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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Nr. 29 „bie $ Weit Seite 2* keit seines Volkes, dessen Verschiedenartigkeit in der Zusammensetzung, die überwältigenden Tatsachen der politischen Situation. Zu seiner Unterstützung hatte er den Zauber einer grossen Tradition. Und nun unternahm dieser Wiener Journalist, der bis damals doch nur in einem beschrankten Kreise bekannt war, die Ausführung seiner Miss ion. Er richtete kühn seinen Appell an die Massen, obwohl er die Demagogenkünste verabscheute; er vereinigte die Judenschaft der ganzen Welt in eine kompakte und homogene Kraft, er gewann Gehör bei der Presse, wie auch bei den stolzesten Höfen Europas., und was das Merkwürdigste von allem ist, er behielt seine Gefolgschaft und seine Führerschaft unversehrt von dem Tage, an dem er an die grosse Aufgabe ging, bis zur tragischen Stunde seines Todes. Ein Mann, der solche Dinge vollführen konnte, musste von der Art der Helden sein. Sein stolzer Mut trotz wiederholter misslungener Versuche, seine zähe Ausdauer trotz des Kampfes und des Spottes, schienen nach dem Massstab des jüdischen Martyriums selbst modelliert zu sein. Seine Geduld, seine Ergebenheit, seine Beredsamkeit, vor allem die Würde, mit der er den grossen Kampf gefochten hat, haben ihn von Anfang an zum geborenen Menschenführer gestempelt. Es ist immer etwas Tiefes und Erhabenes in dem Anblicke eines Individuums, wenn such eines hochbegabten, der seine sterbliche Kraft mit den scheinbar unsterblichen Kräften der Leidenschaft und der Finsternis misst. Einer nach dem anderen kamen sie, die Befreier, während der langen jüdischen Tragödie, und trugen in ihrem grossen Geiste die grosse Idee . .. Sie haben keine der bösen Mächte gebrochen, wurden aber häufiger von ihnen gebrochen... Der zionistische Führer wurde auch, gleich den andern vor ihm, am Rade der jüdischen Frage gebrochen. Dr. Herzl hat eine grosse Bewegung geleitet; oder vielmehr, er hat einer grossen Verzweiflung Worte verliehen. Im Momente, wo die Juden in Osteuropa jede Hoffnung auf gerechtere Behandlung seitens der Völker verloren hatten, da trat er kühn hervor, um ihre Gefühle auszudrücken und sie zu dem zweiten Ziele, wie er es begriff, d. h. einer eigenen Existenz in der alten Heimat, zu führen. An dieser Sache hat er gut und ehrlich gearbeitet. Er hat viele aus seinem Volke mit neuen Hoffnungen erfüllt. Er gab ihnen neuen Enthusiasmus. Er gab ihnen den Stolz des Platzes in der Welt zurück, den sie während der langen Jahrhunderte der Knechtschaft eingebüsst haben. Er gab der jüdischen Solidaritäteinenneuen Sinn. Vor allem aber machte er die Völker der Erde aufmerksam, dass es eine Judenfrage gebe. Nie hat früher diese wunde Frage die Christen so beschäftigt, wie in der Gegenwart. Sie wurde auf einmal eine praktisch-politische Frage, die die Presse beschäftigt, den schweigsamen Stastsmännern Worte entlockt, das Angebot jüdischer Kolonien zeitigt. Dies alles ist in der Geschichte der Gegenwart auf die Rechnung des toten Führers geschrieben, und dies besagt, dass er trotz Schwierigkeiten und Mühsal sein Volk doch vorwärts gebracht hat. Sein grösstes Ziel bleibt jedoch unausgeführt. Es war ihm bloss vergönnt, das gelobte Land zu schauen, zu dem es ihn immer hinzog. Hinweggerafft in der Blüte der Männlichkeit, liess er sein Volk noch in der Knechtschaff, und die Tore der alten Heimat sind noch immer vor ihnen geschlossen. Und nun, wie wird die Zukunft sein? Welchen Lauf wird die grosse Bewegung jetzt nehmen? Zionismus ohne Herzl scheint ebenso undenkbar zu sein, wie Zionismus ohne Zion, wie eine Monarchie ohne Thron... Diese Fragen sind „im Schosse der Zukunft" geborgen.... In dem Leitartikel der Nummer der letzten Woche würdigt der „Jewish World* die Grösse und die Bedeutung Herzl s. Es heisst u. a.: „Er war der Einzige, der seit 2000 Jahren von den Herrschern der Welt als der Wortführer der Juden anerkannt wurde, und nicht bloss eines Teiles derselben in einem bestimmten Lande. Der Dramaturg und Literat, der vor zwölf Jahren bloss in literarischen Kreisen bekannt war, wurde kraft seiner Charakterstärke und der Grösse der Aufgabe, der er sich gewidmet hat, von den hervorragendsten Mitgliedern des englischen Kabinetts, vom deutschen Kaiser, dem türkischen Sultan, dem König von Italien und dem Papste, dem Minister v. Plehwe, empfangen. Ohne die Beglaubigungsurkunden,die einen Diplomaten, der von einer Grossmacht betraut wurde, begleiten, kam Herzl in das Audienzzimmer und es wurden ihm Ehren erwiesen, wie sie nur einem Botschafter zuteil werden. Künftige Geschlechter werden fragen, woher denn die aussergewöhnliche Wirkung stamme, die dieser Mann auf alle, die mit ihm in Berührung kamen, ausgeübt hattr. Es genügt nicht, von seiner anziehenden Persönlichkeit zu sprechen. Er hatte mehr als das; denn nur wenige, die ihm begegneten, und keiner von denen, die ihn kannten, blieb von seinen immensen Herzens- und Geistesgaben unbeeinflusst. Sogar die Natur begünstigte ihn, denn er war überraschend schön ... Es gab in der letzten Zeit drei Männer, die zu Führern geboren waren. Es waren P a r n e 11, Booth uni Theodor Herzl. Von diesen drei war Herzl durch seinen Geist, die Anhänglichkeit, die man zu seiner Person fühlte, die Wärme der Empfindung und die Bereitwilligkeit, mit der man sich ihm unterordnete, bei^weiUm der erste ..." Nachdem die zionistische Tätigkeit des Verblichenen eine Begründung gefunden, schliesst der Aufsalz mit folgenden Worten : „Alle sind wir ärmer geworden! Eine der feinsten Naturen, die je Gott geschaffen hat, ist hinweggerafft worden. Die Trauer wird uns nicht den wiedergeben, der uns geraubt wurde; aber eine Erleichterung ist sie für das Gtfühl. Ach! Wenn er zurückkommen könnte! Was könnte er der Welt wert sein? Wie gross wäre seine Bedeutung für das Judentum!tt Im Londoner „Morning Leader" veröffentlichte Dr. M. Gast er einen Nachruf für Dr. Herzl. Er beschrieb die Lage der Juden, die Verzweiflung, die sich ihrer bemächtigte, die innere Haltlosigkeit, die dem Zionismus voranging. „Und in diesem kritischen Momente erschien Dr. Herzl auf der Bühne der jüdischen Geschichte, und mit seinem angeborenen Genie, mit seiner Gabe von oben, sah er zugleich das Uebel und das Heilmittel. Die alten nationalistischen und messianischen Träume und Hoffnungen begannen wirkliche Tatsachen zu werden. Eine Nation, die seit Jahrhunderten gesondert, in verschiedenen Kulturmilieus erzogen wurdr, sollte sich auf der Grundlage dieses alten goldenen Ideals vereinigen und mit diesen vereinten Kräften sollte ein Exodus beginnen, der die Juden in das Land führen soll, das ihnen nach der Tradition und nach Gottes Verheissung gehört, . . . Begeistert durch dieses Gefühl, dessen Gegenstand und Zentrum Zion ist, war er im Stande, dieselbe flammende Begeisterung den Tausenden und Hunderten von Tausenden mitzuteilen, denn, wahrlich, er hat endlich das Erlösungswort gefunden: „Zionismus*! Sein grosses Verdienst war und bleibt es, dass er einen Ruf ertönen liess, der alle Juden der ganzen Welt vereinigen sollte, dass er zum ersten Mal eine eigene jüdische öffentliche Meinung geschaffen und ihr die Form verliehen hat, in der sie den enthusiastischesten Ausdruck findet . . . Viele sind noch unfähig demEuf zu folgen, andere wollen es nicht wagen, und deshalb haben viele Dinge Dr.Herzl viele Schwierigkeiten bereitet, obwohl sie leichter vor sich gehen könnten.

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