Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 29 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 „Di* * W^lt" Seite 15 alle unsere Feinde begreifen könnten, was für ein Glück der Zionismus sei". Ja, ein Glück, das von der Vollführung des höchsten Werkes kommt Und denken Sie an das Werk, das er im Laufe der wenigen Jahre geschaffen hat trotz aller praktischen Männer, die unser Volk so lange missverwaltet und unsere Frage so schlecht behandelt haben. Es scheint mir, als ob es erst gestern wäre, da pochte ein schwarzbärtiger Fremdling an die Tür meines Studierzimmers, als ob er vom Himmel heruntergefallen wäre, und sagte: „Ich bin Theodor Herzl. Helfen Sie mir den Judenstaat wieder aufzubauen". Seit dem Tage schritt er von Wunder zu Wunder, von einer Unmöglichkeit zur andern. Wie würde er sich auf der Bühne der europäischen Politiker ausgenommen haben, er, der die Politik eines ungeborenen Staates schaffen konnte! Und wie hat ihn die Majorität der Juden aufgenommen? Sie sagten, Israel sei verstreut und zu sehr zerrissen für eine gemeinsame Arbeit — er sammelte einen Kongress Ein Bild aus Herzls Jugendzeit. aus allen vier Weltteilen. Sie sagten, der Kongress sei ein eitel schwätzerischer — er schuf eine Bank und eine Aktiengesellschaft. Sie sagten, die Armen werden ihr Geld verlieren — und die Bank zahlte Dividende. Sie sagten: „Ihr wollt aus dem Zionismus eine schmutzige Sache, eine Geldsache machen" — und 300.000 Aktieninhaber verzichteten auf die Dividende, Sie sagten: „Wozu das Geld? Der Sultan wird mit Ihnen nicht verhandeln." Und der Sultan machte Herzl zu seinem Ehrengaste, und wären die praktischen Männer hinter Herzls Rücken gestanden, der Charter wäre unser. Sie sagten : „Oh, der Sultan braucht Geld, eine solide Macht wird mit Ihnen nicht verhandeln.44 Und siehe! Das grösste Reich der Welt hat ihm einen Boden angeboten, um seine Ideen ausführen zu können. Sie sagten : „Aber Ihren Ideen fehlt der religiöse Impuls.* — Und er gab den Juden den grössten geistigen Impuls, den sie seit dem Beginne des Golus hatten. Er hat Tausende von Männern und Frauen, die in den Nebeln und dem Strudel des modernen jüdischen Lebens umherirrten, gerettet und geleitet. Und während die Juden dieses alles sagten, was sagten die Anderen? Der Papst, der Katholik, sagte: „Meine Sympathien sind für Sie." Der Deutsche Kaiser, der Protestant, sagte; „Mir scheint es ebenfalls wie Ihnen ganz natürlich, dass die Juden nach Palästina zurückkehren.* Der Sultan, der Muselmann, hat seinen Ministern gesagt: „So, denke ich mir, musste der hebräische Prophet aus Galiläa ausgeschaut haben." Mr. Chamberlain, der Unitarier, sah ein Land, das von Milch und Honig überfliesst und sagte; sich: »Das ist ein Land für Dr. Herzl/ Herr P1 e h w e, der Griechisch-Orthodoxe, der eiserne Mann, was hat er gesagt? „Bevor Dr. Herzl zu mir kam", sagte P1 e h w e zu einem unserer russischen Freunde, „wusste ich nicht, dass es Juden gibt, die nicht kriechen. Bisher habe ich bloss zweierlei Juden gekannt; solche, die zu mir kamen und baten, dass gegen ihre Gemeinde nichts unternommen werde, und solche, die für sich selbst baten. Bei Dr. Herzl gab es keine Bitte und keine Gnade." Denken Sie einmal! In Russiand gibt es sechs Millionen Juden, und bevor Herzl kam, wusste Plehwe nicht, dass der Jude kein kriechendes Geschöpf sei. Dürfen wir nun uns wundern, dass, als Herzl Russland passierte, er das Land furchtlos durchreiste, während den »praktischen* Männern die Durchreise daselbst verboten ist, dass ihn unsere Brüder auf jeder Station wie einen Messias empfangen haben? Sind wir nicht berechtigt zu glauben, dass, wenn das ganze jüdische Volk, aufrecht wie Herzl, von der Welt Gerechtigkeit fordern, ja sogar Palästina verlangen wird, die Welt uns einmal beides geben wird? Das furchtbare Risiko und die Gefahren, die der Zionismus angeblich den Juden bringt, sind nichts mehr als Popanze, die von den Feiglingen aufgestellt wurden, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchten. Der Zionismus bringt den Juden nur die Achtung der Welt ein. Die „Zionistische Gefahr" fürwahr! Ich will Ihnen sagen, worin die Gefahr des Zionismus besteht, und weshalb die Jaden vor dem Zionismus zurückschrecken. Zionismus ist ein schreckliches Spählicht, und späht alles au*, was im Judentum und unter den Juden falsch und schwach ist. Es gibt geistige Antizionisten, aber die grosse Masse der Antizionisten gehört zu derjenigen, die weder Gott über sich, noch ein Menschenherz in sich haben. Es mag ja sein, dass Dr. Herzls Tod eine grössere Wirkung erzielen wird, als sein Leben. Jetzt, endlich einmal, o bitterer Hohn! wird er in die Synagoge einziehen, deren Prediger von börsestolzen Vorständen besoldet sind, sein Name wird mit Achtung, wenn auch kritisch, vor einer behäbigen Gemeinde ausgesprochen werden. Ich ermahne sie, alle insgesamt, dem Toten Genüge zu leisten für ihre Verhöhnung des Lebenden, und ihren Antizionismus in Herzls Grabe zu begraben. Wir auch — wir Zionisten, haben etwas zu begraben im Grabe Herzls — all das Gift der Spaltungen, der närrischen Beschuldigungen, die Bruder von Bruder getrennt und die letzten Tage unseres Führers verbittert haben. Es gibt keine zwei Arten von Zionismus; es gibt nur einen Zionismus; den Zionismus, der dem ,Judenstaat* Herzls zugrunde gelegt wurde, die jüdisch-nationale Idee verbunden mit Palästina durch die Geschichte und die üeberlieferung und die Hoffnung von Geschlechtern, abe grösser selbst als Palästina, da Palästina ohne jüdisch Gerechtsame ein Golus, ein Exil in seiner schmachvollsten Form wäre. Palästinas, ohne jüdische Rechte erfreuen sich doch bereits jetzt einige Hunderttausende Juden, und wie schauen sie jetzt aus? Und auch die Aussen weit hat etwas in Herzls Grab zu bestatten. Es ist die uralte Legende von dem geldgierigen Juden. Sie werden sich noch erinnern, dass, bevor ich mich zum letzten Kongress begab, ich für die finanzielle Fundierung der Stellung unseres Führers, wie auch die der ganzen Bewegung eintrat. Wir können nicht für immer durch die Arbeit überangestrengter professioneller Männer ach den Bureaustunden vorwärts kommen. Ich sagte,