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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 23

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Seite U „bi? fr Welt" Nr. 29 Und Dr. Herzl hat Wunder vollbracht. Innerhalb sechs oder sieben Jahre seit den Anfängen des Zionismus hat sich den Juden eine neue Welt geöff let. Ein neuer Geist der Unabhängigkeit, ein Wunsch nach Selbsthilfe wurde den Millionen eingeflössi Ihr Leben war mit neuem Streben und neuem Hoffen erfüllt. Wie einst Moses, stirbt Dr. Herzl auf dem Berge, das geliebte Land überschauend, denn er hat den Grund gelegt, denn er hat die Bahn gezeigt .... Herzl ist nicht gestorben. Niemand kann uns davon überzeugen. Nur seine sterbliche Hülle ist entschwunden. Er, der Führer des Zionismus, lebt für immer in der dankbaren Erinnerung seines Volkes." . . . . Das hebr. Wochenblatt „HaJehoody" (London): Ein Fürst in Israel, die Seele der Nation ist verschieden. Es versagt die Kraft zum Weinen, vertrocknet ist die Quelle unserer Tränen. Betäubt, bestürzt sind wir von der plötzlichen Nachricht seines Todes, obwohl wir wussten, dass er schwer krank sei, wir ahnten nicht, dass das Unglück so nahe sei. Der Leben gab einer ganzen Nation, er hat selbst zu leben aufgehört. Welcher Schmerz, welche Trauer! Das Beste, was Israel besass, wird nun begraben. Nicht bloss sich selbst und seiner Familie starb er, sondern den Millionen seiner Brüder, die in ihm einen Helfer und Befreier gesehen . . , Unser polnisches Bruderorgan „Wschöd", Lemberg, widmet seine ganze vorwöchentliche Nummer der Würdigung Herzl s. Nebst einem redaktionellen Artikel unter dem Titel: „H erzl lebt nicht mehr!" enthält die Nummer einen gleichnamigen rührenden Artikel von Dr. David Malz, den wir seiner Form und seines ergreifenden Inhaltes wegen vollinhaltlich wiedergeben werden. Es folgen dann ein zweiter Artikel mit der Ueberschrift: „The od or Herzl", ein Auszug aus dem „Judenstaat", der sich mi* dem Vorhandensein der jüdischen Nation beschäftigt und deren Leiden schildert, die Schilderung einer Gemeindesitzung in Neudorf aus Herzls „ A 11 n e u 1 a n du, ein Feuilleton von Adolf Stand, in dem er Herzl als „den Brecher des Ghetto" würdigt. Die Chronik bringt eine grosse Anzahl von Berichten aus Gaiizien über den Eindruck, den die Nachricht von Herzls Ableben hervorrief und über Andachts- und Trauerkundgebungen, die allerorten veranstaltet wurden. Die polnische Presse sowohl Galiziens als Russischpolens brachte teils grössere teils kürzere Berichte über das Hinscheiden Dr. Herzls. Sie würdigten die Persönlichkeit uod die Tätigkeit des Zionistenführers Herzl, so „Goniec" und „Kurier poranny" (Warschau), „Dziennik polski" (Lemberg); nur das Lemberger Kahal-Blatt „Slowo polski ea konnte es nicht unterlassen, sich bei seinen jüdisch-assimilatorischen Gönnern durch hämische Bemeikungen über den „König der Zionisten" beliebt zu machen. Es findet sogar in der allgemeinen Trauer, die sich derjuaen der Stadt Stryj bemächtigte, eine Gefahr für das Polentum und bedauert, dass sich niemand rühre, um di& fremden Elemente in die Schranken zu weisen. Das h^br. Tagblatt „Hazefirah", Warschau, schreibt in Nr. 144: „Ein Meteor flog an unserem Himmel vorüber, das uns sieben Jahre leuchtete. Es ist nun wieder finstere Nacht geworden. LTnd wir stehen ratlos da, wir stehen und weinen. Es weine das V7olk, es klage und jammere, denn gross ist das Unglück. Wir dürfen nicht weinen. Wir sind Diener des Volkes. Wenn man uns fragt: „Was soll nun geschehen?tf müssen wir weiter aufrecht im Dienste beharren, selbst wenn unser Herz vor Schmerz zusammenbricht. Brüder, wie sollen wir euch trösten? Sollen wir euch versichern, dass wir bald einen Mann wie Herzl finden werden? Wir können es nicht sagen, da wir auch iin Trösten nicht lüpen wollen. Sollen wir euch sagen, dass Herzl sein Werk vollendet hat? Nein, er hat es bloss begonnen. Wir können nur das sagen: Das jüdische Volk ist an Leiden und an Wunder gewohnt; die Leiden brechen nicht, sondern stählen seine Kraft. Aus der aligemeinen Trauer muss der richtige Geist erstehen, der uns nun fehlt, der wahre Geist Herzls. . . Herzl ist nicht mehr, aber sein Geist lebt. Dieser Geist lässt sich schwerlich in den Rahmen von allgemeinen Regeln fassen, aber wir alle empfinden ihn. Alles was menschlich, was wohlgeordnet, was schön, gut und harmonisch, was g r o s s ist im Zionismus, alles was modern und die ganze Nation weit umfassend. . . All das war Herzl. Was den Stempel des Golus an sich trägt, alles was klein und hässlich, was veraltet und beschränkt und unhaltbar ist, all das ist das Gegenteil von dem Wesen unseres grossen Führers. Des Führers Geist der zu uns aus dem Grabe spricht, wir wissen, was er wollte, wonach er strebte. Nicht in Büchern lasen wir es, sondern wir sahen es in den grossen Taten, die er vollbracht und zu vollbringen gedachte. Das sei unser Banner, um welches wir uns nun scharen wollen. „Der Fraind" (Petersburg) schliesst seinen ersten erschütternden Nekrolog mit folgenden Worten : Herzl ist nicht mehr! Diese winzigen Wörtchen durchliefen blitzschnell die ganze jüdische Wrelt. LTnd allerorten, wohin die schreckliche Botschaft gelangte, erstarrte in Tausenden das Blut, badeten sich Tausende in Tränen. Herzl ist nicht mehr! Es fehlt der Mann, auf den das jüdische Volk seine heissen Hoffnungen gesetzt der Mann, dessen Hoffen mit dem des Volkes so innig verschmolzen war, der sein Leben in dem des Volkes sah, seinen Geist und seine Kraft dem Volke geschenkt. Herzl ist nicht mehr! Es fehlt der Mann, der mit Worten und Taten an der Aufrichtung der im Golus gebeugten jüdischen Rücken gearbeitet, der mit seinem Blick alle anzog, die in seine Nähe traten und sie zu den Seinigen machte. Wer das Glück hatte, den Menschen Herzl genauer in seinem täglichen Leben zu kennen, weiss es : Unzählige pochten täglich an seine Türe, er empfing Unzählige, hörte ruhig und aufmerksam ihren Wünschen zu. Und keiner ging leer aus. Es gab Leute, die seine Ansichten nicht teilten, seinen Taten gegnerisch gegenüberstanden; aber jeder von ihnen war jederzeit bereit, sein ganzes Leben für ein Jahr von Dr. Herzls Leben zu opfern. Das war eine Herrschernatur mit allen besten Eigenschafcen und Vorzügen. Ernste Bescheidenheit, ungekünstelte Höflichkeit, jedermann zugänglich, für jedermann ein gutes Wort. Greise hingen an ihm mit zärtlichem Vertrauen wie die Kinder; den Jungen war er der grosse Führer. Wer zu Herzl sprach, fühlte, er spreche zu einem Manne, uer für jedes seiner Worte der Verantwortlichkeit sich bewusst sei. Und j^des seiner Worte galt nur einem Thema, dem einzigen Gedanken: Der Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Im Gespräche mit Herzl fühlte man sich einem der grössten Dichter gegenüberstehend, die die Welt jemals besessen; er selbst wusste nicht, dass es Poesie sei; ihm war die Dichtung Wahrheit, er glaubte an sie wie nur jemand glauben kann. Und seinen Glauben flösste er den Anderen ein und alle glaubten mit ihm, an ihn. Hochgeschätzt und verehrt in der literarischen Welt, in den höchsten Kreisen der Wiener Gesellschaft, zog er es dennoch vor, sich in den engen Kreis der jüdischen Welt zurück zu ziehen. Hier schuf er Ewiges. Er schuf Seelen, wob Leben für das ohnmächtige jüdische Volk.

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