Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 29 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 „bie w^it" Seite 9 Namen und an ihn knüpfen sich bald alle Hoffaungen und Erwartungen des ganzen Volkes. Wir stehen vor einem grossen Wendepunkt in der allerneuesten Geschichte unseres Volkes. Die Zeit, wo nur die Alten (Sekenim) das Wort zu führen hatten, ist verschwunden. Da kam ein grosser Held, der moderne „Schaufet" in Israel und sein Erscheinen verkündete den Anbruch des hellen Tages nach der langen, langen Nacht. Wie ein echter Held war er von seinem Volke gar nicht gekannt, es verflossen aber nur einige Jahre und der Name H e r z 1 verbreitete Hoffnung und Freude, Licht und Wärme, wo früher Verzweiflung und Kummer, Finsternis und Kälte geherrscht hatten. Und das grosse liebevolle Herz des grossen Helden schlug immer für sein heissgeliebtes Volk : Es schlug vor tiefem Schmerz, wenn es sich der Gegenwart, vor Freude und Entzücken wenn es sich der hoffnungsvollen Zukunft zuwendete, und das Herz schlug so lange, bis ps krank wurde. Das Volk hat aber unglücklicherweise zu spät von dem kranken Herzen seines Führers erfahren. Alles war eines Sinnes, eines Herzens, als man von der Krankheit erfuhr, und jedes jüdisch fühlende Herz wurde krank. Doch wenn auch die lebendige Geschichte vorwärts eilt, wenn auch die lebenden Historiker es nicht zugeben wollen, die geschriebene Geschichte wird es zeigen, die zukünftigen Geschichtsschreiber werden es zugeben müssen, dass Herzl ein war, denn unerwartet tauchte er auf und ebenso unerwartet verschwand er. Jawohl, wir beginnen jetzt aufs Neue unsere Geschichte, wir stehen in der Epoche der D'toBittf un(i i& dem neuen Buche dieses Namens wird einst der Name £B^fi pa^a verewigt werden. Dr. D. Alcalay, Vizepräsident der seph. Kultusgemeinde Belgrad (spanioliseh): Verehrte Trauerversammlung! In der langen Zeit, da die jüdische Nation in allen Teilen der Welt zerstreut ist, hatte sie den Verlust vieler hervorragender Söhne zu beweinen. Alle diese hervorragenden Söhne Israels haben in gewisser Richtung für unsere Glaubensgenossen viel Grosses und Gutes geleistet. So haben wir grosse Zelebritäten, Literaten, ebenso Philanthropen, die für unsere bedrückten Glaubensgenossen in verschiedenen Ländern viel geleistet haben, um deren Not und Leid zu lindern. Aber in diesem Zeiträume von 2000 Jahren, da unser Volk in der Zerstreuung lebt, war ein einziger hervoragender Se hn Israels, der für das ganze jüdische Volk Grosses, Herrliches geleistef, Dr. Theodor Herzl, dessen frühzeitiges Ableben wir heute betrauern und beweinen. Gerade deshalb, weil Theodor Herzl in dieser langen Zeit des jüdischen Golus der einzige seiner Art war, musste das jüdische Volk, das auf Schritt und Tritt von Unglücksfällen verfolgt wird, auch von diesem enormen Unglücke ereilt werden, diesen seinen einzig dastehenden, hervorragenden Sohn in der Blüte seiner Jugend, im Alter von 44 Jahren, zu verlieren. Jener süsse Mund, dem so viele süsse Worte entströmten, die in das Herz und den Sinn des Volkes gedrungen sind, ist für immer verstummt. Die Blicke jener Augen, die für unsere armen, bedrückten Glaubensgenossen als vielverheissende Sonnenstrahlen schienen, sind leider für immer erloschen. Jenes melancholische, leuchtende Antlitz, das den jetzigen Stand der Juden symbolistisch zeigt, nämlich Melancholie und Trauer in der Gegenwart, Licht in Zukunft, ist leider mit Erde überschüttet worden. Seine Taten mit seiner Aufopferung hatten nur das eine Ziel, die Befreiung des ganzen jüdischen Volkes. Dieses Ziel, Geuloth Israel, hatte für seinen vornehmen Charakter, für sein menschenfreundliches Herz und für seine erhabene Seele einen solch unwiderstehlichen Reiz, dass er diesem Ziel seine Zeit, sein Vermögen, sein Herz, seinen Geist zum Opfer brachte. Aber alle diese Opfer waren für ihn nicht genügend. Dieses Ziel war für ihn so heilig, dass er die Serie seiner Opfer auch mit dem Opfer seines Lebens abschloss. Mit seinem Tode hat er dieses grosse Ziel besiegelt und geheiligt. Herzl ist tot, sagt man, aber nur sein Körper ist tot, sein Geist, seine göttliche Seele werden immer leben in dem Herzen jedes Juden, solange es Judentum gibt. Und wir werden es mit Zuversicht und Erwartung beleben, weil für das Judentum eine Rettung kommen muss, weil wir einen Dr. Herzl hatten, der nicht allein dessen bewusst und davon überzeugt war, sondern auch diese Ueberzeugung mit seinem Tode geheiligt hat. Und seine Seele, sie wird ewig leben und ruhen vor dem Throne Gottes. Und gerade deshalb, weil das Ziel der Arbeit Dr. Herzls die grosse jüdische Nation war, deshalb war sein Verlust auch ein Unglück der ganzen jüdischen Nation. Und die ganze Nation trauert um ihn, klein und gross, arm und reich, ohne Unterschied der verschiedenen Länder und des Ritus. Auch die sephardischen Zionisten des ganzen Orients, in deren Namen ich spreche, betrauern Herzl und kondolieren herzlichst und innigst der Familie zu dem ungeheueren Verlust und kondolieren dem ganzen jüdischen Volke zum Verlust seines Führers. Seine Seele ruhe vor dem Throne Gottes! Amen. Adolf Stand-Lemberg (polnisch): Im Namen der polnisch sprechenden Juden will ich von Herzl Abschied nehmen. Von Herzl, dem Juden, und von Herzl, dem Schriftsteller. Es gibt zweierlei Schrifsteller. Es gibt solche, die Werke schreiben,in denen sich ihr Inhalt erschöpft, es gibt aber auch solche, die von der Lebensfähigkeit ihrer Idee durchdrungen, sich in den Kampf stürzen, um ihre Idee zu verkörpern, ihrer Anschauung Ausdruck zu verleihen. Nachdem Voltaire eine ganze Reihe seiner besten Arbeiten geschrieben, erfährt er von einem unschuldig leidenden Meuchen. Er wirft die Feder weg und widmet sich der Verteidigung dieses Unglücklichen mit der ganzen Opferwilligkeiteines Südländers. Ebenso thut es Emil Zola. Als Verteidiger eines Unglücklichen trat auch unser Herzl auf. Der Unglückliche war sein Stamm, sein Golusvolk, moralisch schwach, physisch krank, geistig entartet, und der Heilkünstler, der Arzt, der ihm die Tiefe seines Wissens, sein riesenhaftes Talent und seinen besten Willen gewidmet — war Herzl. Der Arzt ist nun tot, aber seinem Patienten hat er das Leben wiedergegeben. Das Judentum lebt und Herzl lebt. Er lebt fort in seinem Sohne, der Hoffnung des Volkes, er lebt in uns allen, die wir seinen unersetzlichen Abganz betrauern. Er lebt in den breiten osteuropäischen Massen des Judentums, die ihren Führer und Helden beweinen. Andere Vö ker errichten ihren Halden Denkmäler. Auch wir würden ihm gerne ein Denkmal errichten, so glänzend, wie er es durch seine Aufopferung verdient. Leider sind wir aber ein armes, armes Volk. Ein Denkmal muss sich auf Erde stützen und wir haben kein eigenes Land. Erfüllen wir den letzten Willen H er zls und stellen wir ihm ein Denkmal! Und dieses Denkmai soll die Erlangung des Landes sein, seines Landes, unseres Landes. Herzl's heisser Wunsch war, wir mögen seine Leiche nach Palästina überführen. Wir werden es tun, aber früher bringen wir seinen Geist hin, und wenn das noch heute tote Land sich durch seine Ideen belebt, und von seinem Wesen durchdrungen ist, dann wird sein dankbares Volk in einem Triumphzug die sterblichen Reste des unsterblichen und grössten Ghettojuden hinüberführen. Kand. phil Oskar Frankl (Ivria)Wien. Sie haben einen Mann bagraben. Aber uns war er mehr* Uns, der jüd. Studentenschaft, gab der teuere Verbliebene alles, er gab uns nicht nur ein Ideal, er gab uns Lebenszweck und Lebensinhalt, denn er führte uns unserem Volke, dem wir bereits entfremdet waren, zurück. Und er konnte