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Die Welt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 28 „bi* j> W^lt" Seite 13 Der Pariser Temps vom 5. Juli veröffentlicht folgenden Nekrolog, der umso bemerkenswerter ist, weil wohl zum erstenmale der Ausdruck „Jüdisches Volk" gebraucht wird: Man meldet aus Edlach bei Wien den Tod des Dr. Theodor Herzl, der bloss ein Alter von 44 Jahren erreicht hat. Theodor Herzl war durch 7 Jahre hindurch Korrespondent des Wiener Blattes „N. F. P." in Paris. Eine Frucht dieses Aufenthaltes ist das Buch „Das Palais Bourbon", in welchem er die französischen Politiker, portraitierte. Sein Urteil über diese hat sich meistens bestätigt. Herzl war gegen 1896 besonders als Feuilletonist, als Romanschriftsteller und Dramaturg bekannt. Als solcher erzielte er in Oesterreich grosse Erfolge. Während des Aufenthaltes in Paris war er durch den Lärm der antisemitischen Presse tief erschüttert und sann auf Mittel der Judennot abzuhelfen. Er nahm die Idee auf, welche vor ihm manche Denker ausgesprochen haben, die Juden nach Palästina zurückzuführen und schrieb die kurze und tief durchdachte Broschüre „Der Judenstaat". Er schuf aus einem Guss die zionistische Bewegung, dann verliess Theodor Herzl die literarische Karriere, die sich glänzend vor ihm eröffnete und widmete sich voll und ganz dem grossen Werke, das auszuführen er für möglich hielt. Die religiösen Doktrinen des Judentums hatten keinen Einüuss auf ihn gehabt und er machte aus der Judenfrage eine Nationalitätenfrage. Dr. Herzl hat in seiner Eigenschaft als Chef der zionistischen Bewegung mehreremals bei Eegierungen als Vertreter des Jüdischen Volkes interveniert. Er hatte für sein Werk die Unterstützung des Zaren und des H. v. P1 e h w e, wie auch die des Präsidenten Boosevelt und Wilhelm II. erhalten und schliesslich jene der englischen Regierung, welche ihm Britisch-Ostafrika angeboten hat, um daselbst das jüdische Volk anzusiedeln. Theodor Herzl war ein Mann von grosser Bedeutung und sein Tod bedeutet einen höchst fühlbaren Verlust für die zionistische Bewegung, die er geschaffen hat und deren Seele er war. Der Newyorker Herald vom 4. Juli bringt neben dem Porträt Dr. Herz Ts folgende kurze Depesche: Dr. Theodor Herz Ts Tod in Wien. Der Begründer der modernen Bewegung zur Rückkehr der Juden nach Palästina ist der Ueberanstrengung erlegen. Er ist als Opfer seiner unermüdlichen Energie für den Zionismus gestorben, für den er alle Hauptstädte Europas durchlief und in dessen Interesse er mit allen Staatsmännern und Staatsoberhäuptern, sogar mit dem Papst und dem Sultan Unterredungen hatte. Im Trauerhause. Hier wo Theodor Herzl als gebietende Kraft arbeitete, in jenem Räume, der Zeuge war seiner Herrschaft über das jüdische Volk, seiner steigenden Macht über die Gemüter, hier liegt er gefällt von einem grösseren Herrn, eine Beute des mächtigen Gleichheitsfanatikers, ein Kind des Todes. Die Bücherkästen, die ihm Weisheit geboten hatten und deren Inhalt er mit so vielen graziösen Bänden voll verhaltener Schönheit bereichert hat — sie sind schwarz verhängt. Das Tageslicht wird von dunklen Tüchern abgehalten, um diebrennenden Lampen hängen schwarze Schleier und in der Mitte des Zimmers erhebt sich ein dunkles Etwas — das verloschene Licht, das erstorbene Gestirn — die sterblichen Reste Theodor H e r z 1 s. Die Studenten — seine Studenten in bürgerlicher Trauer halten die Totenwacht, manche tragen Farben, abgetönte Farben mit dunklem Flor verhüllt. Draussen im Vorzimmer ist ein stetes Kommen und Gehen. Der elektrische Funke hat die Trauerbotschaft in die Ferne gejagt und mit Blitzeseile kommt die Antwort: Ausdrücke tiefster Trauer, Anzeigen von abreisenden Deputationen und Entschuldigungen. Die Depeschen häufen sich — man trennt sie in solche, die der Partei gehören und in Beileidsbezeigungen für die Familie — denn Frau Julie, Theodor H e r z 1 s Weib, ist eifersüchtig bemüht, kein Stück Papier zu verlieren, das zu ihrem Gatten in Beziehung steht und ihr gehört. Sie hat uns den ganzen Mann gegeben, ihr ganzes Glück, den Inhalt ihres Lebens; sie hat ihn gegeben, widerwillig oft — aber sie musste es dulden, dass wir ihn genommen haben — genommen und aufgezehrt. Nun weinen reife Männer mit ihr wie die Kinder und die Jungen trauern wie die Männer. Sie aber sieht uns alle mit hungerigen Augen an, mit Blicken voll brennenden Weh's. Sie verlangt ihren Mann von uns und findet nur einen Leichnam. Ihre Schwestern sind um sie bemüht, das Haus verlangt sie — dunkle Kleider werden gebracht. Besuche melden sich, die Kinder drängen sich an die Mutter, das Leben brandet am dunklen Gestade des Todes, das tiefste Leid für Augenblicke stillend. Ihr ältestes Kind, der Mutter Ebenbild, benützt diese Pause, dem Vater näher zu kommen. Sie verbirgt das helle Gesicht im Düster des Bahrtuches, leise aufschluchzend — Hans, Theodor Herzl's Sohn, sein teures Vermächtnis an das jüdische Volk, kommt der Schwester nach, sie dem Schmerze zu entziehen. „Aber das ist ja gar nicht auszuhalten", klagte sie leise vor sich hin. Trude, die Jüngste, dem Vater ähnlich im Bild und Wesen, philosophiert in seiner Art „Ja, man muss es aber doch aushalten". In der Tat man muss! Uebernächtige Gestalten kommen mit den Morgenzügen von Ost und West, von Norden und von Süden. Manche weinen lange und bitterlich, viele stehen da und schauen voll Verzweiflung nach dem schwarzen Tuche. Nicht allen Leuten iiiesst die befreiende Träne. Hans klagt auch tränenlosen Auges. Er legt die Hand auf sein junges Herz. „Sehen Sie", sagte er, „da drinn fühl ich's so, so merkwürdig, aber weinen, weinen kann ich nicht." Auch wir, die den Tag hier verleben, weinen nicht mehr, die Augen sind trocken — sie haben keine Tränen mehr. Wir müssen auch arbeiten. Die Herren vom A.-K. haben das Testament gelesen — zum letzten Male hat ihr Meister zu ihnen gesprochen ~- seines Geistes Spur ist um uns. Er will einfach begraben sein. Begräbnis letzter Klasse heisst es wörtlich. Etwas vom Prunk der städtischen Chewra Kadischa ist aber schon ins Haus gedrungen, Lorbeer und andere südliche Bäume erfüllen die Zimmer. Er ruht unter Palmen, die er so sehr geliebt. Aber sie stehen in Kübeln — Treibhauspflanzen, Theodor Herzl! Wann werden die Wurzeln des Dattelbaumes an Deinem Sarge pochen? Auch Kränze wollte er nicht — da sie aber gebracht werden, legt man sie im Nebenzimmer zusammen. Nur einige bescheidene Blumen zierten das Düster des Sarges. Sie stammen von einem dankbaren Arbeiter, dem Herzl Gutes getan. Auch ein junges Mädchen hatte die Blüten des eigenen Beetes dem Freunde ihres Vaters gesandt. Blumen aus zionistischer Erde — sie werden stillschweigend geduldet. Und sie kommen mit ihm ins Grab. Das Grab — in der Tat, wir dürfen nicht weinen. Auch der Tod hat seine Routine und das

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