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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 24

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Nr. 29 „bi* # w^it Seite 25 Und während er den Lebensfaden des jüdischen Volkes spann, riss sein eigener Lebensfaden, der auch dem Volk gehörte. Und der alte Jossaum (Waise> steht an einem neuen Grabe und beweint den ungeheuer schweren Verlust. Er fühlt es: wohin er sich immer wendet, wird ihm lange das grausame Echo ertönen: Herzl ist nichtmehr! Dasselbe Blatt schliesst in Nr. 144: Der heilig-traurige tragische Moment ist gekommen, an dem das jüdische Volk von dem edelsten seiner Kinder Abschied nimmt, das der grausame Tod ihm plötzlich entrissen in den besten Jahren seines Lebens und Wirkens. Wo nur ein jüdisches Herz pocht, blickt man in diesem heiligen Momente nach dem Friedhofe in Wien, wo jetzt ein grosses, gottgesegnetes, unvergessliches Leben den Abschluss gefanden. Und ein neuer brennender Schmerz durchwühlt das Herz. Der grösste Jude, der stets gelebt und geträumt für das jüdische Land, der seine edle Seele mit dem Gedanken an „Zion" ausgehaucht — der erste, grösste Zionist ist begraben, nicht in Zion, sondern in der Fremde, in der rauschenden, schönen, aber judenfeindlichen Stadt Wien. So verfügte Herzl selber. Und einen tiefen Gedanken barg diese letzte Verfügung in sich: Das grösste jüdische Grab in der Fremde, es legt uns die Pflicht auf, stets an die Sammlung unserer versäten und zerstreuten Brüder zu denken, und umso schneller die Heimkehr zu erlangen und in unsere Heimat zu überführen den grossen Toten, der der jüdischen Erlösung harrt — in der Fremde, in dem schönen, rauschenden, aber judenfeindlichen Wien. Das grosse Grab auf der jüdischen Abteilung des Wiener Friedhofes wird uns in Zukunft unablässig ermahnen und zur frischen Arbeit, zu mutiger Arbeit für eine bessere jüdische Zukunft aufmuntern. Die tausende heissen Seufzer, die unaufhörlich aus allen jüdischen Herzen gegen das teuerste jüdische Grab hinströmen werden, sie sollen den Erdhügel auf demselben befeuchten, ihn sättigen mit neuem Leben und frischem Saft. Ewiges Grün soll diesen Hügel oedecken, ewig wie der Geist des Helden, den er birgt, ewig wie das jüdische Volk, das jüdische Ideal. Und das grosse Grab in der Fremde wird uns fortan vereinigen — nicht allein in der Trauer, sondern auch in neuer Arbeit für das jüdische Ideal, aus dem der verblichene Held sein Leben geschöpft, für das er sein Leben geopfert. Schlafe sanft, edelster jüdischer Sohn! Schlafe in süsser Ruhe, in deinem wunderschönen, geheimnisvollen jüdischen Traum. Dasselbe Blatt schreibt ferner in Nr. 145: .. . Gesenkten Hauptes, schwach, müde, niedergedrückt verlassen wir das Grab; ihn, den Lebendigen, den Starken, den unermüdlichen Helden liessen wir daselbst zurück. Ein Hügel fremder Erde bedeckt den Helden, der gelebt und geträumt für unser eigenes Land, für einen eigenen jüdischen Boden. Aus der Fremde war er zu uns gekommen, aber e r gehörte uns! Unser war er, auch als er noch nicht in unserer Mitte weilte. In frühester Kindheit trug er bereits den jüdischen Stolz in seinem grossen Herzen, der jüdische Geist lebte und wirkte in ihm auch zu einer Zeit als er in der Fremde herumgeirrt, fremde Gärten gepflegt hat. Er musste zu uns kommen und er kam. Und das Volk erkannte bald seinen besten Sohn, seinen Held, seinen Führer. Nicht die blinden Massen liessen sich von ihm verführen, sondern das ganze jüdische Volk folgte ihm mit offenen Augen — als dem einzigen und berufenen Führer. Nicht sein eigener eiserner Wille hat uns ihm unterworfen, sondern wir alle erkannten in ihm unser en eigen en Willen, den Willen unseres unglücklichen aber starken Volkes, das frisch und jung geblieben, nach Jahrhunderten unsäglichen Leids und ununterbrochener Wanderung. Nicht seine Persönlichkeit bezauberte uns, sondern das jüdische Ideal, das sich in seinem Leben und Wirken in der vollen Pracht offenbarte: er trug in seiner Seele die ewige jüdische Tragödie mit Schmerz und Stolz und Liebe. Deshalb verstanden wir ihn, liebten wir ihn, vertrauten wir ihm. Müde, niedergedrückt, traurig und schwach verlassen wir den Friedhof. Er blieb dort, unter dem Hügel fremder Erde, den wir mit eigenen Händen aufgeschüttet, in einem fremden Grab, in das wir ihn gelegt haben. Und aus dem teueren Grabe hören wir nun seine mächtige Stimme: Heimwäits! Das hebräsche Tagblatt „Hazofe" (Warschau) schreibt unter dem Eindrucke der ersten telegraphischen Nachricht: Die zionistische Bewegung verlor den Führer, Lenker und den emsigsten Arbeiter, der ihr alle seine Kräfte, sein Herz und seine Seele widmete. Unsere nationale Bewegung ist ihres Hauptes beraubt; die grösste fruchtbarste Kraft büsst sie ein. Aber nicht eine Partei oder eine Gruppe, sondern das ganze jüdische Volk beweint den grossen Toten, den strahlenden Stern, der so plötzlich erlosch.. . . Gross und furchtbar ist das Unglück, schwer die nationale Trauer, die in Worten gar nicht ausgedrückt werden kann. Der zionistische Führer ist gestorben. Unsere nationale Bewegung ist verwaist, in Trauer gehüllt. Es starb der Mann, den wir auserwählt, um unser Banner zu tragen, aber noch ist das Banner nicht verloren, noch lebt unser nationales Gefühl. Wiederholen wir also, bevor das Grab unseren grossen Führer deckt, den Eid mit d*m Herzl den 6. Kongress geschlossen: nDtrn D^ttfVV ^ns&'K DK Verlieren wir den Mut nicht; es sei uns dieser grosse Bruder ein Vorbild auf unserem langen schwierigen Weg. In No. 446 schreibt dasselbe Blatt : Im Hinblick auf Herzl sahen wir die ferne Zukunft als kommendes goldenes Zeitalter vor uns, in dem unser Land, unsere uralte Heimat von vielen solchen Juden bewohnt sein werde. Wenn Herzl in unserer Mitte erschien, fühlten und begriffen wir, wie tief wir gefallen sind — in ihm aber sahen wir die Zukunft. In stürmischen, aufgeregten Augenblicken, wo wir ihm Unrecht geben zu müssen glaubten, hörten wir nicht auf, von seiner Erscheinung begeistert zu sein, und während unsere Lippen unzufrieden murrten, hörten wir nicht auf, im Herzen zu wiederholen: „Es lebe unser grosser Gegner, es lebe Herzl! Denn das war Leben, ein Leben der Wahrheit, der Wirklichkeit .... Uns Schwachen, Ohnmächtigen war Herzl das Muster einer ganzen, vollkommenen Seele, ein Symbol des Lebens selbst, (Dr. Eliaschow). Eine Serie von Artikeln über Herzl aus der Feder Ludwipols, die ebenfalls im „Hazofe« zu erscheinen begann, verdient besondere Beachtung und wir werden auf dieselbe zurückkommen, wenn sie abgeschlossen ist. Ebenso hat Herr B rainin eine Artikelserie über Herzl begonnen. Der Warschauer Jzraelita" (polnisch) als gegnerisches Blatt schreibt: Die Leser wissen, dass wir Gegner des Zionismus sind, da wir in ihm eine Ablenkung von dem Leben der Gegenwart erblicken. Aber man muss dem verstorbenen Führer Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er im besten Glauben und in der heissesten Anhänglickeit an das jüdische Volk gewirkt hat, dessen Schicksal er verbessern wollte und nach bester Ueberzeugung ihm eine glücklichere Zukunft zu schaffen bestrebt war. Deshalb rief der To i Herzls allgemeine Teilnahme hervor, die zionistische Welt aber befindet sich in schwerer Trauer über den Verlust des hochgeschätzten Führers.

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