Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316103--45921-3340751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 „bie o w^it" Nr. 29 dm Grund herauszufinden. Alles bereits erledigt? Es ist noch zeitlich am Vormittag. Sonst konnte er kaum bis Mittag durchlesen, was mit der ersten Postablieferung kam. Von anderem gar nicht zu reden. Dort beim Fenster das ist Nord aus Bild. Was habe ich nur gelesen, vor wenigen Stunden noch? Nordau hatte es geschrieben. Ich strenge mein Gedächtnis an. Es will mir nicht glücken, mich zu erinnern. Doch ... es waren einige blaugedruckte Zeilen. Sonderbar! Warum er gerade blaue Farbe in seinen Büchern haben will. Paradox! Aber nein. Es war kein Buch. Eine Depesche war es. Und jetzt, jetzt kommen mir auch die ersten Worte in den Sinn. „Betäubt vom furchtbaren Schlage . . / Betäubt vom furchtbaren Schlage?. .. Betäubt. . . Mich befällt ein Zittern. Ein Schauer rinnt mir kajlt über den Rücken. Ich presse die Fäuste vor die Stirne. 0, Gott! Wie das auf einmal in den Schläfen häpnmert! Und jetzt... Ich.fahre empor, ich starre entsetzt auf den Schreibtisch, ich höre das Lärmen von der Strasse her und ich stehe und stöhne. Und plötzlich presst es mir die Kehle zusammen, und ich glaube zu-ersticken. Dann sinke ich auf das Fauteuil zurück. Und ich beisse die Lippen blutig, damit ich nicht laut aufschreie. Plötzlich weiss ich wieder alles. Alles! Nie mehr werde ich ihn vor dem Schreibtisch sehen, nie mehr sein Antlitz schauen, seine Stimme hören, seiner Hände festen Druck empfinden. Leer ist es im Zimmer, leer. Und leer wird es bleiben, und wenn Hunderte drinnen sind; denn er ist nicht da, er, der es belebte und füllte.; Und ich silze vor dem Schreibtisch und murmle und murmle, und es klingt mir wie von ferne, und ich wiederhole immer wieder und wieder: „Betäubt vom furchtbaren Schlage" . . . „Betäubt vom furchtbaren Schlage". Da fliegt es wieder an mir vorüber. Der Schmetterling, das Leben! Und er musste sterben! Sterben! Fortgehen ohne Wiedersehn! Und die Bäume blühen wie zuvor, und die Vögel singen, und alles freut sich des Lebens, der Sonne, als ob nichts, nichts geschehen wäre! Mich friert. Die Stille des Zimmers lastet plötzlich auf mir, dass es mir fast den Atem benimmt. Und ich gehe, als ob mich jemand vor sich hintriebe, langsam zum Fenster. Ich greife nach den Zweigen. Aber sie sind zu weit. Da höre ich die Türe gehen. Ich wende mich. Da stehen die Kinder im schwarzen Kleide und schauen still zum leeren Lehnstuhl. Da schwindet meine Betäubung, die Last ist von mir genommen. Seine Kinder sind uns geblieben, seine Kinder im Hause und in aller Welt Sein Vermächtnis ist zu erfüllen. Von diesem Zimmer aus hat er für uns geschafft, in diesem Zimmer oft für uns gelitten. In dieses Zimmer dringt das Leben, wie einst, so jetzt. So wollen wir es in seinem Sinne und nach seinem Herzen leben! Und ich eile zu den Kindern. Dr. W eine r. Eine Trauerfeier für Herzl in London. An demselben Tage, an dem das Sterbliche unseres grossen Führers der Erde übergeben wurde, am Donnerstag, 7. Juli, trauerten die Londoner Zionisten um den Verblichenen. In der Great-Assembly-Hall wurde ein Massenmeeting abgehalten, dem viele Tausende Menschen beiwohnten. Hunderte von Trauernden konnten keinen Eingang mehr finden, da der Saal überfüllt war. Es herrschte eine feierliche Totenstille; unter dem Vorsitz ven Sir F r a n c is Montefiore legte Dr. Bernstein eine Resolution vor worin der Sympathie für Dr. Herzls Familie und der Begeisterung für Dr. Herzls Ideen Ausdruck verliehen wurde. Zur Unterstützung der Resolution ergriff Isr. Zangwill das Wort. ^Zangwill hielt in einer unheimlichen Stille, die nur von Schluchzen der Anwesenden unterbrochen wurde, seine Trauerrede. Er sagte: „Diesen Sommer haben wir bestimmt erwartet, unseren . geliebten Führer auf dieser Tribüne zu sehen. An diesem Abend würde er vielleicht zu uns gesprochen haben, und an diesem Morgen ist er zu Grabe geführt worden. Begraben im Alter von 44 Jahren, am Anfange seiner fürstlichen Männlichkeit! Aber ist denn jemand unter und vorhanden, der ihn nicht auf der Tribüne sähe? Er hat sein Wort nicht gebrochen, Er ist mit uns, er spricht zu jedem Herzen, er wird uns nicht mehr verlassen. Nicht gestorben, weil unsterblich! Von Moses sagte man uns, dass kein Mensch den Ort seiner Bestattung kannte. Und wer könnte sagen, wo Herzl begraben sein wird, da seine lebendige Wirkung allüberall ist? Man könnte sie leicht nachweisen, sogar in der Zurückziehung der Fremdenbill gegen die er sich ausgesprochen hatte und die jetzt durch ein merkwürdiges Zusammentreffen die Finsternis des Begräbnistages ein wenig erhellt. Meine Freunde! Einen grossen Mann kann man nicht begraben. Wenn man einen grossen Mann nicht begraben kann, so kann man umsoweniger eine grosse Sache begraben. Unsere Widersacher haben vielleicht geglaubt, dass in Herzls Grab auch der Zionismus beerdigt sein wird. Auch vom Zionismus kann man sagen : Nicht gestorben, weil unsterblich. Herzl hat für den Fall, den wir heute beklagen, vorgesehen. Er wusste sehr gut, dass auch er bloss einen Blick auf das gelobte Land werfen werde, und er hat vorgesehen, dass man eines Tages seine Leiche nach Palästina tragen möge. Er wusste es, und er legte die Hände aufs Haupt so mancher Joschua und erfüllte sie mit dem Geiste seiner Weisheit, damit sie sein Werk vollführen. Und obwohl nie einer aufstehen wird, der ihm gleicht, obwohl kein anderer seine prächtige Begeisterung, seine enthusiastische Ungeduld besitzt, unsere Sache, wie es bereits am ersten Kongress gesagt worden ist, unsere Sache ist zu gross, um auf einem Einzigen zu beruhen. Und somit hinterlässt er nicht bloss Schüler, sondern auch eine Verfassung. Wenn auch manches von der Maschinerie, die er uns vermacht hat, die er in den früheren Stadien unserer Bewegung gemacht hat, ohne ihn unlenkbar würde, sein Verlust zwingt uns mehr denn je, unsere Institutionen zu reorganisieren und zu versuchen, das durch das System zu ersetzen, was wir an Genie verloren haben. Aber der Kongress wird für immer die dauernde Schöpfung Herzls bleiben. Nicht gestorben, weil unsterblich. Unser Kongress gibt uns ein jüdisches Parlament und unser jüdisches Parlament wird uns eines Tages einen jüdischen Staat geben. Nein, der Zionismus ist im Grabe Herzls nicht mitbegraben. Viel eh.6r werden Antizionisten dort begraben werden. Der Anti-Herzlismus wenigstens liegt leblos neben ihm. Der Tod, der die grossen Züge seines Lebens erleuchtet, bringt auch seine erbittertsten Gegner zum Schweigen. Denken Sie an die Opfer, die dieser Mann brachte, der in der wogenden Hochflut seines literarischen Ruhmes in der frohen österreichischen Hauptstadt, in der Blüte der Jugend und des Erfolges, alias beiseite schob, um die Sache seiner bedrückten Brüder aufzunehmen und zum Lohn dafür, seine soziale Position verloren, seine Stücke ausgezischt, seine Gesundheit gebrochen, seine Gründe bezweifelt oder bespottet, seinen Charakter von jeder jüdischen Lache mit Kot bespritzt sah. Und dabei kein Wort der Klage. Im Gegenteil. „Ich möchte", sagte er am letzten Kongress, „ich möchte, dass

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.