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Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 14 „bie * weit" Nr. 28 Begraben seine Mechanik — es gibt zu tun. Die Behörde muss verständigt werden — der Kreisphysikus kommt — die Polizei meldet sich — die Kultusgemeinde will Auskünfte — der Friedhofsverwalter muss sich regen — die Ordnung des Leichenzuges festgestellt werden — für einige Augenblicke vergessen wir beinahe — wem wir das Grab bereiten. Und immer noch kommen Boten mit Depeschen, die man fast mechanisch abliest und registriert. Die Ausdrücke der Trauer gleichen sich. Was soll uns auch rühren, wo sein Weib das Weinen verhält und seine Mutter klagt. Sie steht im düsteren Gemache zu Häupten des, Sarges, Die linke Hand ruht dort, wo sie des Sohnes Gesicht vermutet, die rechte ist leicht erhoben. So steht sie da und klagt. Auch sie weint nicht, sie fragt bloss den lieben Gott, warum er das geschehen Hess. Und den Hörern dringt der Schmerz mit spitzen Stacheln in alle Nerven. „0 du mein Gott, ich hatte eine schöne, begabte Tochter. Du hast sie in voller Jugendblüte von mir genommen. Ich suchte Trost. So oft ich ein Mädchen unglücklich verheiratet sah, meinte ich, du hättest sie von diesem traurigen Schicksale bewahren wollen. Dann hast du mir meinen Mann genommen — er war kein Greis, er gin£ fast in der Frische des reifen Mannesalters. Auch da fand ich Trost, ja ich beruhigte meinen Sohn und sagte ihm: sieh, deinem Vater ist das Siechtum des Greisenalters erspart geblieben, er ist jäh, ohne Leiden und Krankheit abberufen worden. Aber jetzt, o du mein Gott, warum das? Warum nimmst du mir meine Stütze, meinen Stolz, meine Freude? Bisher war ich Theodor Herzls Mutter, das war mein Adelstitel. Was bin ich denn jetzt? In aller Ordnung wär's, wenn ich da drinnen läge, er hier stünde." Dann erzählt sie von dem Kinde Theodor, vom Jüngling und das alles in massvollen Worten, ohne Uebertreibung, in Sätzen voll Schönheit. Man merkt eine der Quellen, aus denen der Künstler Theodor Herzl gekommen ist. Ja sie waren Eins und einig, innerlich unlöslich verknüpft, er und seine Eltern — seine Kinder und er. Wir alle lieben unsere Kinder. Keiner so selbstverständlich, so zart, so innig wie Theodor Herzl. Wir alle ehren unsere Eltern, keiner so wie Theodor Herzl. „Es war oft befremdend", sagt seine Mutter, „wie er uns seine Liebe und Dankbarkeit, bewies. Oft sagte ich zu meinem Manne, er ist dankbar wie zu Stiefeltern, die mehr als ihre Pflicht getan haben; es ist zu viel — zuviel— wir haben doch nur getan wie alle Eltern." Am Sarge Theodor Herzls steigt ein feierliches Gelöbnis auf. Wir geloben seiner Mutter, seinem Weibe und seinen Kindern, sie zu ehren und zu betreuen, sie mit Liebe zu umgeben und allzeit ihrer zu gedenken. Wir wollen ihnen, wir die Nächsten zu ihrem früh verstorbenen, zu ersetzen suchen, was wir ihnen genommen haben, wir wollen abzahlen von all dem Reichtum, mit dem er uns beschenkt hat. Und Theodor Herz Ts Mutter fällt auf den Sarg dort, wo das Haupt ihres Sohnes ruht, und dankt mit sanften Tränen der Rührung. Frau Julie ordnet die Depeschen, die wie ein reicher Regen niederrieseln. Sie wusste es längst, wie geliebt ihr Mann war, was er einem ganzen Volke bedeutete — aber sie sieht es jetzt mit eigenen Augen, sie erfasst es sinnlich, dass Tausende, ja Abertausende mit ihr weinen und trauern. Aber ist dies ein Trost? Die Kinder sind mit Spielgefährten vereint, sie sollen ein wenig vergessen, für Augenblicke den düsteren Gast übersehen. Die Mädchen sitzen beisammen und versuchen der Mutter zu Willen zu sein, Hans kauert abseits und liest in einem Buche. Erst schüchtern, dann deutlicher tönen Worte, seltsame Sätze von seinen Lippen. . Jiskadai wejiskadasch schme rabbo : Und wir weinen wieder — Hans übt das Kaddisch-Gebet Der ganze Jammer des Tages, die ganze Grösse des Unglückes drängt sich auf: Theodor H er z Ys Sohn lernt das Kaddischgebet. Während seine zarten jugendfrischen Lippen sich bewegen — sehe ich Tausende, die zuhören — eine grosse Gemeinde ist versammelt, sie reicht von einem Weltmeer zum andern, ein erschütterndes Schluchzen dringt aus der Ferne und ein gewaltiger Chor resspondiert. Amen jehe schme rabbo. So entflogen die Stunden unseren befangenen Sinnen. Denn klar denken, das vermochte keiner, noch weniger wars zu verstehen. Fast hatten wir uns daran gewöhnt, dass der Tod zu Gaste gekommen, dass es finster geworden im hellen Arbeitszimmer Theodor Herzls. Immer wieder kamen die Mitglieder der Familie ihn zu besuchen. Bei Lebzeiten hat er niemand betrübt scheiden lassen, jetzt könnt ers nicht hindern. Und doch wars allen ein Trost, dass er da war. Tot und starr, eingesargt und regungslos, aber da war er. Doch die Stunden flogen und die Tage gingen und es kam der letzte Morgen. Regungslos standen noch immer die Studenten, seine Studenten, die sich lautlos ablösten und ernst nach ihrem toten Führer schauten. Aber sie waren unruhig geworden; es bedurfte nur einer äusseren Anregung, dass sie die Disziplin vergassen und laut schluchzten. AVir nahmen Abschied von ihm nach alter jüdischer Sitte, indem wir um Vergebung baten. Er hat uns so unsäglich viel zu verzeihen. Wohl haben wir ihn geliebt — aber nicht immer verstanden wir ihn, und die ihn am stärksten liebten, haben ihn am tiefsten gekränkt. Wir baten für alle Abwesenden um Verzeihung, und wahrhaftig, er trägt keinem mehr etwas nach. Dann weinten wir alle unseren Tränenvorrat zuende; wir ganz unter uns. Auf eine leise Mahnung standen seine Studenten wieder stramm wie die Soldaten. Sie hielten sich ganz wacker und als Paulinchen, geleitet von ihrer Tante, zum Abschied kam — da schluchzten einige Herren, aber immer in Habtachtstellung. Ach mein teuerer Freund, wir haben viel von dir gelernt. Haltung, Würde, ein steifes Rückgrat. Als seine Frau Abschied nahm, verliessen wir das Totengemach. Ehegatten haben sich so vieles zu sagen, was kein anderer hören soll. Und der Jammer nahm kein Ende. Auch die Mutter — seine Mutter liebkoste seinen Sarg zum letztenmale. Der Sarg wurde dann mit der umflorten Zionsfahne bedeckt; sein Wappen, der Mögen David, lag über seinem gebrochenem Herzen — sodann begann die Totenparade. Die Tränen eines ganzen Volkes sind in den nächsten Stunden über unser Panier geflossen, das an diesem Tage doppelte Weihe erhalten hat. Die Spannung stieg von Minute zu Minute. Die Studenten wurden vollständig abgelöst, ersetzt durch die Mitglieder des Aktionskomitees.

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