die Bewegung anzufachen. War es Furcht vor den ungeheuren Schwierigkeiten der herrschenden jüdischen Indolenz oder etwa gar vor dem sinnlosen Geschrei einzelner Gegner, der Zionismus hindere die kroatische Vaterlandsliebe, der Zionismus sei unpatriotisch? Da starb Dr. Theodor Herzl und jetzt gab es keine Sehranken, kein Hindernis mehr für die Bewegung. Jene Zagreber Juden, welche noch nie die geringste Gabe für den jüdischen National fonds gestiftet, hatten in wenigen Stunden, bevor noch seine sterblichen Ueberreste das grüne steirische Gebirge verlassen, Theodor Herzls Andenken im goldenen Buche verewigt. Am anderen Tage war die Versammlung der jüdischen Hochschüler an der kroatischen Universität — wenige Monate früher waren noch bei der Purimfeier die „israelitischen Kroaten" in der Majorität — und einstimmig beschlossen alle die Ehrung Herzls in jeder möglichen Weise und die Veranstaltung einer grossen Trauerfeier. Sonntags vormittags fand die Trauerfeier der jüdischen Hochschüler statt, und viele hundert Menschen füllten den grossen Saal im jüdischen Gemeindehause, die Gemeindevorstehung, die ganze akademische Jugend, alles, was noch Sinn fürs Judentum hat. Und im selben Saale, in welchem bei der Sitzung des isr. literarischen Vereines vor vier Monaten der Vizepräsident andere jüdische Tendenzen für ausgeschlossen erklärte, schloss heute die Tendenzrede auf Dr. Theodor Herzl unter tosendem Beifall mit den Worten, mit denen der Führer seine letzte Botschaft am Kongresse schloss: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Bechte." — Aber Herzls Geist wirkt noch weiter unter uns. In wenigen Tagen sammeln sich seine Jünger, um den „Zionistischen Verein Zagreb" zu gründen und immer weiter soll die Bewegung gehen, in alle Orte und Dörfer, wo Juden wohnen und ehe noch der Schnee auf Herzls Grab schmilzt, soll und wird sich das kroatisch-slavonische Distriktskomitee konstituiert haben. Zagreb liegt auf dem Wege, auf dem einst die Leiche Herzls nach Zion ziehen wird und dann wird schon längst auf der Synagoge und auf allen Judenhäusern die blau-weisse Fahne mit den sieben goldenen Sternen flattern, wo man sie am Begräbnistage Herzls vergeblich gesucht hat.