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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Seite 1* „bie * w*it Nr. 29 Wenn die Kinder sprechen könnten, wenn sie denken könnten, sie würden in ihrem Herzen ihm ein unvergängliches Denkmal errichten, für ihr lebelang. Werden sie es? Und in diesem Zimmer steht ein Tischchen an die Mauer gerückt. Und auf dem Tischchen ein kleiner Schrank, ein Thoraschrank. Wieder eine Reminiszenz J Eine historische, eine bedeutungsschwere! Und wir lesen die hebräsche Inschrift: „Dem grossen Führer Theodor Herzl von den Wilnaer Juden gewidmet." Von den Wilcaer Juden! Erst im vorigen Jahre war es, ungefähr um diese Zeit, als er sich nach Russland begab, um für sein Volk zu plädieren. Und vor die Mächtigen trat er, furchtlos, würdevoll, selbstbewusst, wie es dem Vertreter, dem Betrauten und dem Führer eines grossen, wenn auch unterdrückten Volkes gebührt Und er kam, sein Wort zu sagen. Und eine Hoffnung schwellte die Brust der armen Jaden im dunklen Osten. Sie hofften so viel, sie erwarteten Grosses. Haben sie denn kein Recht gehabt zu hoffen? Durften sie denn nicht von ihm alles erwarten, von ihm, der so Vieles und so Grosses geschaffen hat, der so manches scheinbar Unmögliche der erstaunten Mitwelt als ein fait accompli gezeigt hatj? Und sie bejubelten ihn, jauchzten ihm aus vollem Herzen zu — und als er Wilna passierte, da schenkten ihm die Juden dieser alten, würdigen Judenstadt, dieses „Jerusalems von Litthauen8, wie man es zu nennen pflegt, einen Thoraschrein mit einer schöoen Thorarolle drin. Das einzige, das grösste Geschenk, das das jüdische Volk geben kann, wenn es dankbar ist. Und ihm gegenüber war es dankbar! Und jetzt ist dieser Schrein seiner Bestimmung zugeführt worden. Als ein Almemor diente er, vor dem man vorbetete. Es standen Juden ringsumher, ältere und jüngere, aus jeder Gesellschaftsschichte, Arzt und Kaufmann, Schriftsteller und Börsenmakler, Frommer und Moderner, alle standen sie mit gesenkten Häuptern, mit sinnendem Antlitz und schaueten ernst drein, und -sagten leise die schlichten Worte des Gebetes nach. Für manche war es vielleicht das einzige, das erstemal, dass sie beteten. Der grosse Führer hat alle Juden in ein Ganzes verbunden, alle Herzen in einem Rhythmus pochen lassen, durch eine einzige Woge der Sympathie alle Klassen und Schichten des Judenvolkes vereinigt. Und traurig, sachte, linde klangen die alten Weisen. Man fühlte in dieser Umgebung den geheimen Sinn der Worte, die Stimmung, die sie umfloss, die ihn en zugrunde lag. Und endlich sind die Schlussworte des Gebetes ausgesprochen worden. Des Gebetes, in dem die Bitte, die zahllose Mal wiederholte Bitte des bedrückten und gepeinigten Volkes um die Rückkehr nach Hause, nach Zion, in so einfacher, inniger Weise zu Worte gebracht wird. Und nach dem Gebete der Kadisch. . . . . »Keinen Kadisch wird man sagen, nichts gesagt und nichts gesungen wird an meinen Sterbetagen." Der kranke Jude, der grosse Dichter, der dies sang, fühlte den Schmerz der Entfremdung, fühlte die Wonne des Zusammenhaltens. Und er sehnte sich nach dem Kadisch. Und etwas Schönes, Ueberirdischesliegt in diesem aramäischen Gebete. Warum? Was weiss ich? Stimmung, ererbte, von den Ahnen überkommene, heilig gewordene Imponderabilien. Man fühlt sich dem Toten näher, man hat den Tod überwunden. Und der schöne Junge, der Sohn Herzls, sagt den Kadisch. Der arme Knabe! Wir haben einen Führer, er einen Vater verloren. Und während ich den Kadisch höre, schfinCs mir, als ob ich die Stimmen der Juden in allen Ecken und Enden der Welt vernehme — und alle sagen Kadisch. Und wenn ich eine alte, schöne jüdische Parabel anwenden wollte, würde ich sagen, auch die „Malache Haschores" die „diensttuenden Engel* sagen Kadisch! — Im Nebenzimmer stehen die zwei Mädchen, die Töchter des Verewigten — ist doch Frauen der Eintritt in das Männerbethaus verboten! Und sie möchten doch etwas hören, sie möchten den traurigen Tönen lauschen, die aus dem Zimmer herausströmen. Und wenn sie auch die Worte nicht verstehen, der traurige Ton sagt ihnen alles. Und auch das geht vorüber. Und ich gehe hinaus. Ich blicke zum letztenmal auf das Haus, alles Irdische an dem verstorbenen Führer verflüchtigt sich in meiner Vorstellung. Ich sehe kein Haus, keine zeitliche Wohnung, keine verwischbaren, vertilgbaren Spuren des irdischen, sterblichen Menschen mehr — ich sehe nur die grosse, historische Persönlichkeit — und die 1 e b t. . ♦ . Ueberau sehe ich sie, überall wird ihre Wirkung hervortreten. Und Abend wurde es; ein blauer, warmer Sommerabend. Wehmütig wurde mir im Herzen. Und etwas wie leise Hoffnung erwachte in mir. A. Coralnik. In seinem Arbeitszimmer. Ich sitze auf dem Fauteuil zur Linken des Schreibtisches. Wie oft bin ich da gesessen! Und ich starre auf den Schreibtisch. Da steht alles in derselben Ordnung wie immer. Die kleinsten Gebrauchsgegenstände sind auf ihrem Platze, genau so wie sonst. Der Armstuhl mit dem Lederpolster öffnet weit seine Arme — nur er, er ist nicht da. Der Platz ist leer. Eine ganze Weile sitze ich ruhig. Es ist mir, als ob ich Ihn erwarte..... Halb unbewusst betrachte ich das Bild seiher Mutter, dann die beiden Büsten auf dem Regale und blicke zerstreut auf die vielen bunten Bücherrücken. Durch die offenen Fenster rauschen leise die Bäume, und ich sehe, wie sie grüssend ihre Zweige ins Zimmer strecken. Da liegt ein grosser Schatz menschlicher Entwicklung in hundert und aberhundert Bänden und dort lauscht durch das Fensttr das alte, wundervolle Geheimnis von der fröhlichen Auferstehung nach winterlichem Tode. Die Bü her stehen wohlgeordnet in Reih und Glied. Sie haben ihre Pflicht getan. Sie haben gesagt, was sie wussten, nun mögen sie ruhen. Bis sein Auge wieder einmal' auf sie fällt, bis er eines oder das andere wieder auf eine kurze Weile zum Leben erweckt. Die Bäume aber werden alljährlich höher und stolzer, ohne dass er sie pflegte, und wecken die Ahnung ewigen Seins, davon er ein Teil ist, wie sie, — ein Gleiches. Ein Schmetterling fliegt ins Zimmer. Ein zierliches kleines Ding. Gerade auf die Bücher zu. Auf einem lässt er sich nieder. Er faltet die Flügel zusammen. Bald aber breitet er sie wieder aus und leisen Fluges zieht er von dannen. Draussen lockt das neue Leben mit den süssen Blütenträumen, mit den duftigen Blumen — und die Bücher sind so trocken und duftlos. Er kommt noch immer nicht. War das nicht ein Pochen? Jetzt wird gewiss eines der Kinder kommen, behutsam die Türe öffnen und fragen : „Darf ich?" Und er wird sanft lächeln und sagen: „Komm nur, mein Kind!" Aber nein, es war eine Täuschung. Niemand kommt, und er kann ja nichts sagen, er ist ja nicht da. Ich grüble weiter. Warum heute keine Briefe daliegen? Sonst lagen ihrer ganze Stösse hier. Die einen bereits geöffnet und mit Blaustift beschrieben, die anderen noch verschlossen, ein Briefbeschwerer auf ihnen. Heute gar nichts. Merkwürdig! Ich bemühe mich,

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