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Die Welt · 1904-01-01 · 29 (1904) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
29 (1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 10 „bis # weit Nr. 29 es wie kein zweiter, da er uns wie kein zweiter kannte. Er war ja auch denselben Weg uns vorangegangen, den wir Studenten folgten. Er wäre nicht der Mann, als der er eich uns dann in seiner Grösse gezeigt hat, wenn er sein Ohr dem Schmerzensschrei des eigenen Volkes verschlossen hätte. Auch in sein Zimmer drang ein Ruf der Judennot und diese Judennot drückte ihm die Feder in die Hand und er schrieb ein Buch, ein Werk des Geistes. Aus dem Werke des Geistes wurde ein Werk der Tat. Noch konnte er nicht ahnen, welch' uageheueres Sehnen er hervorgerufen, welchen gewaltigen Umsturz er beschworen hatte. Und stille in seiner ganzen Schlichtheit wollte er wieder zurückkehren in die Studierstube. Aber in hunderten von juagen Studentenherzen hatte er eine Flamme entzündet, die nicht mehr zu löschen war. Sie hoben ihn auf ihren Schild uad folgten ihm hinaus ins Leben. Und aus den hunderten der Studentenbewegung wurden tausende und tausende. Uns Studenten hat er zurückgeführt zu seinem, unserem Volke. Dass wir nicht buhlen mehr um fremder Völker Gunst — wir danken es ihm, dass wir uns wieder gefunden zum Werke der Befreiung — wir danken es ihm, dass wir den Nacken nicht feige beugen und uns zu wehren wissen als Juden — wir danken es ihm, dass wir aus Judergungen — junge Juden geworden sind — wir danken es ihm. Aus Judenjungen — junge. Juden! Das war sein Reisesegen an uns, die studentische Jugend. Und das möge auch für uns ein heiliges Vermächtnis sein! Erhabener, teurer Meister, Deine Edelknaben hast Du uns oft genannt! als Deinen Edelknaben war es unser grösstes Bemühen, Dir nachzueifern und Freude zu bereiten. WTir alle, alle liebten Dich mit der ganzen Glut unseres jungen, heissen, jüdischen Herzens. Du hasst uns zum Leben erweckt, und Du, Du liegst in der Gruft. Doch nein! Nicht tot bist Du für uns, ewig leben wirst Du in unserem Angedenken« „Denn Du warst unser, mag das stolze Wort den lauten Schmerz uns übertönen." — Mag dieses Bewußtsein uns di* Kraft geben, in Deinem hohen Sinne zu arbeiten und zu leben. Und so wollen wir Dich nicht als einen Toten beklagen, nein, schwören wollen wir in dieser Stunde und mit uns schwört die ganze grosse jüdische Jugend in allen Ländern: In allem, was wir jetzt beginnen, in allem, wo wir dann im Leben werden ringen, sollst D u als leuchtend Ideal, Dein Geist uns führen überall. So hoffen wir, dass uns der Tag gegeben, den Du als Endziel uns hast vorgestellt* so wollen wir mit edlem heissen Streben eher den Tod, als in der Knechtschaft leben! Nathan Gross: „Durch zwei Jahrtausende lastete auf den Juden ein furchtbarer Bann, ihr Vaterland verloren zu haben, weil sie ein „am k'sche oref (synj? nt&p Dl?) waren und durch Uneinigkeit zugrunde gegangen waren. Dieses Bewusstsein raubte den Juten das Vertrauen zu ihrer eigenen Kraft. Von diesem Bann hat uns Theodor Herzl befreit und uns das Vertrauen wiedergegeben." Redner leistet im Namen der „Poaie Zion" und des Verbandes der jüdischen Arbeiter und Angestellten in Oesterreich den Schwur, dass sie treu und einig im Geiste Herz is weiterarbeiten werden. In tiefer Ergriffenheit lauschte die Trauerversammluug den Reden. Während einzelner Reden weinte Alt und Jung, andere wirkten begeisternd, erhebend. Die Teilnahme der Versammelten hielt bis zum letzten Worte gleich stark an. Als die feierliche Weise des Sch'wissi ertönte, wurde das Weinen allgemein. Und doch war es für Viele Linderung ihres Schmerzes, dass sie weinen konnten, wieder weinen, nachdem sie in den letzten Tagen schon so viele Tränen vergossen hatten. Die würdige, tieferschütternde Kundgebung, die nicht ein einziger Misston gestört hatte, wird den Teilnehmern immer in Erinnerung bleiben. Und doch! Weh uns, dass wir um ihn trauern müssen! Weh unserem Volke, dass wir ihm Trauerfeiern veranstalten! Wir sind die Trauernden Zions und Jerusalems; noch fanden wir keinen Trost in unserem Leide. Nur ein Gedanke ringt sich zu immer grösserer Klarheit in uns durch: Wenn wir ihm wirklich unsere Liebe und Treue beweisen wollen, dann müssen wir alles tun, dass sein Herzenswunsch erfüllt werde, dass er wenigstens ruhe in des Heimatlandes Erde, wenn es ihm das Geschick nicht gönnte, sie als Sieger zu betreten. Und so haben wir von der Trauerfeier den festen Vorsatz mitgebracht, weiter zu kämpfen und zu arbeiten nicht nur unsertwegen, nicht nur um des Volkes sondern auch um seinetwillen, den wir so sehr geliebt haben und immer lieben werden. Aus dem Trauerhause. Ich trete wieder in das Trauerhaus ein. In das Haus wo er gelebt und geschaffen hat, in das Haus, wo seine Bahre stand, in seine letzte Ruhestation hier auf Erden. Erst vor kurzem — einige Tage sind es her — war diesesHaus eine Wallfahrtstätte von Tausenden Betrübter und Weinender. Erst vor kurzem habe ich hier Szenen gesehen, die ich nie vergessen werde. Es war 8 Uhr Morgens. Eine Stunde vor dem Leichenbegängnis. In der Mitte des schwarz drapierten Z mmers stand der Sarg. Schwarz nur ein Sträusslein drauf. Kerzen ringsumher. Und um den Sarg acht Jünglirge, bleich von Antlitz, und schwarz gekleidet. Und ein älterer Mann stand zu Häupten des Sarges. Er beugte sich über denselben und schluchzte und man sah, wie seine Brust bebte, wie seine Gesichtsmuskeln zuckten, wie seine Tränen flössen. Und er erhob sich vor der Bahre und sagte mit gebrochener Stimme : „Kinder, wir wollen weinen, solange wir allein sind." Und alle weinten, alle .... Es weinten ergebene Kämpfer um ihren Feldherrr-, es weinten idealtrunkene Jünglinge um ihren Wegweiser, um ihren Führer, um ihren geistigen Vater. ♦ . . Und nun betrete ich aufs neue dieses Traueihaus. Und jeder Schritt ist eine Erinnerung, jedes Stück eine Reliquie, jeder Zoll erweckt Stimmung, Weh und Sehnsucht nach dem, der nicht wiederkehren wird. Es sind die Tage der „Schiwa." Nach altjüdischem Ritus trauert die Familie des Verblichenen an diesen Tagen, Mutter und Kinder. . . . Bloss diese? Sitzt nicht das ganze jüdische Volk „Schiwa", weint nicht die Mutter Rahe], Allisrael vm den grossen Sohn? Ich komme zum „Minjan*, zum Gottesdienst, der an diesen Tagen zweimal täglich — Morgans und Abends — zum Andenken an den Toten abgehalten wird. Für manche sonst nur Pflicht, wird das Beten jetzt ein Trost, eiu freudiges Tun, ein Genuss, denn auch der Schmerz hat seinen Genuss. . . Es ist, als ob man suchte, dem Toten womöglich mehr Pietät zu erweisen, als ob man Abbitte tue für jeden Gedanken, der ihn vielleicht bei Lebzeiten betrüben konnte. Und man möchte dem Toten eine Freude machen. Dem Toten! Und ich gehe hinein in das Zimmer, das zu einem improvisierten Bethaus verwandelt wurde. Es ist das Kinderzimmer. Gedanken tauchen auf. Erinnerungen an Herzl, den Aestheten, an Herzl, den Schriftsteller, den gemütsvollen Menschen. H er z l's Kindersehilderungen! Wer kennt sie nicht diese traumumwobenen, zartgesponnenen, so liebenswürdigen und liebevollen Kinderfeuilletons!

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