Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 29 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 „bie weit" Nr. £9 dass wenn Chamberlain oder der Herzog von Devonshire ihren Ministergeh alt bekommen, es auch unsere Führer und Ratgeber dürften. Ich sah — und alle Freunde sahen es — dass Herzl sich zu Grunde richte, dass er vom Journalismus erlöst werden müsse, nicht bloss weil die Bewegung seine ganze Zeit und Kraft erforderte, sondern auch weil er darunter litt, dass er an Wien gefesselt war. Einmal hat ihn in der Tat der Sultan eingeladen und er konnte nicht kommen. Und ich habe gesagt, dass, wenn er zu Amerika sprechen könnte, er eine Million amerikanischer Juden zu seinen Füssen haben würde. Alsichnach Basel kam, da legte ich ihm alle diese Erwägungen vor. „Sie haben vollständig Recht", sagte er, „ich müsste den Journalismus aufgeben. Ich sollte durch den Zionismus bezahlt werden. Aber dieses Opfer meiner Unabhängigkeit ist das einzige Opfer, das ich unserer Sache nicht bringen kann/ Denken Sie einmal! Jedes andere Opfer war er bereit zu bringen — sogar das Leben selbst wollte er opfern — nur nicht sein Ideal der Ehre. Und als ich ihn einige Tage späteren den frühen Morgenstunden, nach dem schrecklichsten Kongresstage, kämpfen sah, mit dem Rücken gegen die Mauer, wider eine Schar von aufgeregten „Neinsagern", ihnen sein ganzes Leben, seine Seele blossstellend, musste ich ihm Recht geben, das?, Hans. wenn er bezahlt wäre, er diese majestätische Herrschaft, welche er über die Unlenksamsten ausgeübt hat, verloren hätte. Nichtsdestoweniger, als ich nach London zurückkehrte und die Dinge wieder ruhig betrachten konnte, da stellteich mir aufs neue vor, wie er unter seinem Gebundensein an Wien und an die Journalistik leiden musste, und einige unter uns entwarfen einen Plan, wie man ihm nus privaten, nichtzionistischen Mitteln für seinen Verzicht auf den Posten in der „Neuen Freien Presse" einen Ersatz verschaffen könnte. „Niemand wird es wissen", schrieb ich an ihn. Er aber antwortete, mit seiner unbeugsamen Würde: „Es wird immer eine Person geben, die es wissen wird — und zwar ich selbst/ Und so fuhr er fort und verbrauchte seine Flamme an beiden Enden. Die gesamte österreichische Presse hat seinen Tod beweint, weil er ein eleganter Essayist war, sein Zionismus war für sie eitel nichts, aber er schrieb Essays, die nach Heine unübertroffen dastehen, Sie wussten nicht, unter welchen Bedingungen er einige dieser eleganten Essays geschrieben habe, sie wussten nicht, dass just vor seiner letzten Krankheit, während der friedenstiffcenden Konferenz in Wien, er um Mitternacht eingeschlafen gefunden wurde, hohlwangig, von Sorgen verhetzt, über einer halbgeschriebenen dramatischen Kritik, in deren Mitte sich, ganz unzusammenhängend, in dem Knoten des Schauspiels, die zionistische Resolution, die den Tag über diskutiert worden war, eingeschaltet fand. Jawohl, wir haben unser Bestes getan, um ihn zu retten. Aber vielleicht wusste er am besten, wie man uns rette. Er war bereit zu sterben, um nur nicht eine gemeine Waffe unseren Feinden in die Hände zu geben. Dies alles ist Grund genug, dass, wenn es sich herausstellen sollte, dass Herzls zahlreiche Opfer für unsere Sache sein Weib ärmer gemacht oder die Erziehung seiner Kinder gefährdet haben, wir ihr Wohlergehen zur nationalen Angelegenheit machen müssen. Die Sympathiekundgebung, die in dieser Resolution ausgedrückt wird, darf nicht bloss im Reiche der Worte bleiben. Wenige Frauen in der Geschichte haben mehr gelitten, als Dr. Herzls Gattin. Sie hat klarer als alle anderen sehen müssen, was das Geschick im Schilde führt. Angesichts der schrecklichen Trauer seiner Frau, seiner Kinder, wagt man beinahe kaum zu sprechen von dem eigenen Verlust eines frohen Gesellen, eines loyalen Freundes. Wir müssen alle Trost suchen im Gedanken, dass Herzl nicht umsonst gestorben, noch umsonst gelebt habe. Er starb für ein Ideal, das er so oft auf den Lippen führte, für die Ehre der Juden. Möge sie uns noch teurer sein um seinetwillen — „die Ehre der Juden!" Mr. Zangwill las zum Schlüsse sein Gedicht auf den Tod Herzls vor, das wir vorige Woche in der „Welt" veröffentlicht haben. Nach ihm sprachen einige andere Redner, sie sprachen jüdisch. Die Zuhörer weinten laut. Ein einziger Schmerz erfüllte den Saal. Und der Schmerz war grösser, es war ihm zu eng im Saal, er suchte die weiten, grossen zahllosen Massen der Juden auf, wo sie nur wohnten. * * * Der Nachruf des Wiener Kultusvorstandes. Gehalten unmittelbar nach dem Begräbnisse Dr. Herzls von dem Präsidenten der Kultusgemeinde Dr, Alfred Stern in der Vertretersitzung am 7. Juli 1904: Wir kommen von einem Begräbnisse. Vor einer Stunde haben wir einen der edelsten Söhne unserer Gemeinde, Dr. Theodor Herzl, zu seiner letzten Ruhestätte geleitet. Als ich vor ein paar Tagen — ich weilte damals in Prag — die mich tief erschütternde Todesnachricht erhielt, richtete ich sofort ein Beileidstelegramm an die „Neue Freie Presse," beauftragte ich ferner telegraphisch das Bureau der Gemeinde, in meinem Namen sofort Beileidstelegramme an alle Beteiligten (deren Adressen ich in Prag nicht erfahren konnte) zu entsenden. Und nach meiner Rückkunft hieher erklärte ich mich bereit, namens des Vorstandes unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen am Grabe ein Wort desNacnrufeszusprechen. Es ist Ihnen bekannt, dass Herzl sich jede Grabrede testamentarisch verbeten hatte. Wenn ich nun hier in dem kleinen Kreiseder Vertreter unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen ein Wort des Gedenkens weihe, so ist dies wohl selbstverständlich, dass vor dem frischen Grabhügel der Kampf der Meinungen ruht, dass ich es nicht als meine Aufgabe betrachte, heute hier des politischen Zionismus, dessen hochbegabtester, energischer Vertreter und Führer der Dahingeschiedene war, zu erwähnen, dass ich der auch nur entferntesten Berührung der Flage, ob wir es da mit erreichbarer realer Wirklichkeit oder mit einer vielleicht nicht gefahrlosen Utopie zu tun haben, aus dem Wege gehe.