Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 „bie # weit" Seite 11 nüsse schriftstellerischer Kunst. Die Massen aber, die er um sein politisch-nationales Ideal zu scharen verstand, werden in tiefster Trauer um den Führer klagen, der grossen Herzens und mit weitausgreifenden Gedanken unermüdlich an der Verwirklichung der Pläne gearbeitet hat, die zahllosen Mühseligen und Beladenen ein gelobtes Land, ihr gelobtes Land in jedem Sinne versprachen. Theodor Herzl, der über die Träne eines Kindes, über einen Spaziergang in einem Wiener Park, über ein so unscheinbares Ding, wie eine Brille, Gedanken spann, die vom Kleinsten ins Grosse, von der Zufälligkeit momentaner Form ins bedeutsam Allgemeine, ja ins Ewige führten — Theodor Herzl, der Mann des glänzenden und feinen Wortes, war grösser noch als Mann der Tat, als Schöpfer und Leiter einer Bewegung, die im Laufe von wenigen Jahren Tausende von Menschen ergriffen hat und auf durchaus realem Boden, mit den Mitteln kühner, aber überlegter Politik, einem weit gesteckten und doch greifbaren Ziele zustrebte. Er war der Anreger und Führer der zionistischen Bewegung in Oesterreich, er war bald eine der ersten, vielleicht die erste Persönlichkeit des internationalen Zionismus, Das ist, wie in zahlreichen Schriften, Programmen und Heden auseinandergesetzt wurde, wie vor Allem Herzl selber in seinem „Judenstaat" mit Wärme und Kraft ausgeführt hat, die Bewegung, die darauf abzielt, dem in der ganzen Welt zerstreuten, von den meisten Nationen gehassten, unterdrückten und gepeinigten Volke der Juden in Palästina, dem Lande, dass sie einst besessen und beherrscht haben, einen neuen Boden für ihre selbstständige nationale und politische Entwicklung zurückzugewinnen. Jeder, ob Zionist oder nicht, ob Freund oder Feind der Juden, wird anerkennen müssen, dass eine menschliche Grösse, die in unseren Tagen nicht mehr häufig ist, darin liegt, wie Herzl die Massen um sich zu scharen verstand, wie er mit der Kraft seiner Person, seines Geistes und seiner Stellung für seine Ideale, die die Ideale von Zehntausenden geworden waren, eintrat, wie er vor dem grössten Unternehmen und vor der kleinsten Arbeit nicht zurückscheute, wenn es galt, die Wirklichkeit dessen, was er als die Zukunft seines Volkes vor sich sah, irgendwie näher heranzuziehen. Die Bedeutung seines Wirkens für sein Volk wird und kann Niemand antasten; darin lag sein Herz, alle Triebkräfte seines Blutes, darin wirkte das Nationale in ihm, und das ist immer unter allen Umständen das Allerbeste an jedem Menschen. Seine literarische Bedeutung liegt zunächst in dem Glanz und Schliff, in der äusserst anregenden Feinheit der Form, die er seinen Gedanken und dem, was dazwischen war, geben konnte. Wie bei jedem Schriftsteller von Rang, so floss auch bei ihm die Form mit dem Gekanken unlöslich zusammen, und bei seinen Arbeiten leichteren Genres musste man oft überlegen, ob es die ungewöhnliche Wendung der Form oder der tatsächliche Ideengehalt war, der an dieser oder jener Stelle eine so pikante und unwiderstehliche Anziehung ausübte. Er wusste wie kein Zweiter in Wien kleine und feine Dinge anziehend und bedeutsam —- oft überbedeutsam bis zur fühlbaren Absichtlichkeit — auszusprechen. Er war in diesen letzten Jahren unstreitig Wiens hervorragendster Feuilletonist. Seine Feuilletons in der „Neuen Freien Presse" waren für die ganze deutsch lesende Welt Gegenstand der Aufmerksamkeit und wurden meist mit Entzücken, immer aber mit einem sehr respektvollen Interesse beurteilt. Die „Wiener Abendpost" sagt von Herzl: „Er war ein Meister der Gefühlspointe und verstand es, tiefe und bedeutende Dinge in höchst anmutiger Form vorzubringen. So konnte er aus seinem vielseitigen Wissen, das alle Gebiete menschlicher Kultur zu umspannen strebte, dem Leser so manches mitteilen, was aus anderer Feder ermüdend gewirkt hätte. Herzl galt mit Recht als eine Zierde des deutschen Feuilletons, als feinsinniger Publizist von reichen geistigen Interessen. Der Verstorbene hat frühzeitig in die zionistische Bewegung eingegriffen, wurde alsbald einer ihrer Führer und entfaltete publizistisch, sowie auf Reisen und Kongressen, aber auch im unmittelbaren Vortrage vor Staatsoberhäuptern und Regierungen eine rege Tätigkeit im Dienste jener Idee. Die „Wiener Morgenzeitung" nennt Herzl „einen der Begabtesten unter den jüngeren Schriftstellern, einen Mann von vornehmer Denkungsart, zugleich einen begeisterten Verfechter der Rechte seiner Glaubensgenossen. — — Er hat das „gelobte Land", das er suchte, nicht gefunden. Der Tod hat ihn abberufen, ehe noch mehr als die Vorbereitungen getroffen waren. Er ist für seine Idee zu früh gestorben, ebenso wie er für die Schriftstellerwelt zu früh abberufen wurde, die von seinem Talente, seiner vornehmen Schreibweise, seinem Gedankenreichtum noch viele kostbare Gaben zu erwarten hatte.* Das „Neue Wiener Tagblatt" : „Von der Natur mit einer ungewöhnlich sympathischen Erscheinung ausgestattet, von gewinnendster Liebenswürdigkeit im Umgange, begabt mit dem Talente, ernste Dinge in graziösester Form zu sagen--.* Das Wiener „Fremdenblatt* : „Theodor Herzl war einer der interessantesten Köpfe in der Galerie der Wiener Schriftsteller. Er führte sich mit Skizzen und dramatischen Kleinigkeiten ein, deren kennzeichnender Zug die Grazie war. Während aber seine Feder immer feiner, subtiler und glitzernder wurde, drang zugleich eine melancholische Ironie in seine Betrachtungsweise, die zu philosophischer Resignation emporstrebte. Das Mitgefühl mit den Armen und Elenden leitete ihn zu praktischer Tätigkeit über und er ergriff mit Eifer den Gedanken, das Schicksal seiner jüdischen Stammesgenossen zu verbessern. So sah man diesen, scheinbar einer künstlerischen Leichtigkeit zugewendeten Geist zum treibenden Leiter einer Bewegung werden, die von allen intellektuellen Luxusbedürfnissen weit ablag. Armselige russische Juden umgaben ihn und verehrten ihn wie einen neuen Messias. Sein Aeusseres widersprach nicht dieser merkwürdigen Doppelmission; sein feingeschnittener Kopf von echt semitischem Typus musste jedem auffallen, der ihn erblickte." Die „Wiener Allgemeine Zeitung" : „Im Ganzen ein Leben voll Tätigkeit und Arbeit, vielseitig und weitausgreifend. Niemals hat Theodor Herzl seinen enormen Einfluss, der nicht nur aus seiner Stellung, sondern vielmehr aus seinen umfassenden persönlichen Beziehungen herrührte, für sich ausgenützt. Er hätte mit Leichtigkeit alle seine Bekanntschaften auf der ganzen Erde, bei allen bedeutenden Schriftstellern Europas zur Förderung seiner schriftstellerischen Arbeiten verwerten können und hat Besprechungen nicht nur nicht hervorgerufen, sondern unterdrückt. Aber wiederholt hat er Anfängern den Weg aufgetan, und es gibt Viele, die ihm verpflichtet sind." Die Berliner „Vossische Zeitung": „Herzl stand noch im besten Mannesalter, und wer ihn von Angesicht kannte, hat ihm sicher eine längere Lebensdauer vorausgesagt. Er ist aber nur 44 Jahre alt geworden. Herzl wandte sich früh der Tagesschriftstellerei zu. Durch die Berufung in die Redaktion der „Neuen Freien Presse* in Wien erschloss sich ihm ein günstiges Arbeitsfeld. Herzl war hier mit mannigfachen Aufgaben betraut. Seine Hauptaufgabe war die Kritik des Theaters. Er war dazu besonders auch dadurch geeignet, dass er selbst als Theaterdichter sich zum Schaffen berufen fühlte. Das erste Erzeugnis Herzls aaf diesem Felde ist das Lustspiel „Kompagniearbeit*. Es